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Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

5. 12. 2016 - 16:20

Mit ein bisschen Hilfe der Freunde

Die höfliche Techno-Lichtgestalt Michael Mayer setzt auf seinem neuen Album auf Zusammenarbeit. Ausgeholfen haben auf "&" Prins Thomas, Roman Flügel, Joe Goddard und viele mehr. Der FM4 Artist of the Week.

Michael Mayer ist das Gegenteil von Hyperbeschleunigung und ständigem Gespritze auf den weiten Feldern der elektronischen Tanzmusik. Bei ihm kommt die Ekstase in sachten Schüben und weichen Wellen.

Artist of the Week

Musikempfehlungen aus der FM4 Redaktion

Zwar ist der Kölner Produzent und DJ im Bereich Techno und House nicht weniger als Ikone und wichtiger Strippenzieher, seit gut zwanzig Jahren im Geschäft und Geschmacksinstanz.

Beim wegweisenden Kölner Label Kompakt ist er Co-Chef und sorgt dafür, dass sich da ein breites Stilportfolio zwischen guten Brettern für den Floor, Schlagertechno, Pop Ambient, Microhouse und experimentellerem Kram ausgeht.

Michael Mayer

Frederike Wetzels

Michael Mayer

Michael Mayer umrundet Wochenende für Wochenende mit seiner Plattentasche den Globus, ist als DJ begehrt und hochverehrt. Dabei aber doch eher ein DJ's DJ und nicht schriller Popstar im hellsten Licht.

Nicht wenige weltbewegende 12"s hat er veröffentlicht, "Speaker" beispielsweise oder "Love is Stronger than Pride", seine bislang erschienenen Alben – für die er sich auch immer ordentlich Zeit lässt – waren mehr als solide Achtungserfolge – dennoch ist Michael Mayer in erster Linie das: DJ. Nach wie vor nachzuhören auf seiner kaum schlagbaren Mix-CD-Reihe "Immer", vor allen Dingen dem ewiggültigen ersten Teil.

Gerade ist unter dem Titel "&" Michael Mayers erst drittes Album in zwei Jahrzehnten Produktionsgeschichte – diesmal bei !K7, nicht bei Kompakt - erschienen. Zart wagt er hier den Schritt Richtung Pop, lotet dabei nach wie vor die weitverzweigten Sphären von Dancefloor und Elektronik aus und bleibt bescheidener Dirigent: Für jedes der zwölf Stücke hat er sich für die Produktionsarbeit einen anderen Kollegen und Wegbegleiter ins Boot geholt.

Eröffnet wird die Platte von einem Track mit dem schönen Namen "We like to party" – gerne wird ja vergessen, dass im Geiste von Kompakt neben Design-Strenge und Pop-Art-Glam oft auch eine Vorliebe für Quatsch schimmert, abzulesen beispielsweise an älteren Tracktiteln aus dem Labelkatalog wie "Abi '99", "Schöne Grüße", "Liebe Deine Musik".

Das Stück "We like to party" hat Michael Mayer gemeinsam mit dem langgedienten Vielseiter Roman Flügel (Sensorama, Alter Ego u.v.m.) gebaut, es ist einer seiner besten Tracks überhaupt geworden.

Sanft melancholischer House-Minimalismus trifft kleinteiliges Detailreichtum, gewürzt mit – eine Merkwürdigkeit im Zusammenhang von Kompakt – HipHop-Scratches. Wirkt nicht sensationell aufgekleistert, sondern ist feinfühlig eingepasst. Ein Stück Musik, das nicht groß kreischen muss, das geschmeidig das Warm-Up besorgt und die Rutsche legt, hinein in eine vielseitige Platte.

Eine Platte, die auch gerne Mayers Kollaborateure ein bisschen aus ihren üblichen Kernkompetenzreservaten kitzelt. Auf "We like to Party" folgt ein Stück mit den Kompakt-Veteranen Jörg Burger und den Gebrüdern Voigt, er trägt den richtigen Titel "Disco Dancers": Hier werden Funk-Appeal, Schweiß und Laszivität herausgearbeitet, bis der Track kaum vorhersehbar zwischenzeitlich und großartig in einem psychedelischen Break-Down inklusive Geflöte und Getröte, wohl eine Klarinette, versandet.

Michael Mayer Albumcover

!K7

"&" von Michael Mayer ist über !K7 erschienen

Und so reitet "&" munter weiter: Es gibt Geräte für den Floor und Trance mit dem Brasilianer Gui Boratto, dem Franzosen Agoria oder dem Klavier-Manipulator Hauschka.

Dazwischen echte Song-Momente mit Lyrics mit Joe Goddard und Ed MacFarlane von den Friendly Fires, dann Fleetwood Mac-Softdisco mit Prins Thomas und der Sängerin Irene Kalisvaart, speziell unterkühlte Electroclash-Gedächtnis-Arbeit mit Miss Kittin.

Den Abschluss macht balearischer Ambient-Pop mit dem neuseeländischen Produzenten Andrew Thomas, davor noch ein Höhepunkt: Das Stück "Und da stehen fremde Menschen" mit dem Kölner Barnt. Ein Track von klassischer Kompakt-Prägung, nebulöser Spuk-Techno mit rästelhaftem Sample in deutscher Sprache: "Und da stehen fremde Menschen auf einmal mir nah". Sicherlich auch eine Losung für den Dancefloor. Geschwister im Groove.

Bei allem Stilpluralismus wirkt "&" aber nicht wie eine wahllos zusammengestückelte Compilation zufälliger Interpreten. Sondern wie eine behutsam gebaute Abfolge, wie ein DJ-Set, das die Stimmungen und Farben der Nacht kennt, in einem Album verdichtet. Michael Mayer verschwindet hinter der Musik, sie leuchtet.

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