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Simon Welebil

Abenteuer im Kopf, drinnen, draußen und im Netz

9. 9. 2016 - 15:40

Von der Überwachung zur Partizipation

Ein Rundgang durch die Cyber-Arts-Ausstellung bei der Ars Electronica.

Ars Electronica 2016

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Von der Überwachung zur Partizipation
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Als eines der Highlights jedes Ars Electronia Festivals drängt sich die Cyber-Arts-Ausstellung meist bildgewaltig in den Vordergrund. Dieses Jahr präsentiert sie sich allerdings etwas subtiler, und oft muss man tiefer in die ausgestellten Positionen eintauchen, um sie erfassen zu können.

Sendestation auf einem Dach

Simon Welebil/Radio FM4

Die erste Installation steht auf dem Dach des Offenen Kulturhauses in Linz, ein Holzgerüst mit Antennen, ein offenes Kommunikationsnetzwerk. Zwei solcher Antennen haben die Schweizer Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud 2014 auch auf den Dächern der Schweizer Botschaft und der Akademie der Bildenden Künste installiert, mitten im Berliner Regierungsviertel, dem wohl bestüberwachten Ort Deutschlands.

Christoph Wachter, Mathias Jud

Simon Welebil/Radio FM4

Christoph Wachter, Mathias Jud

Machtverhältnisse umkehren

Wie aus den Snowden-Enthüllungen bekannt, saugen unter anderen die Geheimdienste der USA und Großbritanniens, die NSA und der GCHQ, die Kommunikation im Berliner Regierungsviertel besonders genau ab. Wachter und Jud wollten dem etwas entgegenstellen und errichteten mit ihren Antennen ein temporäres und offenes WiFi-Kommunikationsnetzwerk. Jeder und jede im Regierungsviertel konnte sich anonym in dieses Netzwerk einloggen, um so den Geheimdiensten, aber auch allen anderen im Netzwerk anonym etwas mitzuteilen.

Aus anfänglichen Beschimpfungen und Trolling habe sich während der Projektlaufzeit aber auch etwas anderes entwickelt, Diskussionen und sogar eine eigene Sprache, wie die beiden Künstler im Interview betonen. Statt sich vor Überwachung der Kommunikation zu fürchten und sich einzuschränken sei durch den offenen Raum ein Möglichkeitsraum entstanden, in dem gesagt wurde, was sonst vielleicht unterdrückt wird. Die Machtverhältnisse haben sich teilweise umgekehrt. Für ihre Arbeit mit dem Titel "Can you hear me?" sind Wachter/Jud heuer mit der Goldenen Nica in der Kategorie "Interactive Art" ausgezeichnet.

Installation: Sendestation vor Leinwand

Simon Welebil/Radio FM4

Um die Umkehrung von Machtverhältnissen geht es auch in einer Arbeit von Jennifer Morone. Sie hat sich selbst als Firma registriert, deren Produkt ihre persönlichen Daten sind. Nicht mehr fremde Internetgiganten sollen an den Daten ihrer User verdienen, das wolle sie schon selber tun.

Ums Kaufen und Verkaufen geht es auch beim Random Darknet Shopper der !Mediengruppe Bitnik. Ein programmierter Bot kauft mit einem wöchentlichen Budget von 100 Dollar wahllos Produkte im Darknet und beliefert damit verschiedene Ausstellungshäuser mit wechselndem Erfolg. Denn vielfach kommen die bestellten Waren nicht an, sei es wegen rechtlicher Schranken, Beschlagnahmungen durch den Zoll oder weil die VerkäuferInnen schlussendlich zurückziehen.

Drei große Bildschirme, auf denen Produkte präsentiert werden

Simon Welebil/Radio FM4

Random Darknet Shopper

Was eher niemand kaufen will, steht im selben Raum wie die Bildschirme des Darknet-Shoppers hinter einer Glasvitrine, drei eigentlich recht schöne Vasen aus China. Der Haken an der Keramik ist, dass sie strahlen, denn ihr Ausgangsmaterial ist verseuchter Abfall aus dem Abbau Seltener Erden in China. Einer der Grundstoffe für unsere Smartphones, Laptops und Batterien verursacht eine gewaltige Zerstörung der Umwelt auf Jahrhunderte, die uns meist verborgen bleibt.

Dunkle Vasen hinter Glasvitrine

Simon Welebil/Radio FM4

In Mat Collishaws Installation "The Garden of Unearthly Delights" hingegen wird recht offen auf die Umwelt eingedroschen, konkret auf Fische, Schnecken und Vogeleier. In seinem Zoetrop wimmelt es unter Stroboskoplicht von schönem Schrecken in Hieronymus Boschs "Garten der Lüste", den man sich nicht oft genug ansehen kann.

Ein großes Zoetrop

Simon Welebil/Radio FM4

Viele der diesjährigen Projekte bei der Cyber-Arts-Ausstellung drehen sich um Partizipation, Selbstermächtigung und Mitsprache. Beim Refugee Phrase Book sollen etwa nützliche Phrasen und Informationen für Neuankömmlinge in möglichst vielen Sprachen zusammengestellt werden, bei Open Surgery von Frank Kolkman geht's um die kostengünstige Produktion eines chirurgischen Roboters.

Statt der Bewunderung für dieses Projekt bleibt aber mehr die Ausgangsposition hängen, dass nämlich in den USA, wie in vielen anderen Ländern auch, der Zugang zu medizinischer Versorgung für viele Menschen unerschwinglich ist. Mit einem vollen Kopf geht man aus der Ausstellung heraus.

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