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Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

16. 12. 2016 - 17:45

Der Bürokrat des Bösen

Im Fantasy-Rollenspiel "Tyranny" sind wir auf der dunklen Seite der Macht unterwegs.

Obsidian

Böse Tyrannen besiegen, Unschuldige verteidigen, Prinzessinnen oder gleich die ganze Welt retten: Das ist in vielen Computerspielen unser täglich Brot. Nicht so im Rollenspiel "Tyranny": Da hat das Böse bereits gesiegt, und wir sind in einer düsteren FantasyWelt als Bürokrat eines mächtigen Unterdrückers unterwegs. Dessen Armeen haben zwar bereits einen ganzen Kontinent erobert, aber jetzt stehen sich die siegreichen Heere in offener Feindschaft gegenüber.

Als rechtschaffener Tyrann fackelt unser Boss nicht lange: Wenn wir es in unserer Rolle als Vermittler nicht schaffen, innerhalb einer Woche diesen Zwist zu beenden, soll es eben allen per Magie an den Kragen gehen. Schon die Ausgangssituation von "Tyranny" macht eines klar: Böse zu sein, ist auch kein Zuckerschlecken.

Nachschub vom Kult-Entwickler Obsidian

Die Entwickler von "Tyranny" sind wahre Rollenspiel-Legenden, die an Kultspielen wie "Baldur's Gate", "Fallout", "Star Wars - Knights of the Old Republic", "Southpark - The Stick of Truth" und "Pillars of Eternity" gearbeitet haben. Auch hier bleiben sie diesen Wurzeln und dem klassischen Rezept treu.

Wir steuern eine Gruppe von maximal vier Figuren, steigern und spezialisieren unsere Helden (und Antihelden) in einem detaillierten Charaktersystem und kämpfen gegen unzählige Gegner. Besonders wichtig sind dabei wie gewohnt die Dialoge, in denen wir je nach Charakter die Wahl zwischen stark unterschiedlichen Optionen haben. Ob wir einen Gefangenen befreien, ihn bestrafen oder aber um sein Leben kämpfen lassen, hat direkte Auswirkungen auf die Geschichte, aber auch unser Verhältnis zu den anderen Spielfiguren und Fraktionen.

Den perfekten Weg gibt es dabei nicht: Meist stehen wir vor Entscheidungen, die allesamt mehr oder weniger schlecht sind. Das Böse, so eine Botschaft von "Tyranny", ist oft das Resultat von banalen Sachzwängen, Vernunftentscheidungen oder schlicht bürokratischer Mechanismen. Wer will, kann aber natürlich auch als Abziehbild-Bösewicht der puren Lust am zerstörerischen Chaos frönen; trotz Setting als sozusagen "kleines Übel" ethisch supersauber zu bleiben, wird aber im Gegenzug kaum gelingen.

Obsidian

Back in black

Es ist ein wenig schade, dass "Tyranny" als Spiel fast schon zu klassisch geraten ist. Die Welt ist originell, riesig und bis zum Überfluss voll mit Geschichte, interessanten großen und kleinen Charakteren und Hintergrundinformationen - wer keine Lust hat, seitenweise toll geschriebenen Text zu lesen, wird hier wenig Spaß haben. Auch das Abklappern der liebevoll gestalteten Welt nach dem jeweils nächsten Gegenstand oder Gesprächspartner sorgt für manche Minute Leerlauf.

"Tyranny" ist für Windows, Mac und Linux erschienen.

Was das Versinken in dieser Welt und ihren schweren Entscheidungen zusätzlich hin und wieder etwas lähmt, sind die zahllosen Kämpfe, die nach dem bekannten Prinzip "rundenbasiert, aber in pausierbarer Echtzeit" ablaufen. Die sind zwar taktisch abwechslungsreich und lassen die Wahl zwischen Mikromanagement und oberflächlicher Betreuung, aber stehen durch ihre Häufigkeit oft auch der originellen Geschichte im Weg. Wer sich ganz auf die Handlung konzentrieren will, kann die Kämpfe im einfachsten Spielmodus aber stark entschärfen.

Übrig bleiben dann immer noch eine riesige Spielwelt und eine Geschichte, die immer wieder moralisch spannende Fragen aufwirft. "Tyranny" ist ein großes Geschenk für Freunde klassischer Rollenspiele; große Revolutionen hat es nicht zu bieten.

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