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Irmi Wutscher

Gesellschaftspolitik und Gleichstellung. All Genders welcome.

24. 8. 2016 - 11:06

Kind aller Länder

Der Exilroman von Irmgard Keun aus dem Jahr 1938 wurde heuer wiederaufgelegt. Er beschreibt Verlorensein und Umherdriften in einem Europa, das niemanden aufnehmen will.

Flüchtlinge auf verschiedenen Wegen quer durch Europa, die sich auf Mundpropaganda verlassen, wo man jetzt noch wie unterkommt. Länder, die die Grenzen dicht machen und die Verantwortung anderen zuschieben. Nein, es geht jetzt nicht um die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa, sondern um einen Roman aus dem Jahr 1938: „Kind aller Länder“ von Irmgard Keun beschreibt eine Familie auf der Flucht vor den Nazis in Deutschland aus der Sicht eines Kindes.

In den Hotels bin ich auch nicht gern gesehen, aber das ist nicht die Schuld von meiner Ungezogenheit, sondern die Schuld von meinem Vater, von dem jeder sagt: Dieser Mann hätte nie heiraten dürfen.

Buchcover Irmgard Keun, Kind aller Länder

KiWi

Kind aller Länder von Irmgard Keun, erschienen bei KiWi

Die zehnjährige Kully und ihre Mutter tingeln durch Westeuropa, von Stadt zu Stadt, von Luxushotel zu Luxushotel. Am Anfang noch gern gesehen und von den Zimmermädchen verhätschelt, ändert sich die Stimmung beim Hotelerpersonal recht schnell, wenn sie merken, dass die Gäste eigentlich kein Geld haben.

Im Hotel-Restaurant wagte meine Mutter nicht, was Billiges zu bestellen, weil Kellner das nicht leiden können, und wir können es uns nicht leisten, die Leute hier noch mehr zu verärgern. Mit dem Lift fahren wir auch nicht mehr, weil wir kein Trinkgeld geben können.

Die Reise ging schon von Deutschland nach Polen, über Österreich, nach Ostende, Brüssel und Amsterdam - schlussendlich Südfrankreich und die USA, immer abhängig davon, ob ein Land ein Visum hergibt. Die Familie muss reisen, weil der Vater - wie Kully es ausdrückt - in mehreren Zeitschriften und einem Buch geschrieben hat, dass er die deutsche Regierung nicht leiden kann. Deswegen ein ewiges Warten von Visum auf Visum.

Zuerst freuen wir uns immer schrecklich, wenn wir ein Visum bekommen haben und in ein anderes Land können. Aber dann fängt das Visum auch schon an, abzulaufen, jeden Tag läuft es ab - und auf einmal ist es ganz abgelaufen und dann müssen wir aus dem Land wieder `raus.

Während Kully und die Mutter sich in den Hotels ohne Geld durchschlagen, ist der Vater im Rest Europas unterwegs. Immer auf der Suche nach Verlegern, mit Versprechen auf weitere Bücher und Hoffnung auf Vorschüsse. Gleichzeitig ist er auch ein Lebemann, der spielt und trinkt und andere Frauen trösten muss.

In den beschriebenen Eltern von Kully sind Irmgard Keun und der Schriftsteller Joseph Roth erkennbar. Die beiden haben sich 1936 im Exil in Ostende kennengelernt und waren eine Zeit lang ein Paar.

Am Ende des Buchs finden sich alle drei in Amsterdam wieder. Im wirklichen Leben kehrte Irmgard Keun 1940 nach Deutschland zurück und lebte dort bis 1945 in der Illegalität, geriet nach dem Krieg als Schriftstellerin lange in Vergessenheit.

"Kind aller Länder" ist ein Exilroman, der die Stimmung des Verlorenseins, des Umherdriftens gut einfängt. Die naiv-kindliche Erzählweise der zehnjährigen Kully, die Irmgard Keun in dem Roman einnimmt, muss man allerdings mögen. Ansonsten ist "Kind aller Länder" aber heute wohl noch genauso aktuell wie im Jahr 1938.

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