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Lisa Schneider

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6. 2. 2017 - 00:04

It's time to wipe us out

Mile Me Deaf predigen auf ihrem neuen Album "Alien Age" die Apokalypse, aber der Sound ist gut. Unsere Artists Of The Week.

FM4 Artist Of The Week

Jede Woche hier.

Wolfgang Möstl hat sich auf der letzten Mile-Me-Deaf-Tour 2015 den Finger gebrochen – und das Beste draus gemacht. Eingegipst kauft er sich einen "fast schon retro", zehn Jahre alten Sampler. Statt Saitenzupfen gibt’s jetzt einhändiges Fingerdrumming. Und das gefällt ihm so gut, dass die Lust, ein neues Gitarrenalbum zu schreiben, auch ohne Gips nicht mehr zurückkommt: Das Konzept für "Alien Age" ist geboren.

Wolfgang Möstl / Mile Me Deaf

Christian Benesch

Gleich vorab zum Aufatmen: Ganz ohne Gitarren kommt natürlich auch dieses neue Album von Mile Me Deaf nicht aus, auch wenn auf fantastisch-quirlige Du-Wap-Di-Du-Singalongs wie "Brando" oder feinst melodiöses Gitarrengeschrammel wie "Digital Memory File" verzichtet wird. Seinem meistgeliebten Instrument könnte er die Treue nie absprechen, seufzt Wolfgang Möstl im Interview: "Alle Songs sind auf der Basis von Beats, Loops und unzähligen Samples entstanden, mein Songwriting hab ich damit komplett auf den Kopf gestellt." Als dann das Grundgerüst fertig war, konnte er es aber doch nicht lassen, und hat hie und da noch ein paar Akkorde oder Strings drübergestreut. Für ihn vielleicht eine Neurose, für das Album eine Wohltat – es holt den analogen, warmen Sound zurück, der dem streng ausproduzierten "Alien Age" sonst gefehlt hätte. Und dieser ist es auch, der das neue Album, wenn auch auf eine schräge Art, mit nur dünner Nahtstelle in die Diskographie von Mile Me Deaf einpasst.

Japanische Folkmusik, Fieldrecordings, Blaskapelle, Hackbrett, Songschnipsel vom Nino aus Wien (von Wolfgang Möstl produziert) oder Sweet Sweet Moon und seltsame russische Funksignale – Wolfgang Möstl hat regelrecht alles gesampelt, was ihm unter die eingegipsten Finger gekommen ist. Seine Wohnung, nicht die allergrößte, ist bis oben vollgestopft mit Kassetten, die umfangreichste seiner Sammelleidenschaften. Vinyl hört er auch, aber Kassetten sammelt er wie andere Panini-Sticker. Und deshalb hat er ihnen sein neues Album gewidmet.

Cover "Alien Age"

Siluh

"Alien Age" erscheint via Siluh.

Start it all over again

Es ist Mile-Me-Deaf-Tradition, sich für jedes Album etwas gänzlich Neues einfallen zu lassen, wenn es um die Produktion geht. Raus aus der Comfortzone, dem Trott, diesmal dem Sumpf namens Krautrock. Wissbegierig war er immer, in den letzten zwei Jahren hat Wolfgang Möstl aber noch eins draufgelegt: Ein oder zwei neue Alben täglich durchhören, Voraussetzung ist nur, dass sie ihm vollkommen fremd sein müssen. Nachdem er jahrelang durch die Noise- und New-Wave-Szene Österreichs gegeistert ist, sind es nun Jazz, Ambient, Vaporwave oder aber Old-School Hip Hop, die durch seine Boxen huschen. In verfremdeter Version, die mal im Hippie-Funkkleid, mal doch wieder in Krautwirbeln daherkommt, kann man das alles auf "Alien Age" hören. Wolfgang Möstl hat erneut alles selbst produziert – und das Mikro auch nur einmal an seine Sex-Jams-Kollegin Katarina Trenk weitergereicht. Sie singt auf "Shibuya+" einen hypnotischen Dancetrack par excellence.

"Das klingt vielleicht naiv, aber ich sitze immer noch oft staunend da, wenn ich merke, wie viel unterschiedliche Musik es wirklich gibt. Mittlerweile fühle ich mich, nach den letzten beiden sehr intensiven Jahren, wie ein vollgesaugter Schwamm."

Diskutiert hat er wenig mit den anderen Bandmitgliedern, aber auch das ist Usus. Wolfgang Möstl produziert, dann weiht er die Band ein, sie setzen sich zusammen und überlegen - vor allem auch in Hinblick auf die Liveshows - wie es am besten umzusetzen wäre. "Wir sind wie unsere eigene Coverband."

Vom Weltuntergang

Mile Me Deaf Live

  • 2017-03-02 - Graz, Postgarage
  • 2017-03-03 - Wien, Sargfabrik
  • 2017-03-17 - Wr. Neustadt, Triebwerk
  • 2017-04-15 - Frutten-Giesselsdorf, Wenn die Musi rockt
  • 2017-04-19 - Berlin, Acud
  • 2017-04-20 - Chemnitz, Atomino
  • 2017-04-21 - Nürnberg, K4
  • 2017-04-22 - Darmstadt, Oettinger Villa
  • 2017-05-03 - München, Unter Deck
  • 2017-05-04 - Olten, Coq dOr
  • 2017-05-05 - Feldkirch, Graf Hugo
  • 2017-05-06 - Karlsruhe, P8
  • 2017-05-07 - Saarbrücken, Kurze Eck
  • 2017-05-08 - Marburg, Trauma
  • 2017-05-09 - Hamburg, Hafenklang
  • 2017-05-10 - Kassel, Goldgrube
  • 2017-05-11 - Trier, Exhaus
  • 2017-05-12 - Freiburg, Slowclub
  • 2017-05-13 - Stuttgart, Merlin

milemedeaf.com

Dystopische Fantasien hat Wolfgang Möstl schon früher entworfen, Party-Singalongs gab es bei Mile Me Deaf auch vor diesem neuen Album kaum. Die These, dass man sich besser fühlt, wenn man düstere Musik hört, findet er zwar schon abgedroschen, aber doch auch wahr. "Es war bei mir tatsächlich wieder so. Wenn ich mich bemühe, ein bisschen positivere Texte zu schreiben, kann ich nicht sagen, dass ich wirklich gut beinander bin. Und umgekehrt war ich so gut drauf, als ich die neuen, sehr pessimistischen Texte für 'Alien Age' verfasst habe."

Wolfgang Möstl / Mile Me Deaf

Beate Ponsold

Schon der Opening-Track "Invent Anything" startet mit der wunderbar-apokalyptischen Zeile "What happens to the human age, when everyone is bored of it?" und gibt dem Album die Richtung vor. Es ist soundtechnisch nicht so sehr wie inhaltlich eine Steigerung zum unabwendbaren, grausamen Höhepunkt, an dem die Welt sich dreht, die Menschheit untergeht. Und schließlich Aliens sich ansehen, was nach dem Ende übrig bleibt - und das werden nicht die so heiß geliebten digitalen Errungenschaften sein, sondern eher die Pyramiden von Gizeh.

"Mir hat der posthumanistische Gedanke in Zusammenhang mit dem neuen Album so gut gefallen, weil ich die Idee, was nach der Menschheit sein wird, sehr spannend finde. Beziehungsweise die Betrachung von außen, wenn dem Menschen seine Einzigartigkeit abgesprochen wird, weil er einfach auch nur eine Spezies ist wie jede andere, die eines Tages untergehen wird."

Als politisch will Wolfgang Möstl das Album nicht wirklich bezeichnen, zurückhaltend sagt er, dafür kennt er sich zu wenig aus. Er schreibt über seine Eindrücke und Empfindungen, die aber natürlich durchaus von den politischen Ereignissen der letzten Jahre geprägt sind. Rechtsruck in Europa, und jetzt auch noch Trump: fast schon prophetisch, dieses "Alien Age".

Und wenn dann alles vorbei und die Menschheit ausradiert ist, werden die Aliens sicher zum unauslöschbaren Mile-Me-Deaf-Sound feiern.

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