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Daniela Derntl

Diggin' Diversity

22. 10. 2016 - 14:00

Diskurs im Club, Tanz im Vulkan

Das Elevate ist eines der wenigen heimischen Festivals, bei denen man sein Hirn ein- und nicht abschalten sollte. Musikalisch wie politisch hoch aktuell, brisant und spannend - so waren auch die ersten beiden Nächte!

Elevate Festival
Das Festival für elektronische Musik und politischen Diskurs findet von 20. bis 23. Oktober in Graz statt.

Das gesamte Diskursprogramm ist bei freiem Eintritt im Forum Stadtpark zu besuchen.

So viele Leute waren hier noch nie! Am Freitag ist das Elevate ausverkauft. Das spürt man. Dicht drängen sich die Massen vom großen, hohen Dom im Berg in den weiter oben gelegenen, engen Tunnel. Dort verschlägt einem schwüler Kellermoder den Atem, aber was soll's, hier steigt die Party der Nacht!

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

Tiefschürfender Techno, gnadenlose Bassdrums – Rebolledo, Barnt und Lena Willikens befeuern das Publikum, bis es selbstvergessen schreit. Eine Lüftung wär trotzdem nicht schlecht.

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

Die Kölner DJ-Doyenne Lena Willikens

Im Dom im Berg haben die heimischen Kraut-Avantgarde-Jazzer Kompost 3 und der immer gute Schlagzeug-Künstler Cid Rim die Menge am Anfang der Nacht sehr sehr gut aufgewärmt.

Elevate / Clara Wildberger / CC BY-NC-ND 2.0

Cid Rim

Mount Kimbie

Es waren frühe Highlights, denn Mount Kimbie startet als unverbindliches Rumsteh-Konzert. Zu guter Letzt konnten sie, vor allem mit neuem, noch unveröffentlichtem Material ihres Anfang 2017 erscheinenden Albums, das Publikum dann doch noch in erratische Trancezustände versetzen. "Made to Stray" war, wie nicht anders zu erwarten, die letzte Nummer im Set. Hands up! Geht doch.

Elevate / Clara Wildberger / CC BY-NC-ND 2.0

Mount Kimbie

Lone

Die FM4 Bühne im Dom war diese Nacht in britischer Hand. Nach Mount Kimbie präsentiert Matt Cutler alias Lone sein aktuelles Album "Levitate", das er quasi im Fiebertraum geboren hat. Schwer krank halluzinierte Matt Cutler im Schlaf über die Verbindung von Jungle und Drum'n'Bass mit "Ice Cream Van Music".

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Lone

Seine Versuche, die Eiswagen-Glöckchen tatsächlich einzubinden, sind zum Glück gescheitert. Aber der Traum hat ihm immerhin geholfen, seine damalige Schreibblockade zu überwinden. Live setzt Lone den luziden Fieberwahn mit dem Schlagzeuger Chris Boot um: "The Album was mainly influenced by Jungle and Hardcore", erzählt Lone im Interview, "so there are lots of fast breakbeats and stuff. So we thought, it would be cool to add another element to the live thing really, to get a drummer who could play those breaks. It brings more energy to the show and it suits the music." Das kann man so unterschreiben!

Elevate / Clara Wildberger / CC BY-NC-ND 2.0

Der Dom im Berg bei Lone

Elevate / Clara Wildberger / CC BY-NC-ND 2.0

Luke Vibert

Luke Vibert

Mit Break Beats geht es dann auch bei Luke Vibert, dem britischen Hans-Dampf-in-allen-Genres, weiter. Unter seinem echten Namen produziert er samplelastigen Hip Hop und Acid Techno, als Amen Andrews und Plug macht er kompromisslosen Jungle und Drum’n’Bass, als Wagon Christ entführt er Break Beats in Ambientspähren und als Kerrier District frönt er seiner Leidenschaft für Funk, Acid und Groove.

Doch Genres und Namen sind für Luke Vibert nur Schall und Rauch. Hauptsache, sein immenser Output wird veröffentlicht – auf Labels wie Warp, Ninja Tune oder Rephlex, dem mittlerweile eingestellten Label seines Jugendfreunds Richard D. James aka Aphex Twin.

Viberts Set beim Elevate klingt leider mehr nach Pflicht als nach Kür. Der Dancefloor lichtete sich zusehends, während man im Tunnel weiterhin munter mit den Bässen ringt.

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Weltverbesserung

Beim Elevate wird aber nicht nur gefeiert, sondern auch viel diskutiert!

Unter dem Motto "We are Europe" haben sich acht europäische Festivals, darunter das Elevate, das spanische Sonar, das serbische Resonate und das deutsche C/O Pop, zusammengeschlossen, um gut vernetzt und mit vereinten Kräften Mut für mehr gesellschaftspolitisches Engagement zu machen.

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Berührend, bestürzend: Die Wikileaks-Aktivistin Sarah Harrison spricht via Live-Stream über die aktuelle Lage Julian Assanges in der ecuadorianischen Botschaft und den Druck, der die Veröffentlichung der E-Mails von Hillary Clinton verursacht hat.

Festival-Eröffnung am Donnerstag

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Srećko Horvat

"Denial", also Verleugnung, nennt der kroatische Philosoph Srećko Horvat beim Eröffnungstalk des Elevate Festivals am Donnerstagabend die Phase, in der wir uns befinden. Wir haben uns an die gefährlichen gesellschaftlichen Entwicklung gewöhnt und schauen von der bequemen Komfortzone aus tatenlos zu. Horwath zitiert dazu passend Franz Kafka: "Heute hat Deutschland Rußland den Krieg erklärt – Nachmittag Schwimmschule".

Saul Williams

Einer, der dem Status Quo nicht taten- und wortlos gegenübersteht, sondern ihn dem Publikum lautstark um die Ohren knallt, ist Saul Williams.

Der amerikanische Spoken Word Poet und Rapper präsentiert in der Donnerstagnacht im Dom im Berg sein aktuelles, hochpolitisches Album "Martyr Loser King", auf dem er mit lyrischem Feingefühl Protest und Revolution im Internetzeitalter aus der Perspektive eines Hackers erzählt.

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Katharina Seidler über Saul Williams:

Saul Williams hat sich mit seinem Auftritt bei der Opening Ceremony und mit klugen Sätzen wie "Every country has their Trump" schon viele FreundInnen im Saal gemacht, und seine Performance ist nichts weniger als umwerfend. Hinter ihm überlagern einander verstörende Bilder und Satzfetzen aus seinen Texten, aber man muss die Augen auch von der Leinwand losreißen, sonst verpasst man, wie er als flammender Prediger mitten im Publikum steht und sich sogar ein kleines Moshpit um ihn bildet.

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"I got a list of demands written on the palm of my hands. I ball my fist and you're gonna know where I stand. We're living hand to mouth! You wanna be somebody? See somebody? Try and free somebody?" So, wie es ist, darf es in dieser Welt jedenfalls nicht weitergehen - wer diese Erkenntnis bisher noch nicht hatte, wird durch Saul Williams in dieser Nacht zum Leben erweckt.

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

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Koenig

Saul Williams ist als Musiker und Panelist nicht der Einzige mit einer Doppelfunktion beim Elevate Festival. Auch Lukas Koenig darf zweimal auf die Bühne: Am Donnerstag solo als schön-verschrobener Experimental-Schlagzeug-Maschinist Koenig, einem Projekt, bei dem er virtuos, furios und schweißtreibend Hip Hop, Jazz und dadaistische Sprachkunst paart. Am Freitag hat Lukas Koenig dann gemeinsam mit Kompost 3 Kadenzen und Progressionen am Dancefloor verlegt.

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

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Katharina Seidler über Kaitlyn Aurelia Smith:

Space-Sinfonien in Zeitlupe entwirft die Musikerin Kaitlyn Aurelia Smith in der Donnerstagnacht. Sie hat den Moment, in dem sie das erste Mal ihren Lieblings-Synthesizer, den Buchla Music Easel, in die Finger bekommen hat, so beschrieben, als hätte man ihr die Kontrolle über ein Raumschiff übergeben.

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

Genau wie auf einer Kommandobrücke blinken dann auch die kleinen Lämpchen an ihren Geräten geduldig vor sich hin, wenn Smith in die Tasten greift und mit effektvoll verdreifachter Stimme ihre fast schon transzendenten Popsongs anstimmt.

Elevate / Jola / CC BY-NC-ND 2.0

Heute, Samstag, geht es beim Elevate weiter mit:

Dom im Berg
Fauna, Zombie Zombie, In Aeternam Vale, DVS1, FunkinEven

Tunnel
Antonia, Regis, DJ Earl, Clap!Clap!, DJ PayPal, Fanjazzco

Dungeon
Elisabeth Schimana "Höllenmaschine", Asfast, Jan Nemecek, JK Flesh, DJ Marcelle

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