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Lisa Schneider

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27. 2. 2017 - 13:36

Es ist kompliziert

Von Band zu Solo zu völlig neuem Musikverständnis: Dirty Projectors sind mit selbstbetiteltem neuen und bereicherndem Album FM4 Artist Of The Week.

Es ist wahrscheinlich bald zehn Jahre her, da habe ich Coldplay in einer Fernsehshow gesehen, und die Band war dazu beauftragt, ihre favorite songs of all time vorzustellen. Und auch, wenn Chris Martin mittlerweile als ernstzunehmender Juror wegfällt, hat er mich damals auf einen der nach wie vor besten Songs der amerikanischen Band Dirty Projectors gebracht, nämlich „Stillness Is The Move“. Das dazugehörige Album, „Bitte Orca“, ist nach wie vor das am höchsten gelobte dieser Band, die sich so wirklich überhaupt nicht in ein musikalisches Genre quetschen lässt.

FM4 Artist Of The Week

Jede Woche hier.

Dirty Projectors waren da noch eine Band mit voller Besetzung, und David Longstreth, der Hauptverantwortliche in allen musikalischen Belangen, ein glattrasierter, quirliger Typ, ungebändigt.

Dirty Projectors

Jason Frank Rothenberg

Gebändigt ist er noch nicht - auch, wenn die Stirn mehr in Falten gelegt und das Gesicht mittlerweile mit Vollbart geschmückt ist. Aber in sich gekehrter, zurückhaltender wirkt er. Und vor allem, ist er jetzt allein, Dirty Projectors in früherer Form sind passé.

An end has a start

Schon immer war die Member-Rotation bei Dirty Projectors eine hohe, Dave Longstreth das einzig beständige Mitglied. Nun hat er sich von seiner musikalischen und privaten Partnerin Amber Coffman getrennt – oder wichtiger, sie sich von ihm. Dass das neue Album der Dirty Projectors, das er zum ersten Mal in 15-jähriger Bandgeschichte als Soloprojekt aufgenommen hat, selbstbetitelt „Dirty Projectors“ heißt, ist nur das erste Paradoxon dieser komplizierten Platte.

„I don’t know why you abandoned me. You were my soul, were my partner“. Mit läutenden Glocken, definitiv nicht zur Hochzeit, wird das Album eröffnet. Bevor uns donnernd und direkt, wie eine kalte Wasserfontäne ins Gesicht, Dave Longstreth sein Leid klagt. Ein Break-Up-Album also.

Er hat nie ein Geheimnis um seine und Amber Coffmans Trennung gemacht, und die beiden haben sich sogar soweit zusammengerauft, dass er ihr beim Produzieren ihres Solo-Debuts "City Of No Reply" geholfen hat. Trotzdem strotzt das neue Album der Dirty Projectors vor Anschuldigungen, Hoffnungslosigkeit, Angst, Verzweiflung und allen anderen Heartbreak-Stadien, die man sich sonst noch vorstellen kann.

Das Trennungsalbum besetzt in der Popgeschichte seine ganz eigene Disziplin, und schon vorher haben sich große Künstler drübergewagt: Bob Dylan, Nick Cave oder etwa Amy Winehouse. Anfangs denkt man vielleicht, wenige KünstlerInnen wollen wohl so offen über diese Kategorisierung ihres Werks reden, wegen der wenig subtilen Schmerzhaftigkeit, das Ganze überhaupt benennen zu müssen. Nicht so Dave Longstreth. Er nimmt viel lieber das „Genre“ Break-Up in Kauf, als sich in sonst eines hineinverorten lassen zu müssen.

„What I like about the idea of genres and calling something by name is that it can give you an expectation of what you are going to feel when you listen to it.“

Dirty Projectors

Jason Frank Rothenberg

Nach den ersten erwähnten Worten aus „Keep Your Name“ ist eigentlich klar, was zu erwarten ist. Wenn es nur eben nicht so kompliziert wäre.

Dave Longstreth, so übergenau er seine scheinbaren Emotionen aufgeschrieben und in Musik verwandelt hat, nimmt dem Hörer den rosa-tränengetränkten Wattebausch, in den er sich zum Trost hineinlegen will, sofort wieder weg. Gerade wenn die Solidarisierung mit dem gebrochenen Liebenden, der nicht nur um seine Partnerin, sondern in weiterer Folge auch um seine Band trauert, begonnen hat, dreht sich Dave Longstreth in eine andere Richtung.

„It’s definitely not a journal. It’s more like a kaleidoscope, a weird shadowed cloud of details and feelings, observations of the world around me. Some feels more like it’s drawn from life than others.”

Longstreth pocht auf die Mehrdeutigkeit seiner Zeilen, und nichts ist nur das, was einfach hier steht. Nicht alles, worüber er auf „Dirty Projectors“ klagt, ist ihm tatsächlich widerfahren – und was jetzt wahr und was nur erfunden ist, gilt es selbst herauszufinden. Es ist ein verwirrendes Album, weil es hin- und herreißt, weil es so klar erscheint, und sich dann als Metaebene der eigenen Metaebene entpuppt.

„We had our own little bubble – for a while....“

Die Blase, die uns umgibt ("Little Bubble"), und die uns blind für alles Außenstehende macht. Dave Longstreth seinerseits steckt in zwei lila-blau gefärbten Seifenblasen, einmal in seiner Band, und ein zweites Mal in seiner Beziehung. Als die Trennung passiert, muss er erst einmal Abstand nehmen.

Cover "Dirty Projectors" von Dirty Projectors

Domino Records

Das neue Album von Dirty Projectors erscheint via Domino Records.

dirtyprojectors.net

Eine kurze Regenerationspause

Jahrelang soll es keine Neuigkeiten von Dirty Projectors geben. Um sich selbst und seine Band von außen zu betrachten, widmet sich Dave Longstreth arbeitswütig wie immer dem Unterstützen anderer, etwa Joanna Newsom oder Paul Mccartney, um nur einige zu nennen.. Solange verdankt ihm Teile ihres Debutalbums „A Seat At The Table“. Und wer gedacht hat, es sei eine weirde Kombination, Kanye West und Justin Vernon aka Bon Iver in einen Raum zu stecken, hätte nur noch eine zeitlang warten müssen, Dave Longstreth erzählt: „From Kanye I learned the importance of having a mental picture – a mental image of what I want.“

Relativ spontan entschied er sich, doch neue Songs für die Dirty Projectors zu schreiben, und wurde schließlich auch von Produzent Rick Rubin davon überzeugt, den Namen der Band beizubehalten.

„It really came just like the songs themselves. I started writing them with no intention to make a Dirty Projectors record. I just wrote them because in a way I was trying to process experience and process emotion that I was feeling. So it began as a means of catharsis or understanding myself. So in that sense, there wasn’t really a plan... but overall this album is very interior and is just exploring my head and my heart. And it’s kind of an arch you see on the album. It starts off really broken up, sad, depressed, angry, all those feelings and throughout the course of the album it goes different places and ends up at a place like acceptance.“

Ein weiteres Paradoxon rund um das spekakuläre neue Dirty Projectors-Album ist, dass es, obwohl nun Soloprojekt, zu Dave Longstreths kollaborativsten Arbeiten zählt. Er fungiert mehr als eine Form von Art Director, er schreibt das Drehbuch, verteilt die Rollen. An andere KünstlerInnen, oft aber einfach an sich selbst. Den Stimmverlust von Amber Coffman, die den dualistisch-mehrstimmigen Gesang der Dirty Projectors so typisch gemacht hat, ersetzt er durch GastvokalistInnen wie die genannte Solange oder Musikerin DAWN ("Cool Your Heart").

Oder er ersetzt sie durch seine eigene Stimme, die er in einem vorher nicht bekannten beeindruckenden Spektrum einsetzt. Von Bariton über gerappten Falsett bishin zur im Autotune-Modus entfremdeten ist auf dem neuen Album alles dabei. Man hört deutliche Hiphop- und Industrialeinflüsse, und stellenweise ist „Dirty Projectors“ ein lupenreines R’n’B-Album geworden. Aber vielmehr als Genrevorgaben gerecht zu werden, setzt sich Longstreth mit der Idee auseinander, wie verschieden Trauer, Resignation, Enttäuschung klingen können. „Dirty Projectors“ klingt, als gäbe es an die 150 Varianten.

„Yeah, 'cause emotions are weird. You feel one thing but every emotion is like a cake or something. It has different ingredients. Every feeling is a mixture of feelings. And that’s I guess what I was thinking about a lot with these songs. I was trying to identify all those different feelings. I wanted to be as detailed in that kind of emotional portrait as I could.“

Am meisten erstaunt ist Dave Longstreth aber, wenn man ihm den Begriff „experimental“ an den Kopf wirft. Was ist eigentlich mit „experimental“ gemeint? Was stellen sich die Leute darunter vor? In dem Moment ist klar, für jemanden, der nicht der Gründer der Dirty Projectors ist, muss dieser Terminus eine ganz andere Bedeutung haben.

Und für den Rest der Welt sind die Dirty Projectors der Inbegriff von „experimental“.

Dave Longstreth beklagt seine Band, aber nicht mit den klassischen Mitteln des Rockformats. Das haben Dirty Projectors hinter sich gelassen, um sich moderneren, kollaborativen Wegen des Musikschaffens zu widmen – so ist auch schon 2010 ein Mini-Album mit Björk zustande gekommen, die auf dem Gebiet ohnehin als Pionierin gilt, und die sich selbst auch mit ihrem 2015 erschienenen „Vulnicura“ mit ihrer Trennung auseinandersetzt.

Dave Longstreth spricht von „kollaborativem Pop“.

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