Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Steinzeit-Beziehungen für moderne Paare"

Ali Cem Deniz

Das Alltagsmikroskop

14. 2. 2017 - 16:30

Steinzeit-Beziehungen für moderne Paare

Friedemann Karig will in seinem Buch „Wie wir lieben“ offene Beziehungen analysieren und die Grenzen der Monogamie überschreiten, scheitert aber an Klischees und Banalitäten.

Die Monogamie ist wieder mal zu Ende. Die These ist nicht neu oder provokant und trotzdem hat Friedemann Karig dem Thema ein ganzes Buch gewidmet. Eine Bestandsaufnahme moderner Beziehungen soll es sein und kein Ratgeber. Das sind die stärkeren Stellen des Buchs. In den schwächeren Stellen kommt der Autor selbst zu Wort.

Der 50 Prozent Mythos

Da es eine Analyse sein soll, will Karig auf vermeintlich objektives Wissen zurückgreifen. Doch häufig sind es Klischees. Im ersten Absatz heißt es: "Die Monogamie ist ein Desaster. Zumindest statistisch gesehen. Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden, Tendenz steigend." Das ist falsch. Der Trend geht ins Gegenteil, wie aktuelle Studien zeigen. In Deutschland, werden nicht die Hälfte aller Ehen geschieden, sondern 35 Prozent, sagt das Statistische Bundesamt. Vor allem die Ehen der Millenials sind beständiger als die der 1970er und 1980er. Aus dieser Zeit stammt auch der Mythos von den geschiedenen 50 Prozent.

Für die sinkenden Scheidungsraten gibt es unterschiedliche Erklärungen. Einerseits wird weniger geheiratet, andererseits sind nicht-eheliche Beziehungsformen salonfähig geworden. Außerdem leben Paare vor der Ehe länger zusammen, was die Partnerschaft stabiler macht. In Österreich sinkt die Zahl der Scheidungen ebenfalls, während die Eheschließungen sogar mehr werden.

Cover "Wie wir lieben"

Blumenbar Verlag

Wie wir lieben. Vom Ende der Mongamie erscheint am 17.2. im Blumenbar Verlag.

Tipps aus der Steinzeit

Mit der Gegenwart beschäftigt sich Friedemann Karig eher wenig. Dafür reist er in die Steinzeit. Die Antworten für moderne Beziehungsfragen sucht er bei unseren Vorfahren. Auch das ist nicht neu. Paleo-Diät, kennt man ja schon. Ja kein Butterbrot essen, weil das hatten wir nicht, als wir in den Höhlen gelebt haben. Wir hatten auch keine Monogamie, sagt Karig.

"Nicht Individualität, sondern die Gemeinschaft bestimmte das Leben. Man vertraute den paar Dutzend Menschen um sich herum, war aufeinander angewiesen, aß und hungerte und fror, lebte und starb zusammen. Man kannte sich untereinander wahrscheinlich besser als wir unsere One-Night-Stands und Affären heute. Und man teilte alles: Nahrung, Sicherheit, Unterschlupf. Und vermutlich teilte man auch Sex."

Dieses Wissen über das "vermutliche" Sexleben der Menschen, die vor 200.000 Jahren gelebt haben, bezieht Karig vor allem aus dem Buch "Sex at Dawn." Ein 2010 erschienener Bestseller, der die Geschichte der menschlichen Sexualität untersucht, der allerdings akademisch kaum stichfest ist. Die Oxford University Press hat das Buch deshalb abgelehnt. EvolutionsbiologInnen und -PsychologInnen kritisieren, dass die AutorInnen die Daten ihrer These anpassen. Die lautet: unsere Vorfahren waren polygam, unsere Vorfahren waren "natürlich", also ist Polygamie die "natürliche" Beziehungsform der Menschen.

FM4 Auf Laut: Retrokurs oder Öffnung? Wohin tendiert die Liebe?

Claus Pirschner diskutiert am Dienstag, 14.2. ab 21 Uhr in FM4 Auf Laut mit Hörer/innen über Erfahrungen mit der Zweisamkeit und Liebesbeziehungen, die darüber hinaus gehen. Erstarkt die monogame Beziehung in aktuellen unsicheren Zeiten? Lebst du in der klassischen seriellen Monogamie oder hast du parallel auch Sex oder Beziehungen mit anderen und das offen oder geheim?

Diskutiere mit! Die Nummer ins Studio:
0800 226 996

Karig übernimmt ohne jegliche Kritik diese Argumentation. Und jenen, die ihm trotzdem nicht glauben, empfiehlt er mal auf ihre Triebe zu hören:
"Welcher heterosexuelle Mann wird nicht wenigstens ein bisschen horny, wenn er an einem Sommerabend durch das offene Fenster einer der umliegenden Wohnungen eine Frau stöhnen hört?"

Keine Anleitung

Hier zeigt sich die große Schwäche des Buchs. Der Titel "Wie wir lieben" verspricht eine interessante Lektüre für alle. Stattdessen stellt sich immer wieder heraus, dass der Autor vor allem Ideen für heterosexuelle Männer hat.

Statt moderne Beziehungenswelten in ihrer Komplexität zu erklären, romantisiert Karnig historische und gegenwärtige Gesellschaften, in denen Polygamie vorherrscht. Dass auch dort Beziehungen gesellschaftlich geregelt sind und nicht reibungsfrei verlaufen, interessiert ihn nicht. Eine genauere Beschäftigung mit diesen Gesellschaften würde zeigen, dass die Monogamie nicht mehr oder weniger "natürlich" ist, als die Polygamie. Auf den sinkenden Scheidungsraten und der vermeintlichen Natürlichkeit von Polygamie fußt aber die ganze Argumentation.
Ein Versprechen hält das Buch wirklich. Es ist keine Anleitung. Wer eine offene Beziehung ausprobieren möchte, kann es auch ohne diese Lektüre tun.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • sauvage | vor 158 Tagen, 14 Stunden, 56 Minuten

    Der Trend geht dahin, dass professionelle Nabelbeschauer*innen ihre eigenen Lebensentwürfe oder -wünsche in Buchform gießen und behaupten, das sei wissenschaftlich fundiert, weil sie denken sich das ja so. Raus kommen dann "objektive" Bücher, warum Monogamie/Beziehungen/Gleichberechtigung/[insert Blödsinn here] abgeschafft gehören. Gaaaah.

    Auf dieses Posting antworten