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Dalia Ahmed

Schaut gern Sachen im Internet und Leute auf der Straße

8. 10. 2016 - 12:55

This Shit is for Us

Über Solanges "A Seat at the Table", mit dem sie endlich den Schritt heraus aus Beyoncés Schatten geschafft hat.

Bis jetzt stand Solange immer im Schatten der schwesterlichen Pop-Riesin. Beispielsweise, als sie 2003 zu ihrem frisch erschienenen (irrelevanten) Debütalbum "Solo Star" interviewt wurde und auf ebenjene Schwester angesprochen, die Augen verdrehte. Doch mit "A Seat at the Table" hat es Solange tatsächlich geschafft, genau das zu erreichen, nämlich einen Platz am Big Girl-Tisch zu bekommen.

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Ihr drittes und erstes ernstzunehmendes Album ist eine Ode ans Schwarz-sein in Amerika. Doch im Gegensatz zu Beyoncés "Lemonade", das ebenfalls als Hymnenbuch der "Black Lives Matter"-Bewegung verstanden werden kann, hört man bei Solange heraus, dass sich hier jemand schon ein ganz langes Weilchen mit diesen Themen beschäftigt hat. Während die große Schwester noch frische und rohe Gefühle der Wut und des Tatendrangs aufarbeitet, hat die Stimme auf "A Seat at the Table" die Achterbahnfahrt der Gefühle, die mit dem Prozess der "Wokeness" einhergeht, schon durchgemacht.
Solanges Art zu texten und der gezielte Einsatz von Skits, in denen ihre Mutter beispielsweise ihre Blackness zelebriert und den Vorwurf des sogenannten "Reverse Racism" außer Kraft setzt, könnte man schon fast als Conscious Pop bezeichnen. Der auch vor kurzem schon von Dev Hynes auf "Freetown Sound" praktiziert wurde. Vorbei die Zeiten des Conscious Rap.

"Rise", "Weary", "Don’t Touch My Hair" und "F.U.B.U", also "For Us By Us" - ein Kleiderlabel und Mantra, das von Afroamerikanern für Afroamerikaner Produziertes zelebriert - sind einige der Titel des R&B- und Neo Soul-Albums. Und Vorboten der Heavyness dieser Meditation auf Themen der Ausbeutung, Selbstverwirklichung und der Frage "Wo ist für People of Color der Platz am Tisch"? Oder sollte man vielleicht lieber einen neuen, eigenen und viel besseren Tisch für sich selbst decken?

Solange steht zwischen den Welten und arbeitet mit melodischer Leichtigkeit tonnenschwere Traumata auf. Das Lil' Wayne-Feature auf "Mad" dient als symbolisches Pars Pro Toto, um die Aussage des Albums zu entziffern. Der von vielen – zu Unrecht verhasste – Rapsuperstar Lil Wayne reimt Verse, die zwar sagen, ja wir werden scheiße behandelt, aber kommt anschließend zum Schluss: wir werden deshalb nicht nur grantig in der Ecke sitzen. Die Richtung, die Solange auf diesem Album einschlängt, indem sie mit Mainstream-Größen wie Lil Wayne, aber auch Helden des Südens wie Master P oder dem Old School R&B-Liebling Raphael Saadiq zusammenarbeitet, ist genau die richtige. Sie, ihre Schwester und viele andere schwarze Künstler/innen scheinen nämlich gerade an einer zweiten Harlem Renaissance zu werken. Und diesmal wird es wohl für alle einen Platz am Tisch geben.

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