Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Werwölfe, Bullet Time und Geheimagenten"

Burstup

Physische Welt, virtuelle Realität. Politik und Kultur.

9. 1. 2017 - 14:28

Werwölfe, Bullet Time und Geheimagenten

Drei ungewöhnliche Videospiele, die erneut beweisen: Virtual Reality sorgt für einen verblüffenden Innovationsschub in der Welt der Games.

Wir befinden uns zu viert in meinem Wohnzimmer. Abwechselnd spielt sich dieses Szenario ab: Eine/r von uns steht starr wie eine Salzsäule mitten im Raum und bewegt sich manchmal wenige Zentimeter – in Zeitlupe. Gelegentlich knien wir uns auch vorsichtig nieder oder wälzen uns im Schneckentempo über den Fußboden.

Superhot VR

Das Videospiel, das uns diese seltsamen Dinge tun lässt, heißt "Superhot VR" und ist nur eines von vielen Beispielen für die enorme Innovationskraft, die von Virtual Reality derzeit ausgeht. Bemerkenswert ist das vor allem, weil es das Spiel unter dem Namen „Superhot“ (ohne den Namenszusatz „VR“) bereits vorher gab - das Spielerlebnis könnte sich trotzdem kaum unterschiedlicher anfühlen.

The Superhot Team

In Superhot VR gibt man sich zeitlupenartigen Bewegungen hin, weil sich die Gegner – seltsame rote Kristallfiguren in weißen Räumen – nur dann bewegen, wenn man sich selbst bewegt. Dreh den Kopf nach links, um zu schauen, was dort los ist, und die Angreifer bewegen sich ein paar Zentimeter weiter auf dich zu. Heb einen Hammer auf, der vor dir auf dem Boden liegt, und der Gegner kommt noch einen Meter näher. Wirf den Gegenstand, und die roten Männer rennen für einen Moment – wenn du Glück hast, trifft der Hammer wenigstens einen von ihnen. Feuerst du eine Pistole ab, verursacht die Bewegung des Projektils auch eine rasante Bewegung der Gegner (die ebenfalls bewaffnet sind).

The Superhot Team

Die Bullet-Time-Mechanik des Spiels in Kombination mit einem VR-Headset und positionserfassenden Hand-Controllern bewirkt nicht nur, dass man sich beim Spielen wie Neo im Showdown des Kinofilms The Matrix bewegt. Weil man beliebig lange über die Lösung eines Zweikampfes nachdenken kann, solange man nur ruhig stehenbleibt, ist das Spiel auch einer der taktischsten Shooter, die ich je gespielt habe - ein räumliches Puzzle in VR. Der ungewöhnliche Grafikstil, das befriedigende Zerbersten getroffener Kristall-Gegner und die Anspielungen an die Homecomputer- und Cyberpunk-Ära der 80er-Jahre tun ein übriges, um Superhot VR zu einem einzigartig faszinierenden Spielerlebnis zu machen.

I Expect You to Die

„Escape Rooms“ oder „Fluchtspiele“ erfreuen sich auch in Österreich zunehmender Beliebtheit als Freizeitbeschäftigung. Dabei lassen sich mehrere Personen in einen physischen Raum „einsperren“, aus dem man nur entkommen kann, wenn man nach Informationen sucht und Rätsel löst. Das VR-Spiel „I Expect You To Die“ übernimmt dieses Konzept in VR – ebenso wie Superhot mit einer Portion Retrocharme. Letzterer drückt sich hier in Form zahlreicher Anspielungen auf James Bond und diverse Geheimagenten-Klischees aus.

Schell Games

Der erste Raum, aus dem es zu entkommen gilt, ist ein Auto im Laderaum eines Flugzeugs in der Luft. Im Auto befindet sich eine Bombe, im Flugzeug Giftgas. Schwierig? Ja, aber auch sehr unterhaltsam. Danach geht es in das Chemielabor eines bösen Konzerns (hinter dem eine an Bond-Bösewicht Ernst Blofeld angelehnte Figur zu stehen scheint) oder in eine verschneite Villa in den Bergen. Der Schwierigkeitsgrad wird zunehmend höher, der Humor ist herrlich trocken.

Werewolves Within

Auch dieses neue VR-Game orientiert sich an einem Spiel aus der „richtigen“ Welt: Es ist bekannt unter den Namen „Werwolf“ oder „Die Werwölfe von Düsterwald“ (in einer älteren Variante auch als „Mafia“). In den verschiedenen Varianten des Gesellschaftsspiels sitzen acht Personen oder mehr im Kreis. Durch geheime Auslosung wird bestimmt, welche Spieler gewöhnliche Dorfbewohner und welche Werwölfe sind. Ein Spielleiter kündigt die Nachtphase des Spiels an, in der alle Spieler die Augen schließen. Dann wachen die Werwölfe auf, verständigen sich lautlos, welchen Dorfbewohner sie fressen. Am nächsten Morgen diskutieren die noch lebenden Dorfbewohner über die Hinrichtung eines Verdächtigen.

Ubisoft

Die Werwölfe versuchen natürlich, den Verdacht auf Unschuldige zu lenken. Der Tag-Nacht-Zyklus wiederholt sich solange, bis entweder alle Dorfbewohner oder alle Werwölfe tot sind. Zusätzliche Rollen mit Spezialfähigkeiten bringen taktische Möglichkeiten und gefinkeltere Täuschungsmanöver ins Spiel.

Mit der jetzt veröffentlichten VR-Variante dieses Social-Deduction-Games erspart man sich die manchmal schwierige Suche nach genügend Mitspielern. Das Headset auf den Kopf und ein „Quick Match“-Button verbindet mit Werwolf-Fans aus aller Welt, wobei es unerheblich ist, ob diese Oculus Rift, HTC Vive oder Playstation-VR verwenden. Das virtuelle Dorf und die Avatare erinnern in stilistischer Hinsicht an Cartoons, vermitteln aber dennoch den Eindruck, in der physischen Welt mit Menschen in einer Spielerunde zu sitzen. Das ist verblüffend und funktioniert nicht zuletzt aufgrund der real übertragenen Kopfbewegungen und der via Controller gesteuerten Gesten, mit denen man z.B. beschuldigend auf einen anderen Spieler zeigen oder erbost die Faust recken kann.

Ubisoft

Köstlich ist auch die Flüster-Mechanik des Spiels: Lehnen sich zwei Personen zueinander, ist ihr Gespräch für die anderen Spieler nicht hörbar - stattdessen gibt es nur einen unheimlichen Flüster-Soundeffekt für die Runde. Das Mauscheln der beiden Geheimniskrämer kann aber auch unangenehme Nebeneffekte haben, zum Beispiel weil ein Werwolf die Rolle seines Gesprächspartners "riechen" kann.

Auch andere Sonderfähigkeiten, mit denen man als Spieler ausgestattet sein kann, bereiten Freude. Als Saint kennt man die Identität eines der Werwölfe, darf sich allerdings nicht zu erkennen geben, da die Werwölfe gewinnen, wenn sie den Saint töten. Der Deviant ist ein des Lebens überdrüssig gewordener Außenseiter und gewinnt, wenn er getötet wird - eine Rolle, die viel unterhaltsames Chaos ins Spiel bringt. Ein "Turncoat" ist Dorfbewohner, kennt aber die Identität der Werwölfe und spielt auf deren Seite.

FM4 Spielkultur:

Ist man einmal in einer guten Runde von acht Spielern gelandet, fällt es schwer, wieder auszusteigen – so manche meiner Sessions hat schon zwei Stunden anstatt wie geplant nur wenige Minuten gedauert. Hier wird nicht geschossen, sondern diskutiert, geflunkert und vor allem viel gelacht. „Werewolves Within“ ist eines der amüsantesten und sozialsten VR-Spiele bisher. Bitte mehr davon.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.