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Burstup

Physische Welt, virtuelle Realität. Politik und Kultur.

12. 12. 2016 - 17:00

Oculus Touch

Die Bedienung von Software in virtueller Realität wird immer einfacher - und damit auch die soziale Interaktion. Hände in VR sind der nächste Schritt.

Manchmal verändern sich technische Geräte radikal, und wir erinnern uns im Alltag kaum, dass sie einmal ganz anders waren. Fast jeder streichelt heute Touchscreens, und es erscheint fast steinzeitlich, dass wir einmal Mobiltelefone mit Tasten verwendet haben. Von Telefonen mit Wählscheiben ganz zu schweigen.

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Vor einigen Tagen hat die – mittlerweile zu Facebook gehörende – Firma Oculus die sogenannten „Touch“-Controller auf den Markt gebracht. Sie zeigen, wohin die Reise hinsichtlich Virtual Reality und Augmented Reality geht.

Im Film „Minority Report“ gibt es eine berühmte Szene, in der Chief John Anderton einen Computer bedient, indem er mit Armen und Händen im Raum gestikuliert. Im Jahr 2002, als der Film in den Kinos lief, schien das wie Science Fiction. Während der letzten Tage aber habe ich Software auf ähnliche Weise bedient – und im Gegensatz zur Filmszene nicht auf einem Bildschirm navigiert, sondern in einem Interface, das sich räumlich über mein gesamtes Wohnzimmer erstreckt. "Room Scale VR" ist bereits vom Virtual-Reality-Headset HTC Vive bekannt. Oculus geht bei der Funktionsweise von Touch einen Schritt weiter.

Touch

Oculus VR

Die Touch-Controller bieten Buttons und Thumbsticks, deren Oberflächen kapazitive Sensoren enthalten. Letztere erfassen die Lage der Finger. Weitere Sensoren am Schreibtisch und/oder an der Wand erfassen die Bewegungen der Controller im Raum. Mit den Händen im virtuellen Raum kann man nicht nur Knöpfe drücken und Gegenstände aufnehmen, sondern auch mit anderen Usern kommunizieren. Letzteres war Oculus-Gründer Palmer Luckey ein Anliegen: "Winken, zeigen, ein Daumen hoch - Gestik in der sozialen Interaktion ist sehr wichtig und wir wollten das ermöglichen."

Big Screen

Big Screen, Inc.

Die Avatare in Big Screen bestehen nur aus Händen und Köpfen. Dem Gefühl von Präsenz schadet die minimalistische Darstellung nicht - im Gegenteil.

Eine der spannendsten Anwendungen, die ich in den letzten Tagen mit Oculus Touch benützt habe, heißt Big Screen. Ihr Prinzip ist so einfach wie mächtig: Die App bietet Räume für mehrere Personen, z.B. ein Penthouse oder ein Lagerfeuer im Wald. Man sieht eine virtuelle Darstellung des eigenen Computermonitors samt Inhalt und gleichzeitig auch die Monitore aller anderen User. So ist es möglich, gemeinsam Videos anzusehen, zu spielen und zu arbeiten – es ist so als ob man gemeinsam mit mehreren Laptops im Café oder im Hackerspace sitzen. Das Gefühl von Präsenz, das in Big Screen entsteht ist sehr stark – dazu trägt auch die verzögerungsfreie Übertragung aller Kopf- und Handbewegungen in die virtuelle Realität bei. Big Screen hat bereits ohne Touch-Controller bzw. mit den Vive-Controllern funktioniert. Handpräsenz erhöht die Immersion zusätzlich.

Die Bedienung von Software mittels Touch fühlt sich völlig natürlich an, da man in der virtuellen Umgebung einfach das tut, was man auch in der physischen Welt macht. Palmer Luckey nannte es auf der E3 ein Interfacedesign mit "low mental load" - eine Schnittstelle, über deren Bedienung man nicht nachdenken müsse. Leichte Vibrationen sorgen zusätzlich für haptisches Feedback, wenn man virtuelle Gegenstände berührt oder die Hand eines anderen Users beim High-Five abklatscht.

Medium

Oculus VR

Bilder werden dem Erlebnis, in Medium VR-Objekte zu konstruieren, nicht gerecht.

Oculus Touch wird die Arbeit von Kunst- und Kulturschaffenden verändern. Mit Grafikprogrammen wie "Tilt Brush" von Google (ebenfalls bereits vom Vive bekannt) und "Quill" von Oculus malt man im Raum. Es ist so als würde ein dreidimensionales Gemälde in Lebensgröße rund um einen entstehen. Ebenso faszinierend die VR-Konstruktionssoftware "Medium", bei der man Skulpturen und 3D-Objekte im Raum erstellt – Künstler von Filmstudios wie Dreamworks zeigen bereits erste Ergebnisse ihrer Arbeit damit. Hersteller von Musikinstrumenten wie Korg arbeiten an Synthesizern, die man mittels Touch und ähnlicher Controller im virtuellen Raum bedient.

Wie viele andere Computer-Interfaces zuvor wird sich Oculus Touch wohl zuerst im Bereich der VR-Videospiele etablieren. Auch wenn es einige Jahre dauern wird, bis Touch und ähnliche Controller zur Mainstream-Technologie werden: Die Tragweite von Virtual Reality und Augmented Reality mit Handpräsenz ist vergleichbar mit der Einführung des Multitouchscreens bei Smartphones und der Computer-Maus.

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