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Irmi Wutscher

Gesellschaftspolitik und Gleichstellung. All Genders welcome.

20. 1. 2017 - 15:10

#iwillgoout

Nach massenhaften Belästigungen in der Silvesternacht im indischen Bangalore, nehmen sich Frauen in Indien die Straße. Auch bei Nacht.

Indien hatte dieses Silvester sein eigenes Köln: In der IT-Stadt Bangalore wurden auf der belebten MG Road Frauen massenweise belästigt - und das, obwohl zahlreiche Polizist_innen in der Nähe waren. Einen Tag später haben lokale Medien über die Vorfälle berichtet, während die Polizei zunächst meldete, es habe keine einzige derartige Anzeige gegeben. Mittlerweile wird ermittelt und werden Daten von Überwachungskameras ausgewertet.

Bangalore in der Silvesternacht

STR / AFP

Bangalore in der Silvesternacht - dieser junge Mann hilft der Frau.

Was danach für besonderen Unmut gesorgt hat, waren die Aussagen einiger indischer Politiker_innen. Der Innenminister von Karnataka, G. Parameshwara, wurde von zahlreichen Medien zitiert, dass "solche Dinge eben passieren". Er kritisierte nicht die Taten, sondern die jungen Frauen Indiens dafür, dass sie einen zu westlichen Lebensstil hätten, sich zu freizügig anziehen würden. Auch der Politiker Abu Azmi, der schon einmal gefordert hatte, Frauen sollten bei Vergewaltigungen bestraft werden schob die Verantwortung an den Vorfällen den Frauen zu.

Erinnerung an 2012

Solche Anschuldigungen sind nicht neu gegenüber Frauen in Indien. Auch die Täter bzw. deren Verteidiger in Indiens bekanntestem Fall einer Vergewaltigung - die Studentin Jyoti Singh wurde dabei 2012 in Delhi ermordet - haben solche Argumente als Grund und Verteidigung für ihre Tat vorgebracht.

Seit damals gab es Maßnahmen der Regierung, um den öffentlichen Raum für Frauen sicherer zu machen, sagt die freie Journalistin Neha Mathews, zum Beispiel Safety Apps für Frauen. „Diese Safety Apps haben aber nichts an der Mentalität geändert“, sagt Neha. „Frauen werden noch immer auf der Straße belästigt, fast jeder indischen Frau ist das schon einmal passiert.“

#iwillgoout am Samstag

Morgen gehen nicht nur indische Frauen auf die Straße: es gibt auch den Women's March on Washington, der gegen Präsident Donals Trumps Rassismus und Sexismus auf die Straße geht.

Auch in Wien gibt es ein Solidaritäts-Event.

Um Solidarität mit den Opfern in Bangalore zu zeigen und weil sie die Nase voll haben, haben sich seit Neujahr einige indische Frauenorganisationen zusammengetan und die initiative #iwillgoout ins Leben gerufen. Am Samstag wollen sich in 20 indischen Städten Frauen zusammenfinden und auf die Straße gehen. „Wir wollen uns den öffentlichen Raum zurückerobern und zeigen: Auch wir Frauen haben das Recht, in der Öffentlichkeit zu sein!“, sagt Neha Mathews. In zahlreichen Tweets wird betont, Frauen sollten sich - auch ohne rechtfertigende Gründe - in der Stadt frei und sicher bewegen können.

  • #Iwillgoout because Bombay is beautiful at night, when the road rage of the day is done & the local trains are empty.
  • #IWillGoOut because the more women there are in public space, the more comfortable it is for all women.
  • #IWillGoOut because I refuse to let fear define my relationship with my city. Delhi is as much mine, as anyone else's
  • I'm going to be out tonight. Walking. Being free, not scared. Come out you disgusting cowards! Try and touch me. #IWillGoOut
  • #IWillGoOut Try and Stop Me.

Frauen, die einfach abhängen

Eine der Initiativen, die #iwillgoout mitbegründet hat, ist „Why loiter?“, die schon seit längerem damit beschäftigt ist, den öffentlichen Raum für Frauen zu erobern. Vergangenen November habe ich in Mumbai mit Neha Singh gesprochen, die „Why loiter?“ als Ein-Frau-Initiative nach der Lektüre des gleichnamigen Buchs gegründet hat.

Die Idee von "Why loiter?" ist bestechend einfach: „Wir machen nichts“, sagt Neha. „Denn in Indien sieht man Frauen im öffentlichen Raum nur dann, wenn sie einer Tätigkeit nachgehen: Sie sind auf dem Weg zur Arbeit oder sie kaufen ein oder sie sind mit ihrem Mann oder Kindern unterwegs. Aber sie sind nie einfach nur zu ihrem Vergnügen dort – Männer aber schon.“ Die Idee, dass Frauen im öffentlichen Raum nichts zu suchen haben, kommt davon, dass sie in ständiger Angst davor leben müssen, belästigt zu werden. Es kommt aber noch ein Kastenaspekt dazu: „Diese Angst wird den Frauen auch eingeimpft, weil die Familien nicht wollen, dass die Frauen mit Männern interagieren, die sie nicht gutheißen“, sagt Neha Singh. „Sie wollen nicht, dass ihre Tochter draußen ist, weil sie Angst haben, dass ihre Tochter belästigt wird. Aber auch, weil sie Angst haben, dass sie sich in einen Mann verlieben könnte – hier kommt ein Ehrbegriff ins Spiel, der immer über die Sexualität der Frauen verhandelt wird.“ Und eben diese (Familien-)Ehre ist zerstört, wenn eine junge Frau mit einem Mann durchbrennt oder schwanger wird oder mit einem Mann aus einer anderen Kaste oder sozialen Schicht eine Beziehung beginnt.

Neha hat begonnen, in Mumbai auf öffentlichen Plätzen herumzulungern, zum Beispiel bei einem Teestand in Ruhe Tee zu trinken. Sie hat Fotos davon geschossen und via twitter und facebook verbreitet. Das hat zu großer Resonanz und Nachahmerinnen geführt. Mittlerweile gibt es sogar einen Ableger in Pakistan.

Denn je mehr Frauen auf der Straße sind, desto sicherer sind die Straßen für alle, sagt Neha. „Der öffentliche Raum ist für Frauen erst dann sicher, wenn er für alle Minderheiten sicher ist“, sagt Neha Singh von „Why loiter?“. „Ein paar handfestere Maßnahmen gibt es natürlich auch wie bessere Straßenbeleuchtung, mehr öffentliche Toiletten...“

Karnatakas Innenminister Parameshwara ist mittlerweile zurückgerudert, heißt es in einer dpa-Meldung. Er sagt, seine Aussagen seien falsch zitiert worden. Für Bangalore habe er sich Maßnahmen überlegt, damit Frauen sich in der Stadt wieder sicher fühlen können: Mehr Licht, mehr Überwachungskameras und mehr Notfalltelefone.

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