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Maria Motter Graz

Bücher, Bilder, Kritzeleien. Und die Menschen dazu.

22. 10. 2016 - 10:40

Du, ich und Europa?

Gibt es tatsächlich nur noch die Wahl des geringeren Übels? Wie demokratisch willst du die Demokratie? Am Elevate in Graz wird mit dem Philosophen Srećko Horvat kontrovers diskutiert.

Elevate Festival
Das Festival für elektronische Musik und politischen Diskurs findet von 20. bis 23. Oktober in Graz statt.

Das gesamte Diskursprogramm ist bei freiem Eintritt im Forum Stadtpark zu besuchen.

Wir haben die Wahl zwischen Coca-Cola und Pepsi. Zwischen Marine Le Pen und Sarkozy, zwischen Clinton und Trump, aber das verstehe er nicht unter Demokratie, sagt Srećko Horvat im Interview. Es bleibe nur die Wahl des geringeren Übels. Der kroatische Philosoph und Aktivist trägt am Elevate Festival ein T-Shirt mit dem Aufdruck des WikiLeaks-Gründers Julian Assange und dessen Katze und den Anfang des Widerstandsgedichts des Theologen Martin Niemöller: „First they came for...“.

Was sich im Hause WikiLeaks tatsächlich tut, verrät auch Sarah Harrison nicht. Zugeschaltet per Videostream, sagt die Investigativjournalistin und Aktivistin am Eröffnungsabend des Elevate, dass WikiLeaks derzeit 50.000 E-Mails von John Podesta veröffentliche. Das weiß man inzwischen aus den Nachrichten, denn Podesta ist der Wahlkampfleiter Hillary Clintons. Assange wurde diese Woche das Internet abgedreht. Die Willenskraft, die den Australier in seinem wenige Quadratmeter großen Zufluchtsort in der ecuadorianischen Botschaft in London hält, zeichnet sich in Harrisons Gesicht ab, als sie den Balkon des Gebäudes beschreibt. Märtyrertum muss im Hause WikiLeaks eine eigene Kategorie sein. Leider wird Harrison nicht gefragt, warum WikiLeaks erst jetzt, zu einem derart heiklen Zeitpunkt im US-Wahlkampf, erneut politisch mitmischen will.

Eröffnungsabend des Elevate: Auf der Leinwand ist die WikiLeaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison zu sehen

Elevate Festival / Jola

WikiLeaks-Aktivistin Sarah Harrison sagt Hallo.

Das Elevate Festival in Graz hat im Dom im Berg begonnen und der Stargast der Eröffnung war eindeutig Saul Williams. „Break the binary“, fordert der Spoken Word Künstler und er meint damit, dass wir nicht in Schwarz und Weiß, weiblich und männlich denken sollten. Das schränke uns in unseren intellektuellen Fähigkeiten ein. Und in der Politik, da hätten wir derzeit oft nur noch die Wahl des geringeren Übels, hält auch Saul Williams fest. Viel Applaus bekam er dafür.

Festival-Mitbegründer Daniel Erlacher und Saul Williams am Eröffnungsabend. Saul Williams lacht

Elevate Festival / Jola

Elevate-Mitbegründer Daniel Erlacher und Saul Williams

Demokratie! Aber welche?

Demokratie ist ein riesiges Thema beim Elevate Festival. Samstags gibt es gleich vier Themenblöcke im Forum Stadtpark dazu. Srećko Horvat sagt im Interview: Vor allem die rechten Parteien machen sich die direkte Demokratie zunutze. Siehe Brexit oder das Referendum über die EU-Flüchtlingsquoten in Ungarn. Bloß weil es Volksabstimmungen gäbe, wären wir längst nicht in einer Demokratie zuhause, so Horvat skeptisch.

"Democratize Europe", Samstag, 18.00 bis 19.30, Forum Stadtpark, Graz: Srecko Horvat, Birgit Mahnkopf, Michel Reimon und Philippe Narval diskutieren.

Darum hat er mit dem Wirtschaftswissenschafter und kurzzeitigen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis die Demokratie-Initiative „diem25“ gegründet. Horvat kritisiert in seinen Kolumnen Pokemon Go ebenso wie Dating-Apps wie Tinder, in allem steckt der Kapitalismus. In seinem aktuellen Buch - „Die Radikalität der Liebe“ - plädiert er für eine Neufindung der Liebe (das gibt es auch als TedTalk, wenngleich Horvat TedTalks schrecklich findet). Slavoj Žižek ist ein Co-Buchautor und beliebter Gesprächspartner für Horvat, der nach eigenen Angaben ohne festen Wohnsitz lebt.

„We are Europe“ ist das Motto des diesjährigen Festivals. Wie die geladenen Diskursgäste Europa sehen, überrascht. Für Srećko Horvat und seine Generation habe Europa niemals das bedeutet, was man unter der Europäischen Union verstehe. Horvat wurde 1983 in Osijek geboren. Er bezeichnet Europa als Emanzipationsprojekt mit einer Geschichte, die von der Frauen- über die Arbeiterbewegung zurück zur Französischen Revolution und zur Aufklärung reicht. „Europa, das war ein Versprechen und ein Ideal“, sagt Horvat.

Aber das Europa der Solidarität, der sozialen Gerechtigkeit und der wirtschaftlichen Qualität werde gerade von der Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds zerstört, sagt Srećko Horvat. Die Auswirkungen sehe man an den Rändern Europas. In Griechenland, Spanien und Portugal. Doch all das erweise sich als fataler Boomerang für Zentraleuropa, wo die extreme Rechte zulegt. „Das ist nur ein Symptom einer viel tieferen Krise im Europa der Gegenwart“.

Der Philosoph Srecko Horvath lehnt an einer Mauer, neben ihm ein Vogelhäuschen

BG Vice Jesen

Dem kroatischen Philosophen und politischen Aktivisten Srećko Horvat ist die Demokratie, wie wir sie leben, zu wenig demokratisch.

Mit der Organisation diem25 will Srećko Horvat mit Yanis Varoufakis und anderen MitstreiterInnen ein Demokratisierungsprojekt für Europa vorantreiben. Was sie genau planen? Dazu reiche die Interviewzeit nicht. Vivienne Westwood, Noam Chomsky und Brian Eno zählen jedenfalls zu den UnterstützerInnen. Von der Demokratie, wie wir sie kennen, hält Horvat nicht sonderlich viel. Dass es heute so viele Demokratien wie zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte gibt, beeindruckt ihn wenig. Horvat führt ins Treffen, dass Julian Assange das Internet abgedreht worden ist. „Oder denk' an Edward Snowden und Chelsea Manning. An all die Menschen, die man versucht mundtot zu machen, weil sie die Wahrheit sagen. Da zählt auch Yanis Varoufakis dazu, weil er die schmutzigen Geheimnisse der Euro-Gruppe öffentlich gemacht hat.“

Horvat warnt vor den Frequent-Flyer-Activist-Speakers und -Musikern und ist dabei selbst einer. Er erzählt von einem Theatermacher, sagt „google him!“ und kritisiert wenige Minuten darauf Google und Facebook als die großen Monopolisten. Ein Dilemma, in dem viele AktivistInnen nicht nur am Elevate stecken. Dass er „just a regular guy from the Balkans“ wäre, nimmt Horvat im Interview von sich aus schnell zurück: Er habe das Glück, von den Dingen leben zu können, die er mag, von Philosophie und politischem Aktivismus. „Ich habe einen europäischen Pass, Roaming ist billiger usw. Aber damit gehöre ich zur Minderheit in meinem Land, 56 Prozent der jungen Menschen in Kroatien sind arbeitslos. 60 Prozent der jungen GriechInnen sind arbeitslos. Wer studiert hat, kann es sich nicht leisten, zu reisen und findet keine Arbeit.“
Das schockiert.

"Cultural Enterpreneur" - wer will das noch werden?

Im Hauptabendprogramm des Diskurses am Elevate geht es Freitagabend um „Cultural Enterpreneurship?“.
Die zeichne sich aus als prekäre Arbeit, getätigt von Menschen mit einem hohen Ausbildungsgrad, wenig Einkommen, dafür großer Flexibilität. Es geht um symbolisch bezahlte, freie Arbeit. Verglichen mit der Zeit vor 50 Jahren betreffen prekäre Jobs auch die Mittelschicht, hält die Kulturanthropologin Bianca Ludewig fest. Nichts Neues unter dem abnehmenden Mond. Zum Glück sind auch Adrienne Goehler, die Künstlerin Ana de Almeida und der Musikethnologe Thomas Burkhalter am Podium.

Goehler ist nicht an jenen 20 Prozent aller KünstlerInnen interessiert, die eine Eigentumswohnung von Mama und Papa bekommen. Für ihren Geschmack gibt es zu viele Biennalen, zu viele Festivals, zu viel Zeit würde in Ansuchen um Förderungen gesteckt, zu viele Künstler an den Ausbildungsstätten "produziert". Den Einwand de Almeidas, dass sich Kreative mit anderen prekären ArbeiterInnen zusammentun könnten, um sich gemeinsam stark zu machen, schmettert die Älteste in der Runde ab. Das höre sie schon seit 30 Jahren und es passiere nicht. „Cultural enterpreneurship“, das ist für Goehler, die sich für das bedingungslose Grundeinkommen ausspricht, ein neoliberaler Begriff. „Jede Stadt wisse, dass sie in einen Club und in ein Shopping Center investiere“. Jede Stadt? Das ist ein anderes Thema.

Schön ist, wie sich die Podiumsrunden in Gesprächen im Publikum fortsetzen. Da setzte sich ein Besucher um, um das angeregte Gespräch einer Musikerin und eines Autors besser verfolgen zu können. Will man den anderen ein bedingungsloses Grundeinkommen zubilligen? Das ist die zentrale Frage, wie der Schweizer Daniel Häni weiß.

Wie kann es also weitergehen? Srećko Horvat nennt die ehemalige Hausbesetzerin und Aktivistin Ada Colau, die als nunmehrige Bürgermeisterin von Barcelonas versucht, eine wirtschaftliche Alternative zu begründen. Mit Kooperativen, Sozialwohnungen und dem Kampf gegen die Vertreibung. Für Srećko Horvat ist diese Politik eine gute lokale Initiative. Aber auf alle Probleme der Gegenwart bräuchte es globale Antworten.

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