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Christian Lehner Berlin

Pop, Politik und das olle Leben

21. 11. 2016 - 14:06

"Softpower ist die größte Power!"

Die beiden Elektro-Lausbuben von Justice über starke Frauen, starke Power und ihr starkes neues Album "Woman". Unsere FM4 Artists of the Week.

Artist of the Week

Musikempfehlungen aus der FM4 Redaktion

Mit einem Features-Album hätten Justice den Sprung auf die wirklich großen Bühnen schaffen können, so wie das zuvor ihren Landsleuten von Daft Punk gelungen ist. „Woman“, der dritte Streich der Elektro-Lausbuben Gaspard Augé und Xavier de Rosnay aus Paris, steckt voller Dance-Hits mit Disco-Schlagseite wie etwa „Fire“, „Randy“ und „Safe & Sound“.

Justice

Christian Lehner

Justice beim FM4-Interview in Berlin. Gaspard Augé (l) und Xavier de Rosnay (r)

Aber statt Pharrell Williams einen dicken Scheck zu überreichen, haben Justice das Mikrophon lieber irgendeinem Indie-Spezi aus New York in die Hand gedrückt, oder dem Sänger der verdienten, aber nicht mehr ganz so frischen Band Zoot Woman. Am Spaß an der Platte ändert das natürlich nichts. „Woman“ ist ein raffiniertes Album, das mit glitzernden Oberflächen lockt, die sich darunter entfaltende Architektur sorgt jedoch für bleibende Eindrücke. Zehn Jahre nach dem großen Wumms muss man nicht mehr nach jedem Justice-Track die Schweißperlen von der Stirn wischen, oder durch den Prog-Nebel von Stonehenge irren, auch wenn sich Instrumentalbretter wie „Chorus“ oder „Heavy Metal“ dann doch etwas gegen den Pop auf „Woman“ stemmen.

Als ich Gaspard und Xavier im Office ihrer Plattenfirma in Berlin zum Interview treffe, dekorieren sie die Ahnengalerie über ihren Köpfen um. Das Foto von Led Zeppelin rückt in die Mitte, David Guetta muss an den Rand. „We don’t have anything against him personally, but he is just not for us“, sagen die zwei Vorreiter der EDM-Welle, auf die sie dann doch nicht aufspringen wollten. Aber sie haben ja auch kein Features-Album gemacht.

Lehner: Seit Eurem letzten Album sind über fünf Jahre vergangen. Das ist eine kleine Ewigkeit im Pop.

Gaspard: Ja, das fühlt sich fast an wie ein Comeback. Man muss sich erst wieder rantasten. Die Frage, die wir uns gestellt haben, war: Mögen die Leute noch, was wir mögen? Aber als dann die ersten Tracks draußen waren und die Reaktionen positiv, waren diese Überlegungen wie weggeblasen und es entstand eine direkte Linie zu den vorigen Alben. Das fühlte sich dann gar nicht mehr nach Comeback an.

Xavier: Wir sind älter geworden. Unsere Beziehung zur Musik hat sich verändert, unsere Beziehung zueinander auch. Deshalb ist es unmöglich, immer dieselbe Musik zu machen, was gut ist, aber auch schlecht sein kann. Wir versuchen uns aber nicht dagegen zu wehren, sondern diesen Umstand produktiv zu nutzen.

Justice

Christian Lehner

Justice beim Umdekorieren der Ahnengalerie ihrer Plattenfirma

„Woman“ lässt sich an vielen Stellen deutlich zärtlicher an als die beiden Vorgänger.

Gaspard: Das erste Album war Disco, das zweite mehr so eine Vision von mittelalterlicher englischer Rockmusik und jetzt haben sich die Leidenschaften erneut verschoben.

Xavier: Unsere Musik hatte immer schon eine romantische Komponente, aber es ist das erste Mal, dass wir den Begriff Liebe in den Mittelpunkt rücken. Das Album deckt dabei viele Facetten ab wie zum Beispiel die brüderliche Liebe, die romantische Liebe, den Sex, aber auch die Gewalt. Es braucht dafür eine sehr einfache und direkte Sprache und es hat eine Weile gedauert, bis wir uns sicher genug fühlten, das Thema anzugehen.

Gaspard: Vor fünf Jahren wäre uns das vermutlich noch zu peinlich gewesen.

Wird man mit dem Alter dann vielleicht doch etwas weicher?

Xavier: Der Sound des Albums ist softer. Aber das bedeutet nicht, dass er schlaff ist. Wir versuchen immer die intensivste Musik zu machen, die wir drauf haben. Je länger wir das probieren, desto häufiger verzichten wir auf all die einfachen Tricks, mit denen man Leute in Bewegung versetzen kann: harte Beats oder verzerrte Bässe zum Beispiel. Das war damit gemeint. Softpower, das ist ja die größte Power!

Gaspard: Es gab dann auch Momente, wo wir realisierten, dass wir mit „soft“ nicht weiterkommen wie zum Beispiel bei den Instrumentalstücken „Chorus“ oder „Heavy Metal“. Da haben wir die Mixes noch einmal aufgemacht und aggressivere Frequenzen verwendet.

Xavier: Wir entwickeln für eine Album eine ästhetische Idee. Dann gibt es aber einzelne Tracks, die eine andere Behandlung benötigen. Es macht Spaß, die eigenen Regeln zu brechen.

Justice Cover Woman

Ed Banger

Neues Justice-Album "Woman" (Ed Banger/Because Music

Um den Titel des Albums kommt man nicht herum. „Woman“ kann man durchaus als Provokation lesen in einer Zeit, in der Feminismus allgegenwärtig ist im Pop und man sich schnell auf dünnem Eis bewegt.

Xavier: Der Titel hat keine vordergründig feministische oder sexuelle Bedeutung. Ich weiß gar nicht, ob ich das Prinzip des Feminismus überhaupt vollends verstehe. Für uns ist „Woman“ einfach ein sehr schönes und bedeutungsvolles Wort. Wir beide waren in unseren Familien von starken Frauen umgeben, wir sind in unserem Beruf von starken Frauen umgeben, unser Bandname „Justice“ leitet sich von Justitia, der Göttin der Gerechtigkeit ab. Unsere Vision der ultimativen „Power“ ist die einer starken Frau mit einem Schwert in der Hand.

Gaspard: Fast so wie eine Walküre. Aber natürlich sind wir für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Für mich ist das eher menschlich.

Mich erinnert der Zugang an die Ästhetik des Heavy Metal. Das geschilderte Bild könnte auch ein Cover von Manowar sein.

Gaspard: Ich mag allein die Symmetrie des Wortes. Es liest sich wunderbar.

Xavier: Ist es nicht interessant, dass die Typen mit der härtesten Musik in Wahrheit sehr oft Softies sind und nicht diese Jungfrauen fressenden Monster unter dem Vollmond, als die sich darstellen? Romantische Musik hingegen wird sehr oft von den brutalsten und gewalttätigsten Menschen geschrieben. Die Popgeschichte ist voller Beispiele. Doom- und Black-Metal-Musiker leben oft vegan, wohnen noch bei Mutti und umarmen die Bäume in der freien Natur.

Wenn wir schon beim Thema sind und mit Hinblick auf einen Track auf Eurem Album, den ihr „Heavy Metal“ getauft habt: Yngwie Malmsteen oder Eddie Van Halen?

Beide: Yngwie Malmsteen!

Warum?

Xavier: Diese Epik! Er verwendet viele Elemente der Klassischen Musik und wir mögen das auch. Klassik als Pop, das reizt uns sehr. Wir kennen uns zwar überhaupt nicht damit aus, aber diese Melodien, die nun wirklich jeder kennt, das ist großer Pop.

Gaspard: Eddie Van Halen ist ein ausgezeichneter Entertainer. Aber das Gitarrensolo in „Jump“ passt überhaupt nicht dorthin. Er hat das sicher in einer internen Sitzung reinreklamiert.

Bei Euch beiden hat man den Eindruck, dass ihr in einer Art Bromance lebt.

Xavier: Ohne die genaue Definition des Wortes zu kennen stimme ich dem jetzt einfach mal zu. Das einzige, was wir wohl noch nicht miteinander hatten, ist Sex. Es klappte einfach zwischen uns. Wir teilen uns zwar keine Wohnung mehr, aber die Arbeit läuft immer besser. Wir kommen schneller zu Resultaten und wir ergänzen uns immer besser.

Gaspard: Nichts ist uns mehr peinlich. Das ist gut, wenn man kreativ zusammenarbeitet.

Xavier: Wenn man eine längere Zeit im Studio ist, muss man sehr viele langweilige Sachen machen. Alles muss gut vorbereitet werden. Dann kommt die Aufwärmphase. Man probiert vieles aus. Manches ergibt keinen Sinn, anderes führt in die Sackgasse. Wir versuchen uns an neuen Beats, seltsamen Klangkombinationen und so weiter. Wenn wir dann aber gemeinsam über etwas lachen oder staunen, wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und wir haben bei diesem Album viel gelacht und gestaunt.

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