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Maria Motter Graz

Bücher, Bilder, Kritzeleien. Und die Menschen dazu.

15. 2. 2017 - 15:55

Binge-watching in Berlin

250000 Tickets: Die Berlinale und ihre Gäste feiern die Liebe zum Kino. Mit Gillian - such grace! - Anderson, Catherine Deneuve und 150 Neugeborenen.

„Es ist Ironie: So sehr ich auch in all den Jahren mit Fernsehen beschäftigt war, meine erste Liebe gilt dem Kino. Ich bin eine Cineastin und ich empfinde es als Genugtuung, mir jetzt extra viel Zeit für Filme zu nehmen. Kino verschwindet. Es wird zunehmend schwerer, dass Filme finanziert und realisiert werden“, sagt Gillian Anderson in Berlin. Da sitzt die Schauspielerin um zehn Uhr am Tag nach der Weltpremiere von „Viceroy's House“ in einem Hotelzimmer und beantwortet Fragen von JournalistInnen. Das wird sie bis in den Nachmittag hinein machen.

Porträtfotos von Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Gurinder Chadha im Berlinale Palast

Radio FM4 / Maria Motter

Vor jeder Premiere wird ein Edding gereicht: Signierte Porträtfotos von Hugh Bonneville und der Regisseurin Gurinder Chadha im Berlinale-Palast

Beliebt bei Filmen basierend auf historischen Personen: eingebettete Original-Aufnahmen aus Archiven. Und dazu gibt es Neuigkeiten in Österreich, kundgetan auf der Berlinale: Das “Film Preservation Center Austria” wird nahe dem Filmdepots des Filmarchivs Austria eingerichtet, um analoge Filme zu bewahren und auch analoge Kopien digital produzierter, mit öffentlichen Subventionen realisierter Filme zu erstellen.

Die Frau, die als FBI-Agentin Dana Scully mit „Akte X“ 2018 in die 11. Staffel gehen wird, hat am roten Teppich so vielen Fans wie möglich Autogramme gegeben, während die in Indien gefeierte Huma Qureshi für die FotografInnen posierte. "Viceroy's House" läuft außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale. Der Spielfilm ist der erste Film einer "british-Indian person" zum britischen Weltreich, dem British Empire: Regisseurin Gurinder Chadha setzt die historischen Ereignisse der Teilung des Landes ihrer Eltern in einem breitenwirksamen Film um: Nach 300 Jahren Kolonialherrschaft wird Indien geteilt: In die Staaten Indien und Pakistan. Für 14 Millionen Menschen hat das Flucht und ein Leben andernorts bedeutet. Die Erzählung wirft auch ein neues Licht auf Winston Churchill.

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Jetzt scheint die Sonne in das Hotelzimmer und mir auf den Rücken. Wenn ich mich nicht vorbeuge, blendet die Sonne Gillian Anderson nicht. „It's alright, the sun has moved!“, sagt sie und lächelt und steht auf, um den Vorhang etwas weiter zuzuziehen und beantwortet weiter die Frage. Was hält sie davon, dass sehr viele Filmschauspieler jetzt am liebsten in Serien mitspielen würden? Sie hätte gemischte Gefühle. „Es ist bekannt, dass wir am Ende des goldenen Zeitalters des Fernsehens. Die Zahl der Leute und Networks, die verzweifelt versuchen, das nächste große Fernsehding zu finden, ist riesig. Denn die Leute wollen Serien. Es ist bequemer, im eigenen Wohnzimmer auf der Couch so viel wie man will anzuschauen, anstatt in die Kälte raus zu müssen, um in ein Kino zu kommen und dort das Popcorn-Kauen anderer Leute zu hören. Und all die anderen Gründe, warum Menschen nicht ins Kino gehen!“

Kein Popcorn erlaubt

Popcorn dürfen die teilnehmenden Kinos während der Berlinale nicht verkaufen. Trotzdem haben die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin laut eigener Auskunft bis Mitte des Festivals schon 250000 Tickets verkauft. So also, als ob jede/r GrazerIn einmal im Kino war! Apropos Graz: Die Diagonale wird mit Michael Glawoggers unvollendetem Reise-Essay "Untitled" eröffnen, das Monika Willi fertiggestellt hat. Uraufgeführt wurde der Film auf der Berlinale im Kino International, das in der DDR das Premierenkino als Gegenstück zum Zoo Palast im Westen der Stadt war.

Ein Fensterputzer auf einem Kran an der Fassade des Kino International in Berlin

Radio FM4 / Maria Motter

201 Weltpremieren finden auf der Berlinale statt. Auch das Langspielfilmdebüt des Salzburgers Adrian Goigingers hatte hier seine Weltpremiere: „Die beste aller Welten“ wird sich hoffentlich im Programm der Diagonale finden. Wie es dem Kind einer Drogenabhängigen geht, das ist wie in „Die beste aller Welten“ auch im Wettbewerbs-Beitrag „Mr. Long“ Teil der Geschichte.

Halb zehn Uhr vormittags ist eine angemessene Zeit, sich im Haus der Kulturen dem taiwanesischem Auftragskiller Mr. Long zu stellen. Das Gemetzel zu Beginn ist so hart das klingt vielversprechend, es wäre Zeit für ein perfekt choreografiertes Morden mit Küchenmessern und Mafia-Intrigen. Doch der Ästhetik asiatischer Martial-Arts-Filme wird hier nicht lange gehuldigt. Die taiwanesisch-deutsche Koproduktion biegt schnell ab Richtung märchenhafte Liebesgeschichte. Der Profikiller, eine schöne Drogensüchtige und ihr herziger Bub mit Topffrisur töpfern dann in einer Szene Becher. Das ist doch zuviel des Guten, da hilft auch der kurze Showdown nicht mehr.

Heute in der FM4 Homebase:
Josef Hader im Gespräch mit Anna Katharina Laggner über seine "Wilde Maus". Der Film startet diese Woche in den österreichischen Kinos.

Wer kriegt dieses Jahr bloß den Goldenen und den Silbernen Bären? Die Spekulation über Favoriten muss auf anderntags verschoben werden. Für Sally Porters "The Party" mit Bruno Ganz und Emily - most lovely - Mortimer sind sämtliche Karten weg. Eine halbe Stunde in der Warteschlange ist dennoch nie vergebens. Diesmal gibt es einen Bartipp und Begeisterung über "The Bomb" und "Wilde Maus".

Haus der Berliner Festspiele und eine sehr lange Schlange wartender Menschen vor der Vormittagsvorstellung bei der Berlinale

Radio FM4 / Maria Motter

Guten Morgen, Berlinale!

Norwegen im Nebel

Zum achten Mal ist der Regisseur Thomas Arslan bei der Berlinale mit einem Film vertreten. Dem will man auf den Grund und in „Helle Tage“ gehen - ungeachtet manches müden Blickes beim Erwähnen des Filmtitels im Vorfeld. Dann das: Die Landschaft ist karg. Die Handlung ist es ebenso. Georg Friedrich muss „gucken“ sagen und sehen, wo er bleibt. Nach „Helle Nächte“ ist Norwegen als Reiseziel für einige Zeit abgehakt, hat man doch das Land abgefahren, bis die Leinwand eine Nebelwand wurde. Ja, Vater-Sohn-Beziehungen können schwierig sein. Was hier allerdings erzählt wird, machen andere RegisseurInnen in einer Einstellung klar.

Die Hebamme und Hauptfigur (Catherine Frot) in Matrin Provosts Wettbewerbsfilm „Sage Femme“ etwa muss sich mit der einstigen Lebensgefährtin ihres Vaters herumschlagen: Die spielt Catherine Deneuve. Sie ist gern bei der Berlinale und auch diesmal vor Ort. Seit über fünfzig Jahren spielt sie in Filmen, die Auswahl trifft sie weniger nach den Rollen, sondern nach den RegisseurInnen. „Sage Femme“ unterhält jene, die nicht nach den ersten vierzig Minuten ungeduldig den Saal und die Pressevorführung verlassen.

Sechs Babys pro Stunde

Des Öfteren hat das Leben allerdings eindeutig die besseren Geschichten zu bieten. Hebammen spielen auch im Dokumentarfilm „Motherland“ eine große Rolle:
Auf der Geburtenstation eines Krankenhauses in Manila, Philippinen, kommen täglich bis zu 150 Babys zur Welt. Man muss sich null für Babys interessieren, man wird trotzdem binnen Minuten von dieser Doku begeistert.

Wie die Steadycam das erste Mal im großen Schlafsaal entlang der Betten mit Müttern und Neugeborenen schwebt, ist man paralysiert. Schnell bietet die Filmemacherin Ramona S. Diaz Orientierung, konzentriert sich auf vier, fünf Frauen und erzählt beeindruckend allein durch ihre Beobachtungen und die Montage von der Situation der Frauen auf den Philippinen, von der Armut, von familiärem Zusammenhalt und von Hebammen, die in einem katholischen Spital jungen Müttern zur Spirale raten.

Weil zu wenige Brutkästen für Frühchen vorhanden sind, wurde die Känguru-Methode entwickelt: Ihre Neugeborenen sollen die Frauen unter ihren Tube-Tops rund um die Uhr bei sich haben und mit ihrem Körper wärmen. Eine Transgender-Krankenschwester komplimentiert die Mütter, die Stationsaufsicht mahnt zu Körperpflege. Säuerlich zu riechen und ungewaschene Haare würden Männer vertreiben. 94 Minuten sind selten so spannend. "Motherland" feiert das Leben und ob der westliche Zugang zu Gebären der Weisheit letzter Schluss ist, hinterfragt man danach stark. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Gebärmutter das letzte Organ gewesen ist, dass die zu Beginn ihrer Disziplin ausschließlich weiße, männlich dominierte Schulmedizin entdeckt hat.

Noch zwei Reisen via Dokus muss man auf dieser Berlinale antreten, wenn man das Glück hat, hier zu sein: "Raving Iran" begleitet zwei DJs und "Railway Sleepers" rattert durch Thailand. Im nächsten Hotel wird Regisseurin Aisling Walsh ein Interview zu ihrem bezaubernden Spielfilm "Maudie" geben, über den ich aber erst morgen etwas sagen darf. Die Berlinale ist Luxus.

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