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Musik, Film, Heiteres

Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

23. 12. 2016 - 15:47

Zum Glück sind BerlinerInnen so unhysterisch

Zwei Tage nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt titelte die Bildzeitung in großen Lettern: "ANGST" - und lag in ihrer Einschätzung der Lage was Berlin angeht mal wieder völlig daneben.

Es ist fast unheimlich, wie unbeirrt, fast teilnahmslos die Berliner und Berlinerinnen nach dem Anschlag weiter machen. Nach dem Schock am Montag Abend, nachdem nicht nur die Nachrichten-Junkies sämtliche Sondersendungen und Brennpunkte, die immer gleichen Fragen, Expertenmeinungen und Vermutungen auf allen Kanälen stundenlang verfolgt hatten, spricht bereits am nächsten Tag keiner mehr groß über den Anschlag vom Breitscheidplatz. Unterwegs, im Supermarkt, beim Bäcker, in der Autowerkstatt beim Friseur, im Cafe – kein Thema. Fängt man selbst davon an heißt es: "Na ja, war ja klar, dass hier auch mal so was passiert...“

Man fühlt sich selbst fast herzlos, unbeteiligt, so als ob man in einer anderen Stadt leben würde. Liegt es daran, dass der Platz, der in der Presse jetzt als das Herz Berlins bezeichnet wird, für uns so weit weg ist und nicht viel mit unseren Lebenswelten zu tun hat?

Der Breitscheidplatz war das Herz des alten Westberlins, da steht der "Hohle Zahn" - die Ruine der Gedächtniskirche - als Mahnung an den 2. Weltkrieg und daneben die Touri- Attraktionen der Achtziger Jahre: der berühmte Wasserklops und die erste Shopping Mall Berlins, das Europacenter. Gegenüber das berühmte Kaufhaus des Westens KDW. Hier zog es vor dem Mauerfall die Touristen hin. Der Breitscheidplatz, das war das Highlight aller westdeutschen Klassenfahrten.

Nach dem Mauerfall verlor das alte Westberlin an Bedeutung, zum Shoppen gingen die Teens und Twens und fast alle woanders hin. Erst in den letzten Jahren versuchte man die Gegend durch den Neubau von Prunk- Hotels und exquisiten Ladengeschäften wieder aufzuwerten. Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz: ein liebloser "Trash-Markt", eine Touri-Falle, ein paar Holzhütten, eingeklemmt zwischen zwei großen Straßen, "wie hingeschissen" sagte einmal ein Freund angesichts der Trostlosigkeit von Bretterverschlägen, Weihnachtstechno, Chinapfanne und Halber-Meter-Bratwurst-Ständen. Ab und zu, wenn man in den alten Westen musste, fuhr man an dem Platz vorbei - immer ein großes Gewimmel auf der Straße, Busse, Autos, Baustellen viel Verkehr.

Berliner Weihnachtsmarkt

APA/AFP/dpa/MICHAEL KAPPELER

Deshalb wollten am Montag zuerst auch alle an einen Unfall glauben. Wer in den Markt fahren wollte, musste eigentlich nur von einer großen Zufahrtsstraße aus geradeaus fahren, hat vielleicht einer die Kurve nicht gekriegt? Betrunkene Polen, eine Rangelei am Lenkrad nach einem LKW-Diebstahl? „Lieber Gott, lass es die Russenmafia gewesen sein“, schrieb eine Freundin per Whatsapp. „Oder noch besser: Die Reichsbürger“, ergänzte eine andere. Denn viele befürchten dass die Hetze gegen Migranten und Geflüchtete jetzt noch zunimmt, sollte ein Geflüchteter die Tat begangen haben.

Dass ist die Angst, die man drei Tage nach dem Anschlag in Berlin hat: Dass die Rechten und Rechtspopulisten den Anschlag benutzen, um Stimmung zu machen und Ressentiments zu schüren. Die Reaktionen kamen ja auch prompt, die AFD sieht die Schuld bereits zwei Stunden nach der Tat bei Angela Merkel, die CSU will am Tag danach die ganze Flüchtlingspolitik neu ordnen (eine Flüchtlings- und Asylpolitik, die ohnehin schon seit Monaten immer mehr verschärft wird). Vor dieser Vereinnahmung hat man hier nun Angst. Aber Angst ums eigene Leben, Angst selbst Opfer eines Anschlags zu werden, hat hier anscheinend keiner.

So unbeeindruckt und ruhig die Berliner alles aufnehmen, so pathetisch und absurd benimmt man sich bei Facebook. Man wurde als Berlinerin am Montag Abend ständig per „SafetyCheck" genötigt, sich als „in Sicherheit“ zu markieren. Leute, die man gar nicht kennt, fragen per Facebook, ob man „in Sicherheit“ wäre. Was soll das alles? Hier wird auf perfide Art eine Besorgnis konstruiert, ein Instrument zur Wichtigtuerei und Hysteriesierung geschaffen. Der SafetyCheck kann ja meinetwegen für Menschen mit Beziehungen ins Ausland von großem Nutzen sein. Wenn zum Beispiel ein Anruf über Ländergrenzen hinweg nicht möglich ist, weil beispielsweise das lokale Telefonnetz zusammenbricht. Aber am Montag Abend in Berlin diente er vorrangig dazu, sich selbst in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Unbeteiligte, die auf dem heimischen Sofa chillen und auf „Safe“ klicken , wirken in einer 3,5 Millionen-Stadt plötzlich wie Helden, wie Überlebende einer Katastrophe, die die ganze Stadt heimgesucht hat. Statt zu beruhigen, trägt die Funktion zur Panikmache bei, suggeriert, die ganze Stadt sei unsicher und jeder vor Ort potentiell in Lebensgefahr.

Die angebliche Besorgnis, der Beruhigungsklick „Bin in Sicherheit" wird zur Farce, zur Wichtigtuerei. Ein kleiner Kick, an diesem weltbewegenden Ereignis dabei gewesen zu sein. Leute, die sich Sorgen machen könnten anrufen oder eine SMS schreiben - aber das kriegt ja keiner bei Facebook mit. Die Markierung „In Sicherheit“ hingegen sagt: Ich bin so kosmopolit - habe so viele Freunde in aller Welt, die sich um mich sorgen- ich kann
nicht allen eine SMS schreiben, ich brauche das Facebook-Safety-Tool!

Facebook ist es vollkommen gleich, ob wir in Sicherheit sind oder nicht - Facebook ist nur an unseren Daten interessiert. Wir sind hier in Berlin nicht im Krieg, es gab kein Erdbeben und keine Naturkatastrophe .

Zum Glück sind die BerlinerInnen sind im Gegensatz zu Facebook herrlich unpathetisch und unhysterisch. Alles läuft weiter wie gehabt.

Berliner Weihnachtsmarkt

APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ

Am Anschlagsort werden Blumen hinterlegt, am Dienstag nachmittag sang auf der Straße gegenüber ein Chor mit Passanten zusammen „We are the World“. Am Dienstag versammelten sich etwa 200 AfD - Anhänger (inklusive Parteiprominenz) unter dem Motto "Mehr Sicherheit für Deutschland", zu einer "Mahnwache" vor dem Kanzleramt. In der Nähe des Anschlagortes hatte die NPD zu einer Demonstration unter dem Motto "Grenzen dicht machen" aufgerufen, zu der nach Polizeiangaben rund 130 Menschen kamen. Etwa 800 Gegendemonstranten stellten sich ihnen mit roten Herzen und Plakaten mit der Aufschrift "Keine Nazis, nirgends. Keine Islamisten, nirgends" entgegen.

Am Mittwoch waren dann die großen Berliner Weihnachtsmärkte so voll wie seit Wochen nicht mehr. Der Tenor der befragten Besucher: Wir haben keine Angst, wir machen weiter wie bisher. Am Donnerstag wurde auch der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz wieder eröffnet.

Großer Beliebtheit erfreut sich eine Botschaft eines Berliner Journalisten, der in diesen Tagen hier vielen aus dem Herzen spricht:

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  • spacesepp | vor 120 Tagen, 13 Stunden, 16 Minuten

    @chillamalheast:
    hab die fpö nie gewählt, werds nie tun u angst vor terror hab ich auch nicht, falls dus genau wissen willst, also kannst dich gern an deinen nick halten (falls dein post überhaupt an mich oder irgendwen gerichtet war und du dich nicht einfach m dir selbst unterhalten hast)

    Auf dieses Posting antworten
    • chillamalheast | vor 120 Tagen, 12 Stunden, 44 Minuten

      äm weil ich das forum hier wie kein zweiter obsessivst kenne und scheindiskussionen 5kilometer gegen den wind rieche?
      brauchst du einen klammeraffen und deinen nick damit du dich auskennst? weil hier soviel trafic wie am shibuya square abgeht...so unübersichtlich du kannst also nicht wissen wer angesprochen sein könnte obwohl du paraphrasiert wurdest..hm
      ok
      @spacesepp
      natürlich wäre es für das kollektive bewusstsein des deutschen sprachraums besser wenn ein pegida,neonazi,afd-mitglied den anschlag direkt verübt(und nicht nur indirekt durch indoktrination http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/auftritt-vor-reichsbuergern-xavier-naidoo-stellt-sich-selbst-ins-abseits/10825166.html manche vermuten ohnehin dass einige terrorzellen DIREKT von neonazis unterstüzt und social engineered werden)
      das wäre ein herber shitstorm-rückschlag für afd für die fpö für die gesamte rechte welle der alt right.das wäre vermutlich sogar vorerst ihr tod.und dann dürfen endlich wieder die konservativen unsere rechten sein.da wär ich auch dabei..die ordnung wäre wieder hergestellt.
      wäre das was schlechtes?

    • chillamalheast | vor 120 Tagen, 12 Stunden, 26 Minuten

      es wäre nicht das erstemal das islamisten von nazis ausgebildet werden
      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46351653.html

    • chillamalheast | vor 120 Tagen, 12 Stunden, 16 Minuten

      https://www.welt.de/print/wams/article137463087/Die-Nazis-und-der-Nahe-Osten.html

      da schließt sich der kreis

    • spacesepp | vor 120 Tagen, 10 Stunden, 54 Minuten

      sorry, aber das glaubst ja in dem fall selber nicht. klar wär es f fpö etc ein rückschlag, wenn mal die nazis einen anschlag machen würden, aber man muss halt auch mal der realität ins auge sehen, und in dem fall deutet genau nix auf einen false flag anschlag hin. zur zeit haben die islamisten halt noch genügend wahnsinnige zur verfügung, die sich in die luft blasen wollen, und in punkto indoktrinierung können mittlerweile auch die faschos von den rauschebärten was lernen u nicht umgekehrt

    • chillamalheast | vor 120 Tagen, 7 Stunden, 57 Minuten

      ok..die most creepy scientist ..die social behavior social engineering heinzis der ultrarechten können was vom abrahamitisch harry potter mythos shit..dem koran lernen?

      nicht wirklich
      ausserdem hat sich der shit mit sämtlichen religionen new agig okkult schon lange vermischt..auch mit dem islam;)
      https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_von_Sebottendorf

  • spacesepp | vor 123 Tagen, 17 Stunden, 23 Minuten

    ganz ehrlich, wer beim x-ten islamistischen anschlag noch immer als erstes denkt "bitte, hoffentlich wars diesmal ein nazi oder ein russe" sollt sich selber eingestehen, dass es ihm / ihr offenbar hauptsächlich darum geht, das eigene, gemütliche und liebgewonnene, aber leider den aktuellen zeiten unangemessene schwarz-weiß denken nur ja nicht hinterfragen zu müssen. mein gott wär das schön, wenns ein pegida trottel oder ein reichsbürger gewesen wär, dann könnten wir jetzt laut schreiend m transparenten auf die straße gehen und paar steine schmeißen und müssten nicht so mühsam um einen eigenen standpunkt ringen, rumdrucksen und relativieren wie nach köln etc..

    Auf dieses Posting antworten
    • miikesmama | vor 123 Tagen, 13 Stunden, 52 Minuten

      vlt hast du den Bericht nicht genau gelesen, es geht hier nicht um "einen eigenen standpunkt ringen, rumdrucksen und relativieren wie nach köln", oder schwarz weiß denken. fuck Islamisten, wie soll man das noch klarer sagen? Es geht darum dass man nicht will dass Rechte eine solche Tragödie instrumentalisieren. Dass man nicht will dass wieder Keile in die Gesellschaft geschlagen werden, Leute unter Generalverdacht gestellt werden. Und übrigens geht man auch hier sehr wohl laut schreiend auf die Strasse mit Transparenten ("Keine Nazis, nirgends. Keine Islamisten, nirgends", steht ebenfalls im Text).
      Dein Posting hat einen unangenehmen Beigeschmack.

    • spacesepp | vor 123 Tagen, 12 Stunden, 37 Minuten

      @mikesmama: keine sorge, hab den artikel gelesen, finds trotzdem immer wieder befremdlich, wenn leute nach ganz offensichtlich islamistischen anschlägen keine größere sorgen haben, als dass das jetzt den nazis in die hand spielen könnte. und ich hab keinerlei sympathie für pegida, fpö etc... falls das der unangenehme beigeschmack sein sollte.

    • chillamalheast | vor 120 Tagen, 13 Stunden, 30 Minuten

      natürlich hast du keine sympathien für sowas. die fpö hat 47% bekommen aber niemand wählt sie.

      woher kommt also die scham?
      das wissen über die rechte hauseigene fake news/fake comments und die schändliche rechte lügenpresse? schlechtes gewissen?(muaha)
      in erster linie muss man sich um euer bewusstsein sorgen machen wenn man die neuen methoden der politischen parteien ansieht.jene parteien die eure dargelegte angst und sorge vor dem terror massenmedial und global verbreiten.
      https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/
      in europa oder den USA angst vor dem terror zu haben ist rein statistisch mit einer paranoia vor einer alien-invasion gleichzusetzen..gratuliere.http://www.globalresearch.ca/the-terrorism-statistics-every-american-needs-to-hear/5382818
      erich von däniken hat bei manchen anscheinend ganze vorarbeit geleistet..und ihr verlangt ernst genommen zu werden?

      egal ob ihr selbstgerechte von normativer ethik zerfressene linksliberale bobos oder pegidas seit
      vollkommen egal;) die repräsentaten von delusions und bias sind die wahre gefahr. mit der realität spielt man nicht
      https://dornsife.usc.edu/the-tower-of-babel-abstracts/

    • chillamalheast | vor 120 Tagen, 13 Stunden, 29 Minuten

      repräsen*tanten
      forza tanten