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Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

5. 12. 2016 - 12:05

Mein Leben als Big Brother

Das spannende Thriller-Adventure "Orwell" lässt uns zum digitalen Überwacher werden.

osmotic

In der analogen Vergangenheit war es gar nicht so einfach, etwas über seine Mitmenschen herauszufinden. Wir kennen das aus Kino und TV: Detektive, Polizisten und Spione mussten da ganz schön viele Nächte in kalten Autos sitzen, um Genaueres über die beobachteten Personen zu erfahren. Das alles braucht man in der digitalen Gegenwart nicht mehr: Seit wir selbst fleißig in den Sozialen Medien unser Leben digital dokumentieren, reichen schon ein paar Mausklicks für ein ziemlich komplettes Profil.

Noch nie hatte es der berüchtigte Big Brother aus George Orwells Roman "1984" so einfach wie heute - das ist die Botschaft von “Orwell”, einem Adventure, in dem wir selbst der große Bruder sind.

Ein schwarzer Spiegel

Das Setting von “Orwell” ist fiktiv, aber sehr nah an der Realität - und nicht nur darin ähnelt es einer Episode aus der bitterbösen TV-Serie "Black Mirror". Als freier Mitarbeiter eines staatlichen Überwachungsprogramms ist es unsere Aufgabe, einen Terroranschlag aufzuklären. Dafür nehmen wir verdächtige Personen genauer unter die Lupe: Öffentliche Profile in sozialen Medien können wir dabei ebenso verwerten wie Krankenakten, Telefonate oder Chats.

Der Clou: Was genau davon wir an unsere Vorgesetzten weitergeben, bleibt unserem Urteil überlassen. Ob eine verdächtige Person Medikamente nimmt oder in Partnerbörsen über Einsamkeit klagt, fügt sich so zu einem Bild, das sie verdächtig macht oder unschuldig wirken lässt. Der spannende Thriller zeigt uns dabei, wie sich auch scheinbar kleine virtuelle Spuren zu vollständigen Profilen verbinden - und welche ganz realen Auswirkungen das haben kann.

Osmotic

Politische Bildung mit Unterhaltungsfaktor

Auch wenn die Handlung letztlich recht linear bleibt, wir selten, aber doch etwas im Datenmeer verlorengehen und der Plot an manchen Stellen etwas mehr Subtilität vertragen hätte, ist "Orwell" spannend, aber trotz seines ernsten Themas auch immer wieder witzig und manchmal sogar angenehm hinterhältig. Originell ist auch das Interface: Statt eine Spielfigur zu steuern, finden wir uns einfach vor der Benutzeroberfläche der Datenbank. So genügt uns ein simpel gestalteter Desktop, auf dem durch neu gefundene Hinweise weitere Webseiten, Protokolle oder Zielpersonen freigeschalten werden.

“Orwell” ist für Windows erschienen; es gibt eine kostenlose Demo, die eines von insgesamt fünf Kapiteln beinhaltet.

In fünf Kapiteln entspinnt sich in "Orwell" eine atemlose Jagd im Netz, in der es aber kein simples Gut und Böse gibt. Stattdessen führt uns das stylische Spiel des Hamburger Indiestudios Osmotic auf bedrückende Art und Weise vor Augen, wie lückenlose Überwachung im Hintergrund funktioniert.

Nicht erst seit Edward Snowden ist klar, dass die Handlung von “Orwell” kaum Science-Fiction, sondern vielmehr banale Realität ist. Schon allein dafür lohnt es sich, dieses außergewöhnliche Abenteuer zu spielen, das uns wie das große "Papers, Please" die Mechanismen von staatlicher Gewalt am eigenen Leib erfahren lässt.

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