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Andreas Gstettner-Brugger

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

16. 2. 2017 - 13:50

Der zarte Sturm

Zwischen kleinen Loops und großen Indiegesten, zwischen persönlichem Schock und hoffnungsvoller Weltumarmung. Das siebente Studioalbum "Little Fictions" von Elbow.

Zartes Rauschen, dann setzt ein Drum-Loop samt sanftem Gitarren-Riff und tief grabender Basslinie ein. Gewohnt samtig erhebt sich die Stimme von Guy Garvey über die sehnsuchtsvollen Harmonien. Der Einstieg "Magnificent (She Says)" ist eine berührende, epochale Weltumarmung.

Guy knüpft hier an die Erfahrung eines jeden Menschens an, wie man die Welt durch die Augen eines kleinen Mädchens oder Jungen sieht, mit einer kindlichen Naivität, fremden Personen und dem Lauf der Dinge einfach zu vertrauen. Denn alles wird großartig sein, wie das kleine Mädchen in dem Eröffnungssong von "Little Fictions" meint.

So viel Hoffnung und Optimismus in einem einzigen Song ist man von Elbow gar nicht gewohnt. Dabei hätte die zum Quartett geschrumpfte Band aus Manchester allen Grund gehabt, in Schmerz und Melancholie zu versinken.

Vom Schock zur Inspiration

Ursprünglich war der Plan, dass die ganze Band in ein kleines Häuschen in Schottland fährt, um dort Songs für das neue Album zu schreiben. Doch als Richard Jupp, der seit fünfundzwanzig Jahren Elbow mit seinem großartigen Schlagzeugspiel versorgt, dort nicht auftaucht, sondern stattdessen seinen Austieg bekannt gibt, sitzt der Schock zunächst einmal tief. Wer die musikalische Geschichte der Briten verfolgt hat, weiß, dass der Rhythmus neben Guy Garveys Stimme ein essenzieller Bestandteil der oft groß angelegten Songs ist. So sind Guy Garvey, Bassist Pete Turner und die Brüder Mark und Craig Potter zuerst einmal recht ratlos in der schottischen Einöde gesessen. Doch in Gesprächen und mit langsamen Vorantasten am Computer entstand eine neue Dynamik und Energie, die das Quartett inspiriert hat.

Elbow Bandfoto Wanderung am Strand

Universal Music

Craig, der schon bei den letzten Alben die Hauptproduktion übernommen hat, spielte sich mit Loops und alten Schlagzeug-Soundschnipseln und legte damit die Grundlage für ein unglaublich rhythmusgetriebenes Album. Eines der Highlights der Platte, das dahinrollende "Trust The Sun" erinnert stark an "Picky Bugger" von dem 2006er Album "Leaders Of The Free World". Die erste Minute spielen sich Elbow mit einem jazzig-verwischten Loop und einer äußerst zart gespielten Akustikgitarre. Über das knöcherne Gerüst singt Guy leidenschaftlich wie immer seine herzerwärmenden Gesangslinien, bis zu dem Gänsehautmoment, in dem sich die federleichten Klavierakkorde quer über den Rhythmus schieben.

Elbow Albumcover "Little Fictions"

Elbow/Universal Music

Das achtminütige Titelstück "Little Fictions" bedient sich fast schon der Schwere von Hip Hop Beats, die in den vertrackten Arrangements immer wieder gebrochen wird. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie viel frische Experimentier- und Spielfreude das Album der altgedienten Band durchziehen. Dass hier nicht auf die Wurzeln und die Erfolgsrezepte vergessen wird, beweist der etwas in sich zusammenfallende und trotzdem opulente Refrain der Nummer, der bei einem großen Heimspiel sicher von Tausenden Fans mitgesungen werden kann.

Die schon angesprochene Hoffnung und positive Ausrichtung der neuen Platte hört man bei dem bisschen hippiesk anmutenden "All Disco" heraus. Wundervoll angezerrte Akkordzerlegungen schmiegen sich hier an Tambourine und vereinzelte Tom-Tom-Schläge. Ein bisschen Velvet Underground mag hier der eine oder die andere heraushören. Wobei gerade der zentrale Satz, ein Zitat von Black Francis von den Pixis besagt, dass es egal ist, welches Genre man spielt, es sei alles doch irgendwie Disco. Und Guy verwendet diese Zeile auch als inneres Mantra, die oft überschäumende Gefühlslage der Seele zu beruhigen. Denn, egal, wie sich die Umstände gerade anfühlen mögen, es ist nicht so schlimm, wie es scheint.

Bandfoto Elbow im Pub

Universal Music

It's a family affair

Auch wenn Schlagzeuger Richard Jupp sich von der Band getrennt hat, wird er laut Guy doch immer zur Elbow-Familie gehören. Die hat sich übrigens auch noch in anderer Form verändert. Guy Garvey ist nach Jahren turbulenter Beziehungskrisen in den ruhigen Hafen der Ehe gesegelt. So erklärten sich Textzeilen wie "I found peace in your arms" von dem tanzbaren Stück "Gentle Storm". Auch hier wird über einen treibenden Groove sehr sparsam mit Klavier und Stimme ein hypnotischer Sog erzeugt. Dass dieses berührende Stück über die eigenen Befindlichkeiten weit hinausreicht, zeigt auch das grenzgeniale Video, in dem sich die Köpfe der Band und ihrer Fans und Freunde ineinander-morphen. Kunstvoll, ausdrucksstark und sehr kurzweilig fügt es der sehr reduzierten Nummer eine weitere Ebene hinzu.

Ebenfalls sehr intim ist das ganz ohne Beats auskommende Stück "Montparnasse", das ganz von flirrendem Klavier und sanften Gitarrenlinien lebt. Auch wenn hier wieder ein bisschen die melancholische Schwere Einzug hält, trägt der Song alles andere als eine deprimierende Stimmung in sich. Vielmehr scheint Guys Liebe zum Leben und zur Welt sich immer mehr in seinen Texten und Liedern niederzuschlagen.

Dass "Little Fictions" aber auch andere atmosphärische Töne anschlagen kann, beweist "K2", eine swingende und doch etwas distanziertere Nummer, die vor allem durch die Echos von Guy Garveys Stimme klingt, als käme sie von den verschneiten und höchsten Gipfeln dieser Erde. Und wenn Elbow am Schluss mit "Kindling" ihr siebentes Studioalbum beschließen, möchte man es sofort von Neuem hören, so viele Details und unterschiedliche Stimmungen verstecken sich in den zehn Songs. Auch wenn sich die Band verkleinert hat, so ist ihr musikalisches Universum weiter gewachsen. Mit "Little Fictions" liefern uns Elbow ein episches und gleichzeitig sehr intimes Album ab, das einen mit all seiner hoffnungsvollen Ausrichtung zart umarmt und durch den einen oder anderen persönlichen Lebenssturm tragen kann.

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