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Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

7. 11. 2016 - 18:00

Ein Leben in Bernstein

Comic-Legende Alan Moore legt mit seinem 1.200 Seiten dicken Roman "Jerusalem" eine gewaltige Portion Literatur vor - magisch-proletarische Weltsicht inklusive.

Matt Biddulph

Alan Moore ist ein Unikat. Der 63-jährige bärtige Brite mit der Haartracht und dem intensiven Blick eines Rasputin hat als Schöpfer und Autor einflussreicher Comics wie "Watchmen", "V for Vendetta" und "From Hell" jahrzehntelang tatkräftig daran mitgewirkt, das Medium Comics aus seiner pubertären Schmuddelecke zu holen und unter der Bezeichnung "Graphic Novel" respektabel werden zu lassen.

An den Verfilmungen seiner Comics in den letzten Jahren lässt der praktizierende Zeremonialmagier und Anarchist allerdings kein gutes Haar, vom großen Comic-Mainstream hat er sich schon vor Jahren im Zorn über ausbeuterische Verträge abgewandt. Nun hat er mit "Jerusalem" einen Roman veröffentlicht, der ihn, ganz von Bildern befreit, als wortgewaltigen Literaten mit schwindelerregendem Anspruch zeichnet. Auf über 1200 Seiten breitet Moore hier ein in einem ganzen Jahrzehnt entstandenes Kaleidoskop vor seinen Lesern aus, das er selbst als sein wichtigstes Werk bezeichnet.

Kaleidoskop mit Metaebene

Es ist schwierig bis unmöglich, die Handlung von "Jerusalem" zu beschreiben, denn wie schon in seinem Debütroman erstrecken sich Handlung und Personal auf Jahrhunderte, lose verbunden durch Verwandtschaft, aber dafür eng mit jenem Ort verknüpft, an dem Moore fast sein ganzes Leben verbracht hat: Northampton. Die englische Handels- und Industriestadt im Zentrum Englands, oder genauer gesagt: das heruntergekommene und heute "sanierte" Arbeiterviertel Spring Boroughs, Moores Geburtsort, ist somit die eigentliche Hauptfigur, die von Kapitel zu Kapitel aus den Perspektiven unterschiedlicher Protagonisten beschrieben wird.

Kapitel für Kapitel treten dem Leser unterschiedlichste Figuren mit ihrer teils drastisch eigenen Stimme entgegen, die sich in anfänglich sporadischen, später deutlicheren Schnittpunkten oder dramatischen Momenten treffen oder überlagern. Rund um die zentrale Familie der Warrens und Vernalls gruppieren sich Figuren aus verschiedenen Jahrhunderten, aber hauptsächlich aus den letzten 150 Jahren. In den fast wie Miniaturen oder Kurzgeschichten wirkenden Kapiteln, die im Tonfall, je nach Figur, zwischen Charles Dickens, Thomas Pynchon und Irvine Welsh schwanken, zeichnet Moore ein Bild einer Stadt zwischen Armut, Stolz und Elend der Arbeiterklasse, von Komik und Tragödie, in das nicht nur immer und immer wiederkehrende genaue Ortsangaben einfließen, sondern auch eine überwältigende Fülle an kaum beim ersten Lesen entzifferbaren Fakten und Faktoiden aus der Mentalitäts- und Heimatkunde.

Alan Moore

The world according to Dr. Manhattan

Wer Moores frühere Werke kennt, wird sich nicht wundern, dass bei diesem recht handfest klingenden Stoff eine metaphysische oder, wenn man will, übernatürliche Ebene nicht fehlen darf. Was viele der Figuren vereint, ist eine Weltsicht, die Moore schon in seinen früheren, berühmten Graphic Novels immer wieder anklingen ließ und die er als seine eigene, ganz persönliche bezeichnet. Die Zeit, wie Moores klassische Comic-Figuren von Dr. Manhattan über Jack the Ripper bis zum Personal von "Jerusalem" am eigenen Leib erfahren, fließt nur aus unserer persönlichen, beschränkten Erfahrung linear an uns vorbei; von einer höheren, "wirklicheren" Ebene aus betrachtet, ist sie eine Illusion. Was uns als (biografische, historische) Abfolge erscheint, existiert ebenso gleichzeitig wie unbewegt - Eternalismus nennt sich diese philosophisch-naturwissenschaftliche Weltsicht.

Wie in Bernstein gefangen beobachten sich die mit dieser Erkenntnis begabten Figuren dabei, wie sie Entscheidungen treffen, die keine sind. Der freie Wille ist ebenso illusorisch wie die Hoffnung auf ein Leben "nach" dieser Existenz, und so bewegen sich auch die Geister all der historischen Figuren in mal größerem, mal kleinerem Bewusstsein ihres Zustands durch Moores Roman.

Working Class Mythology

Knockabout

“Alan Moore: Jerusalem” , erschienen bei W.W. Norton & Company.

Der Mittelteil des dreigeteilten Romans erhebt sich buchstäblich über diese Welt: Als sich der dreijährige Mick Warren an einem Hustenzuckerl verschluckt und minutenlang tot ist, betritt er gemeinsam mit dem Leser das wundersame Jenseits dieser Kosmologie, ein "upstairs", das von toten und träumenden Menschen, Teufeln und den mächtigen, aber ansonsten recht bodenständigen "Builders" bewohnt wird - eine sympathisch un-esoterische Dimension, in der "Jerusalem" zugleich eine gewissermaßen proletarische Version des Lebens außerhalb der Zeit entwirft - eine "working class mythology", wie Ben Graham in seiner Rezension anmerkt.

Diesen dicht gewobenen Strang an Fäden verbindet Moore zu einem fast hypnotischen Teppich großer Erzählkunst. Fast zu groß: Moores manchmal ausufernd üppige Sprache und der schiere Umfang stellen in manchen Episoden die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Probe; wer sich schon jetzt am englischen Original versuchen will, braucht nicht nur wegen einzelner Kapitel im nordenglischen Dialekt solide Sprachkenntnisse und Geduld.

Der Lohn für die Mühen ist großes Vergnügen an stellenweise brillantem trockenem Humor und meisterhaftem Stil - und dem Staunen über eine beispiellose Konstruktion, die trägt. Auf eine deutsche Übersetzung wird man auch angesichts der Wortgewalt des Buches noch länger warten müssen.

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  • wendlinger | vor 283 Tagen, 22 Stunden, 5 Minuten

    The Mindscape of Alan Moore

    https://youtu.be/VWWG5By6o3I

    Auf dieses Posting antworten