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Barbara Köppel

Durch den Dschungel auf die Bühne des Lebens.

16. 2. 2017 - 12:04

Propaganda für die Jungen

"No longer craziest leader", Atomwaffen und Kimchi: Was wissen wir von Nordkorea? Und was von Südkorea? Anna Kims großartiger Korea-Roman füllt den weißen Fleck auf der Karte mit historischem Hintergrund und einer packenden Erzählung.

Die Rahmenhandlung von Anna Kims "Die große Heimkehr" ist schnell erzählt: Die junge Deutsch-Koreanerin Hanna kommt nach Seoul, um nach ihrer koreanischen Kinderfrau zu suchen, die ihre deutschen Adoptiveltern für sie engagiert hatten. Von ihr wurde das Kind "mit koreanischen Sätzen und Speisen gefüttert". Jahre später hofft Hanna, über die alte Vertraute ihre leiblichen Eltern zu finden.

Vor Ort in Seouls Altstadt landet sie als Übersetzerin im Wohnzimmer des 78-jährigen Yunho Kangs, der ihr zu den Klängen von Billie Holiday seine Lebensgeschichte erzählt:

Wir sind im Jahr 1959 in der südkoreanischen Hauptstadt. Hier lässt der antikommunistische Präsident Synghman Rhee gerade Studentenproteste blutig niederschlagen. Im Norden baut General Kim Il Sung seinen Führerkult auf und verwandelt die junge Volksrepublik Schritt für Schritt in eine uneinnehmbare Festung.

Wer darf Geschichte schreiben

Cover "Die große Heimkehr"

Zu sehen ist ein Ozeandampfer auf rot eingefärbter See.

Suhrkamp Verlag

"Die große Heimkehr" von Anna Kim ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Anna Kim setzt ihre Hauptfiguren Yunho, seinen Jugendfreund Johnny und dessen für beide gleichsam anziehende Geliebte Eve, mitten in diese politischen Turbulenzen hinein. Gewalt, Überwachung und Gehirnwäsche auf allen Seiten. Yunho ist verdächtig, weil er einen kommunistischen Bruder hat, Eve, weil sie westliche Kleider trägt und mit amerikanischen GIs flirtet und Johnny, weil er Verbindungen zu paramilitärischen Schlägern hat. Yunho weiß bald nicht mehr, was er seinen Freunden noch glauben kann. Schon gar nicht, wenn Eve Dinge sagt wie: "Wir können uns die Regierenden nicht aussuchen. Unser Überleben hängt davon ab, wie überzeugend unsere Loyalität ist".

Anhand des fragilen Dreiecksverhältnisses veranschaulicht Anna Kim, wie sich die Politik repressiver Systeme auf persönliche Beziehungen auswirkt. Sie versteht ihren Roman auch als "Gegenbild zu offiziellen Geschichtsschreibungen", die in Südkorea, Japan und China zum Teil stark staatlich kontrolliert und nicht unumstritten sind. Denn die Frage, wer Geschichte schreiben und deuten darf, ist immer auch mit Machtansprüchen verbunden.

Werner Geiger

Anna Kim wurde 1977 in Daejeon in Südkorea geboren. 1979 zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland und schließlich weiter nach Wien, wo sie seit 1984 lebt. Sie studierte Philosophie und Theaterwissenschaft an der Uni Wien. 2005 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Für ihre Prosa und Gedichte erhielt Kim bereits viele Auszeichnungen und Stipendien, darunter das Elias-Canetti- und das Robert-Musil-Stipendium und den Literaturpreis der Europäischen Union. Nach "Die gefrorene Zeit" (2008) rund um Vermisste des Kosovokriegs und "Die Anatomie einer Nacht" (2012), der von elf Selbstmorden in Grönland erzählt, ist "Die Große Heimkehr" ihr dritter Roman.

Anna Kim hat für sich jedenfalls eine Antwort gefunden. Sie erzählt politische Geschichte anhand von Einzelschicksalen. Fast jede ihrer Haupt- und Nebenfiguren erhält ihre eigene Backgroundstory. Viele davon hat Kim sich aus Erzählungen ihrer südkoreanischen Mutter und ihres Onkels zusammengereimt und mit Material aus Privatarchiven zu schlüssigen Biographien verarbeitet. "In Südkorea sind alle politischen Dokumente unter Verschluss", sagt die Autorin, und innerhalb der Familien sei leider viel verloren gegangen, weil das Bewusstsein für die eigene Vergangenheit "stark unterdrückt" wurde. Kein Wunder, schließlich galt bis in die 1980er das Prinzip der Sippenhaftung. Sämtliche Familienmitglieder konnten für das Verbrechen eines Einzelnen angezeigt werden.

Falsche Versprechungen

Neben Eve, die auf mysteriöse Weise mit jedem zurechtzukommen scheint, ist eine der spannendsten dieser vielen Figuren im Roman Eiko. Sie basiert auf einer realen Person, die 1960 in Japan verschwunden ist. Die Vermisstenanzeige hat Kim im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes gefunden.

Eiko ist Koreanerin zweiter Generation in Osaka in Japan. Viele Koreaner waren während der japanischen Kolonialzeit dorthin verschleppt worden oder sind später wie Yunho und seine Freunde auf die Nachbarinsel geflohen. Die koreanische Community war dort seither zwar geduldet, aber weitgehend rechtlos geblieben. Eiko rekrutiert hier nun mit großem Eifer Mitschülerinnen für die große Heimkehr nach Nordkorea, nach der das Buch benannt ist. Denn da der neue sozialistische Staat Arbeitskräfte braucht, verspricht Kim Il Sung allen im Exil lebenden Landsleuten gratis Wohnungen, freie Bildung und gut bezahlte Arbeit. In Katalogen locken Bilder von glücklichen Menschen, blauem Himmel und luxuriösen Apartments. Nur erweisen sich die modernen Wasserklosetts allzu oft als Attrappen, Arbeit als Zwangsarbeit und gratis wohnen kann man auch im Gefängnis, denn den Neuankömmlingen wird in und um Pjöngjang misstraut. Wie treu kann die Gesinnung der fremden Genossen schon sein?

Obwohl es also aus heutiger Sicht zutiefst widersprüchlich erscheint, auf ein selbstbestimmtes Leben in einem System zu hoffen, das Individualismus negiert, glaubt Eiko an all diese Verheißungen. Für sie wäre die Reise nach Nordkorea ein Schritt der Emanzipation gegenüber ihren Elten und damit gegenüber einer Generation, die sich mit struktureller Diskriminierung und Perspektivenlosigkeit abfindet.

Anna Kim macht damit vor allem im zweiten Teil ihres Romans in gut lesbarer Sprache verständlich, wie diese Art von Propaganda gerade bei jungen Menschen greifen konnte. Zudem zeigt sie, wie unbedacht Gesellschaften mit politischen Minderheiten und verdrehten Fakten umgehen - und das ist nicht nur in Bezug auf die koreanische Geschichte interessant.

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