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Simon Welebil

Abenteuer im Kopf, drinnen, draußen und im Netz

28. 10. 2016 - 06:00

"Klettern kann jeder"

Elisabeth Marek bouldert gern und teilt ihre Begeisterung mit einer Gruppe afghanischer Flüchtlinge.

Sieben Burschen stehen auf den Matten der Wiener Boulderbar und feuern einen achten an, der gerade versucht, ein schwieriges Boulderproblem zu lösen. Was ganz nach Alltag in einer Boulderhalle klingt, wird beim Hinsehen oder genauerem Hinhören dann doch zu was Besonderem. Die acht Burschen stechen nämlich aus der recht homogenen Bouldercommunity heraus. Denn Rahim, Sakhi, Naqib, Hashmat, Hassan, Esmael, Lotfullag und Kamil sind Flüchtlinge aus Afghanistan.

Menschen beim Bouldern

Simon Welebil / FM4

Mitten unter den Burschen ist Elisabeth Marek. Sie hat die Burschen zum Bouldern mitgenommen, obwohl sie alles andere als ein Kletterprofi ist. Erst vor zwei Jahren hat sie selbst zum Bouldern begonnen, dabei aber schnell gemerkt, wie gut sie dabei abschalten kann und welche Erfolgserlebnisse sie hat, wenn sie eine Route schafft, ob allein oder in Teamarbeit. Diese Erfolgserlebnisse wollte sie mit jemandem teilen, mit Flüchtlingen, die sie schon von anderen Projekten kennt.

Gruppenbild in der Boulderhalle

Simon Welebil / FM4

Elisabeth Marek ist selbständige Grafikdesignerin. Mit ihrem als Sozialprojekt gestarteten Verein the creative fillip bietet sie Kreativworkshops für sozial Benachteiligte an, zimmert mit ihnen Skateboards, zeigt, wie man eine Lochkamera baut, und veranstaltet Cartoon Workshops. Auch Flüchtlinge aus dem Jugendcollege für Flüchtlinge oder der Berufsschule für Gartenbau und Floristik nehmen an manchen dieser Workshops teil.

Da Elisabeth das Klettern so viel Spaß gemacht hat, hat sie die Leute aus ihrem Workshop im Sommer 2015 einfach gefragt, ob sei einmal mit ihr zum Bouldern mitgehen wollen, ohne lange darüber nachzudenken, ob sie überhaupt eine Vorstellung von Sportklettern haben. "Man braucht keinen Kurs machen, um klettern zu können. Jedes Kind kann klettern", war die Vorstellung von Elisabeth. Die Burschen waren leicht zu begeistern, die Frauen weniger. Durch die Unterstützung der Betreiber der Boulderbar Wien kann die Gruppe jetzt immer montags trainieren.

Ihre Freunde aus dem Heim oder der Schule hätten zwar noch immer keine Ahnung, was sie in der Boulderhalle so treiben, meint Lotfullah, aber sie selbst haben die Basics des Boulderns schnell verinnerlicht. Welche Griffe und Tritte zu einem Problem gehören, wie man den Körper in gewissen Situationen eindrehen muss oder die Schwierigkeitsgrade.

Wie beim Bouldern üblich, versuchen sie, Lösungen für Boulderprobleme gemeinsam zu finden oder schauen sich was von den anderen KletterInnen in der Halle ab. So machen sie ständig Fortschritte. Rahim ist einer der besten unter ihnen. Seit acht Monaten kommt er hier einmal die Woche zum Bouldern und Routen im Schwierigkeitsgrad 6a oder 6b bereiten ihm keine große Mühe mehr.

Beim "Bock auf Bouldern", einem Benefiz-Boulder-Event zugunsten des Vereins Ute Bock, haben die afghanischen Burschen sogar schon an einem Boulder-Wettbewerb teilgenommen, bei brütender Hitze, mitten im Fastenmoat Ramadan. Alle sind mit großer Motivation in den Wettkampf gegangen, trotz Hitze und trotz der viel erfahreneren Konkurrenz, was Elisabeth sehr stolz gemacht hat.

Um auch einmal nach draußen bouldern gehen zu können, suchen die Burschen noch nach Kletterschuhen und Sportkleidung. Kontakt: The creative fillip auf Facebook

Die Burschen nennen Elisabeth ja gern ihre "Chefin" oder ihre "Meisterin", was sie allerdings gar nicht gern hört. Sie will einfach jemand sein, der die Jungs zum Klettern mitnimmt, worin sie mittlerweile auch von zwei anderen Boulderern, Sebastian und Jerome unterstützt wird. Und was die Kletterleistung anbelangt, haben sich in dem einen Jahr des gemeinsamen Boulderns die Rollen schon geändert. Mittlerweile kann Elisabeth von den stärkeren der Jungs schon selbst etwas über das Klettern lernen.

Bis man in internationalen Kletterwettkämpfen neben den vielsprachigen Anfeuerungsrufen, dem "Allez!" der FranzösInnen, dem "Dawai, Dawai" der RussInnen, dem "Gamba, gamba" der JapanerInnen oder dem "Geht scho" der ÖsterreicherInnen, das "Buro, Buro" der AfghanInnen hören kann, wird wohl noch einige Zeit vergehen, in der Boulderbar in Wien kann man es schon jetzt jeden Montag aufschnappen.

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