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Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

28. 11. 2016 - 09:13

Meucheljahre einer Kaiserin

Das furiose First-Person-Abenteuer "Dishonored 2" ist ein Spielplatz für jeden Geschmack.

Arkane/Bethesda

In einer Stadt wie dieser möchte man gern Urlaub machen: Das Meer rauscht, die Sonne scheint, und die verwinkelten Gassen der historischen Altstadt locken mit Palästen und bunten Märkten. Die lebhafte Stadt Karnaca liegt aber nicht irgendwo am Mittelmeer in Italien, Kroatien oder Spanien, sondern ist der Schauplatz von “Dishonored 2”.

Viel Zeit, auf einer Piazza einen Espresso zu trinken, bleibt uns darin aber nicht. Immerhin sind wir in diesem First-Person-Abenteuer genau wie im vor vier Jahren erschienenen Vorgänger auf einem mehr oder weniger blutigen Rachefeldzug, der auch aus der Feder eines Alexandre Dumas stammen könnte. Eine Verschwörung und ein Staatsstreich haben die rechtmäßige Kaiserin vom Thron gestoßen und es liegt an uns, die alte Ordnung wiederherzustellen.

Entehrt und auf Rache sinnend

In der Gestalt der jugendlichen Kaiserin oder aber ihres Vaters entführt uns “Dishonored 2” wieder in eine Welt, in der Zauberei genauso zuhause ist wie Industrie und Schießpulver - dass dieses Setting eher der Genrenische "New Weird" zuzuordnen ist als der viel bekannteren Schublade "Steampunk", sei hier als Munition für Besserwisser angemerkt.

Wie der Vorgänger zählt sich auch Teil 2 zur FPS-Nische der "Immersive Sims" - jenen Spielen aus der Tradition des Innovators Looking Glass, in denen uns, grob gesagt, selbst überlassen bleibt, wie wir vorgehen wollen; mit "Thief", "System Shock" und "Deus Ex" bevölkern wahre Kultspiele dieses Subgenre. In den einzelnen Missionen von "Dishonored 2" können wir uns demgemäß nicht nur frei in den gerade besuchten Arealen der lebendigen Stadt bewegen, sondern auch auf verschiedene Arten an unser Ziel gelangen.

So können wir entweder als blutiger Racheengel den Kampf mit Wachen und Soldaten suchen, mit Magie und Waffen tödlich aus dem Verborgenen meucheln oder aber heimlich über die Dächer schleichen und aufsMorden ganz verzichten. Je nach Zugang spielt sich “Dishonored 2” unterschiedlich: Vorsichtige Schleicher werden mit einer liebevoll gestalteten Welt mit vielen Geheimnissen belohnt, die rabiaten Kämpfernaturen wohl entgehen werden. Im Klartext: Wer nur auf der Suche nach dem Kick der gelungenen Nahkämpfe von Gegner zu Gegner rast, lässt sich die große Stärke dieses Spiels entgehen.

Arkane/Bethesda

Spielplatz der 1000 Möglichkeiten

Denn wie schon sein Vorgänger begeistert auch “Dishonored 2” mit einer Welt, die vor Atmosphäre nur so strotzt. Unzählige kleine Details gestalten auch den letzten Winkel von Karnaca liebevoll aus, und allein die belauschten Dialoge gewöhnlicher Passanten oder Gegner ergeben ein beeindruckend differenziertes Bild dieser Welt. Dass wir nicht nur in den Begegnungen mit gewöhnlichen Gegnern die Wahl zwischen Gewalt, Verstecken oder Ablenkung haben, sondern auch die zentralen Bösewichte auf zum Teil sehr kreative gewaltfreie Weise aus dem Weg schaffen können, lässt die brachiale Route noch banaler erscheinen, als sie es in den allermeisten Spielen sowieso ist.

Weil wir uns im Verlauf der Geschichte in den zum Teil spektakulären magischen Fähigkeiten, aber auch im Ausbau unserer Ausrüstung spezialisieren müssen, bleibt das Spiel auch nach dem Laufen des Abspanns interessant - immerhin unterscheiden sich auch die Hauptfiguren in entscheidenden Details voneinander. Zahlreiche alternative Enden geben am Schluss Auskunft, ob wir die Welt zum Besseren oder Schlechteren verändert haben. Wer sich besonders herausfordern will, kann diesmal auch versuchen, das Abenteuer ganz ohne Zauberei zu beenden oder aber im "Ghost Run" wirklich kein einziges Mal von Wachen entdeckt zu werden.

Ein Meisterwerk

“Dishonored 2” ist für PS4, Xbox One und WIndows erschienen.

Ein technischer Hinweis: Bei zahlreichen PC-Spielern gab es kurz nach Release massive technische Probleme - ein Probespielen oder das Warten auf einen Patch zahlen sich also aus.

“Dishonored 2” ist nicht nur ein würdiger Nachfolger des immer noch empfehlenswerten Vorgängers, sondern durch seine detailreiche Welt, seine abwechslungsreichen Missionen und seine Offenheit ein schlicht perfektes Action-Abenteuer mit hohem Wiederspielwert. In einzelnen, besonders gelungenen Missionen verbinden sich besonders originelle Architekturen und spielerische Freiheit passend zum Setting zu meisterhaften Uhrwerken, in denen uns dennoch alle Freiheiten gelassen werden.

Schon dem Vorgänger habe ich 2012 bei Erscheinen in meiner Rezension bescheinigt, einer meiner persönlichen Anwärter auf das "Spiel des Jahres" zu sein. Teil zwei übertrifft diesen in Sachen Qualität, Originalität und Atmosphäre noch einmal.

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