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Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

10. 12. 2016 - 13:53

Heldinnen der Komposition

In Berlin präsentiert das „Heroines of Sounds“-Festival gerade zum dritten Mal in Folge Komponistinnen und Musikerinnen der zeitgenössischen und aktuellen elektronischen Musik.

Musikerinnen sind ja nicht nur in der Sparte Pop und Rock marginalisiert – auch in der akademischen und elektronischen Musik gibt es die vergessenen Pionierinnen. Und wo sind die Komponistinnen in der Musikgeschichtsschreibung zwischen all den Mozarts und Beethovens, den Mahlers, Schönbergs und in jüngerer Zeit den Stockhausens, Cages und Schaeffers?

Heroines of Sound 2016
08.-10.12. Berlin, HAU Hebbel am Ufer

Sowohl in der historischen Musikwissenschaft als auch in der modernen Musik ist der Beruf des Komponisten nach wie vor männlich besetzt. Weil es keine Komponistinnen gibt und gab, oder weil ihre Werke der Überlieferung nicht stand gehalten haben?

Beatriz Ferreyra

Beatriz Ferreyra

Beatriz Ferreyra

Die Kuratorinnen Bettina Wackernagel, Mo Loschelder und Sabine Sanio wollen mit dem Festival zeigen, dass es viele erfolgreiche Komponistinnen gibt und gab und wollen mit „Heroines of Sound“ die vergessenen Komponistinnen und Elektronikerinnen sichtbar machen und Aufklärungsarbeit betreiben.

Durch Festivals wie „Heroines of Sound“ ist in den letzten Jahren den weiblichen Protagonistinnen früher elektronischer Komposition wieder vermehrt Aufmerksamkeit zuteil worden, jedoch gibt es für eine den Künstlerinnen gerecht werdende Darstellung ihrer Errungenschaften noch jede Menge zu tun.

Auf Spurensuche

„Auffällig ist die Experimentierfreude der Komponistinnen. Sie haben Klangbilder für Hörspiel, Film und Fernsehen komponiert, Studios gegründet, Musiksoftware und einen visuellen Synthesizer erfunden. Und doch sind sie heute so gut wie unbekannt“, erklären die Festivalmacherinnen in einem Interview mit der „Spex“, „die Rezeptionslinien sind abgebrochen, und wir fragen uns: wieso?”

Ein Beispiel hierfür sind die der Groupe de Recherches Musicales (GRM) nahe stehenden Komponistinnen Beatriz Ferreyra und Christine Groult, die als zwei der titelgebenden Heldinnen früher Klangkunst beim diesjährigen „Heroines of Sound“ in den Fokus gerückt werden. Obwohl es im Umfeld der von Pierre Schaeffer 1958 gegründeten Komponistengruppe GRM viele Komponistinnen gab, konnten sich diese in der Gruppe nie wirklich durchsetzen.

Beatriz Ferreyra

Beatriz Ferreyra

Beatriz Ferreyra

Neben Konzerten und Performances wird auch in begleitenden Gesprächspanels und Videoscreenings quasi archäologische Ausgrabungs- und Rekonstruktionsarbeit an verschütteten Rezeptionslinien geleistet.

Hommage an eine Pionierin

Am Donnerstag wurde im Berliner HAU (Hebbel Theater) das Festival eröffnet - der erste Konzertabend begann mit einer Hommage an Cathy Berberian (1925-1983), der bedeutendsten Pionierin einer neuen Gesangspraxis in der Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Die amerikanisch-armenische Mezzosopranistin arbeitete mit ihrer Stimme an den Grenzen von Virtuosität und Experimenten, gestaltete Kompositionen von John Cage und Luciano Berio mit. Am Donnerstag wurden die für sie geschriebenen Kompostionen „Aria“ ( John Cage 1958) und „Sequenza III“ (Luciano Berio 1966 ) aufgeführt.

Die Interpretation durch die Vokalistin Anna Clementi zeigte, dass das Singen nur eine von vielen Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme ist. Das war Brrrrrr- Boing- Puff! Ein Zischen, Lachen, Gurgeln, Hysterisch-Kichern, Belcanto-Anschwellen, Backen-Aufplustern, Pusten, Gackern, Tirilieren!

Manchmal hörte es sich an wie ein rückwärts laufendes Tape, manchmal wie ein Comic Strip. In den Zeichenerklärungen zur Partitur listet der Komponist Berio 15 Techniken auf, darunter „Lachsalven“, „Zähneklappern“, „Zungentriller gegen die Oberlippe“ sowie 44 Vortragsbezeichnungen wie „entfernt“, „verträumt“, „ekstatisch“ „äußerst intensiv“ und „verklingend“.

Es ist Gesang, Performance, Pantomime und Musiktheater zugleich. Berio hatte das Stück für seine Frau Cathy Berberian nicht nur für sie, sondern auch über sie komponiert. Ergänzend dazu wurde der Kurzfilm „Mille e una voce“, die fünfte, Berberian gewidmete Episode von Berios TV-Dokumentarfilm „C’è Musica e Musica“ gezeigt.

Bühnenpraxis now and then

Nach der Uraufführung eines neuen Werks von Laurie Schwartz endet der erste Teil des Abends mit neuen Songs von Anna Clementi, begleitet von Bassgitarre und elektronischem Gerät. Das kam nach den spannenden, teilweise herrlich absurden Vokalperformances und Filmen weniger gut an - was an der Präsentation lag. Man traute seinen Augen nicht:

Eine festlich gekleidete Frau verausgabt sich am Mikrofon, während zwei ältere Männer an Bass und Computer connaisseurhaft unbeweglich danebenstehen und mit ernster Miene die Musik beisteuern. Diese Rollenverteilung ist zwar auf den Bühnen der Welt auch 2016 noch gang und gäbe, aber an einem Abend, in dem es um die „Heroines of Sound“ geht, wirkte diese Perfomance wie eine Persiflage auf die gängige männerdominierte Bühnenpraxis. Auch der düstere Retro-Postpunk-Sound der Band kam weder experimentell noch zeitgenössisch noch sonst irgendwie interessant rüber.

Der zweite Teil des Abends holte dann aber auch auf der Repräsentationsebene wieder auf. Am ersten Festivaltag sollte es ja um die Stimme in der aktuellen elektronischen Musik gehen. Die Schwedin Sofia Härdig, angekündigt als kompromissloser, elektronischer Post-Punkrock Noir, lieferte in einer One-Woman-Show eine 1 A-Rockshow ab, wie man in Rock-Kreisen so sagt. Breitbeinig stellte sie sich mit der E-Gitarre vor das Publikum, bearbeitete diese entschlossen zu einem düsteren Industrial Beat mit Noise-Elementen aus dem Computer und sang sich mit ihrer leicht rauen, eindringlichen Stimme die Seele aus dem Leib. Die verschiedenen Stücke ähnelten sich zwar stark, aber Härdigs stimmliche Energie und Präsenz erinnerten an die junge, wilde Patty Smith und ging gesanglich noch weit darüber hinaus.

Sofia Härdig

Sofia Härdig

Sofia Härdig

Unterschiedliche Modifikationen des Vokalen kombiniert mit Elektronik trug auch Perera Elsewhere vor. Unter dem Namen verbirgt sich die Multiinstrumentalistin Sasha Perera und ihre Band. Sie spielte Keyboard, drehte an den Knöpfen des elektronischen Zubehörs, spielte Akustik-Gitarre und Trompete und tanzte dazu. Und so endete der erste Abend des „Heroines of Sound“-Festivals mit entrückten, düsteren Klängen, die ein wenig an britischen Grime und Dubstep – oder an Trip Hop und an Morcheeba erinnerte. Manche nannte es auch „Doom Folk“.

Das Festival geht noch bis Samstag, den 10.12. im Hebbel Theater am Ufer.

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