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Valerie Kattenfeld

Auf Weltreise.

17. 2. 2017 - 11:12

Nur eine leise Ahnung in Jerusalem

Ich sitze hier in einer Großraumküche mitten im ultraorthodoxen Bezirk Jerusalems und veranstalte das ultimative No-Go: Ich habe mein i-Pad ausgepackt und schreibe.

No-Go deshalb, weil das Verwenden von elektronischen Geräten hier in Me'a She'arim generell nicht gerne gesehen wird und schon gar nicht heute: am Sabbath.

Israel

Valerie Kattenfeld

Was habe ich hier verloren und wie ist es dazu gekommen? Und wieso sitze ich in einer Küche? Alles hat mit einem Hinweis in meinem Reiseführer begonnen:

"Das Viertel Me'a She'arim in Jerusalem ist Wohnsitz der ultraorthodoxen Juden. Es ist malerisch, aber kein ausgewiesen touristisches Ziel. Als Besucher hat man sich den dortigen Regeln folgend nur mit bedeckten Schultern, Armen und Beinen zu zeigen und fotografieren ist hier verpönt." Das macht mich sofort neugierig. Schon lange habe ich den Wunsch, mit orthodoxen Juden in Kontakt zu treten und mehr über ihre Lebensweise zu erfahren. Wie sieht die Aufgabenteilung von Ehepartnern im Alltag aus? Was denken sie über den Nahostkonflikt? Wie stylen sie sich den Peiyot, die Seitenlocken? Warum sind sie immer so schnell unterwegs?

Auch wenn es ein Klischee ist - das Tempo der schwarz gekleideten Männer mit Hüten ist hier in Jerusalem beachtlich. Einen brettert es neben mir am helllichten Tag der Länge nach hin, das Handy liegt in seinen Einzelteilen am Pflaster. Leute bleiben erschrocken stehen, bieten Hilfe an. Der Mann wehrt ab, sieht niemandem in die Augen. Er sammelt seine Sachen ein und geht rasch weiter, Richtung Klagemauer.

Von dort komme ich gerade. An diesem milden Dezembertag, der sich wie Frühling anfühlt, strahlt sie mir hell entgegen. Die vielen Menschen verlieren sich in der Weite des Platzes. Weiße Plastikstühle und Schränke mit Ausgaben des Talmuds. Ein Zugang für Männer und einer für Frauen.

Als ich mich anstelle, bekomme ich eine erste Ahnung davon, wie nervig es sein muss, wenn man sich bei seinem alltäglichen Gebetsgang jedes Mal durch eine Horde posierender und knipsender Besucher kämpfen muss. Ich beobachte, dass die Gläubigen geübt darin sind, sich nicht irritieren zu lassen. Viele stehen mit dem aufgeschlagenen Talmud an der Mauer, flüstern ihre Gebete und schaukeln dabei den Oberkörper nach vor und zurück.

Umso mehr schäme ich mich dafür, dass ich um kein Haar besser bin als die anderen Touristen, weil ich jetzt gleich mein product placement pic schießen werde. Eine Waschmittelmarke veranstaltet gerade einen Fotowettbewerb, bei dem es 2.500€ Reisebudget zu gewinnen gibt. Mit dem baldigen Einsendeschluss geht sich leider kein originellerer Hintergrund mehr aus, also posiere ich mit der quietschfarbenen Tube in der Hand vor dem Weltkulturerbe und bitte alle um mich Stehenden um Entschuldigung.

Israel

Valerie Kattenfeld

Nachdem mir sogar ein ehrliches Lächeln gelingt, kann ich einen Punkt auf der To-do-Liste abhaken und mich der nächsten Mission widmen: der Erkundung von Me'a She'arim, dem ultraorthodoxen Viertel Jerusalems. Es zu finden fällt nicht schwer: Man geht einfach dem Strom der eindeutig erkennbaren Männer nach, der sich von der Altstadt wegbewegt.

Ich beschließe, mein gemächliches Tempo beizubehalten und mich so lange überholen zu lassen, bis ich jemanden entdecke, der aussieht, als würde er sich gerne auf ein Gespräch einlassen. Und dann mitziehen.
Nach zwei, drei gescheiterten Versuchen klappt es. Freudestrahlend strecke ich die Hand aus, um mich vorzustellen und tappe schon ins erste Fettnäppfchen. "Sorry, I am married. With my hands I am only supposed to touch my wife. Please don't be offended.". Für die Zukunft weiß ich es besser: Verheiratete Männer tragen weiße Socken, ledige schwarze. Den direkten Blickkontakt vermeiden alle.

Traditionelle Verhaltensmuster sind in Israel nicht nur unter den ultraorthodoxen Juden verbreitet. Eli zum Beispiel, mit dem ich mir die Unterkunft eines Couchsurfing Hosts teile, reagiert am Freitagabend nicht auf meine SMS. Später erklärt er mir, dass er das Handy am Sabbath immer ausgeschaltet lässt. Das arbeitet in mir und ich überlege, auch einen handyfreien Tag pro Woche einzulegen.
Später.
Irgendwann mal.
Vielleicht.

Ich gestehe mir ein, dass mir das schwerer fallen würde, als mir lieb ist. Noch hänge ich zu sehr an dem Ding, weil ich maps.me für meine Orientierung brauche, trail wallet, um den Budget-Überblick zu wahren und everyday basics wie Whatsapp und Facebook, um in Kontakt mit alten und neuen Freunden zu treten.

Eli ist einer davon. Wir tanzen im Wohnzimmer zu israelischen Popsongs, spielen Mikado und diskutieren. Ein heißes Thema hier in Israel ist die Frage, ob orthodoxe Juden zur Armee sollen. Derzeit sind sie vom Militärdienst entbunden, um sich voll und ganz den religiösen Verpflichtungen widmen zu können. Das empfinden viele als ungerecht und es gibt immer wieder Debatten darüber, diese Ausnahmeregelung aufzuheben (im Frühjahr 2016 wäre es fast soweit gekommen, durch den Regierungswechsel wurde der Gesetzesentwurf wieder ad acta gelegt). Interessant ist auch die Beobachtung, dass viele orthodoxe Juden, die etwa 10% der Gesamtbevölkerung Israels ausmachen, mittlerweile freiwillig zur Armee gehen. Der Grund dafür ist, dass sie ihrer "Blase" entkommen wollen und dass ihnen dort große Karrierechancen geboten werden.

Mittlerweile ist mir in Me'a She'arim mein erster Kontakt abhanden gekommen und meine Hemmschwelle wird immer größer. Zwei Mädchen haben mich praktisch weggescheucht wie einen bösen Geist: mit einer Handbewegung und einem "Ts, ts!", begleitet von misstrauischen Blicken. Ich bin kurz davor, einen Rückzieher zu machen, als ich eine Gruppe von fünf Männern Ende zwanzig vor einer Thoraschule plaudern und scherzen sehe. Ihr Lachen hat etwas Einladendes, und so wage ich einen weiteren Versuch.

"Are you Jewish?" fragt mich einer mit rotblondem Peyiot und Brille. Er fragt freundlich, nicht streng. Trotzdem: In meinem "No" vermeine ich das jähe Ende meines Ausflugs zu hören. Aber er antwortet: "Wait a second." Sie reden, ich warte. Sie wirken sehr ernst. Ich bereite mich auf eine Abfuhr vor. Dann, plötzlich: "Come with me." Ich habe keine Ahnung, wohin, aber ich komme mit. Dann bleiben sie stehen, stecken wieder ihre Köpfe zusammen.

Ich fühle mich ein bisschen wie eine Undercover-Agentin in geheimer Mission. Schließlich wird mir das Haus gezeigt, in dem in zwei Stunden die Sabbathfeier beginnt, ich soll den rechten Eingang für die Frauen benutzen. Ich freue mich. Bedanke mich und frage noch, wo ich mich bis dahin aufhalten darf. Am Sabbath hat schließlich alles zu. Er sagt wieder "Come with me." und so lande ich in der anfangs erwähnten Großraumküche. Sie gehört zu einer Ausspeisung für Arme, und so werde ich sogar noch auf ein lauwarmes Abendessen eingeladen (Nudelsuppe, Fisch und Salat).

Israel

Valerie Kattenfeld

Die Sabbathfeier war letztlich nicht so spannend: vorne ein sehr betagter Rabbi, der von zwei Assistenten gestützt wird, alle singen und praktizieren dieses Wippen des Oberkörpers, das auf mich befremdlich wirkt. Als Frau durfte ich nur von einer Galerie aus zuschauen. Die Mädchen haben sich immer wieder neugierig zu mir umgedreht und miteinander geflüstert. Für Jiddisch konnte ich leider nicht gut genug improvisieren und so ist es zu keiner wirklichen Begegnung gekommen, wie ich sie mir erhofft habe.

Ich habe einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen, dass es nicht leicht ist, sich als Fremde einen Einblick in das Leben jener Menschen zu verschaffen, deren Länder ich besuche. Oder vielleicht kann es auch ganz einfach sein und ich bin nur eben bei meinem ersten Versuch daran gescheitert. Eine gemeinsame Aktivität ist vermutlich auch zielführender, als jemanden einfach so auf der Straße anzusprechen. Und etwas Glück gehört wohl auch dazu. Mal sehen, wie es mir damit in Südamerika gehen wird. Denn da werde ich die nächsten zweieinhalb Monate verbringen.

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