Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Der "Tatort" im realen Leben"

Gersin Livia Paya

Limonaden-trinkendes, unbändiges Faible für Abenteuer

15. 8. 2016 - 12:34

Der "Tatort" im realen Leben

Der Sonntagabend, der Gassenleerer, der immer noch am Rollenbild der Frau zu zerren hat. Acht Jahre hat es gedauert, bis es überhaupt eine Komissarin in der Krimi-Reihe gab. Aber wie sieht das heute eine echte Mordermittlerin?

Die eine steht in der Maske und wartet auf die Regie-Klappe, bis sie zur Ermittlerin wird. Die andere wird, ganz gleich zu welcher Uhrzeit, nach dem Mord angerufen, kommt zum Tatort und beginnt mit den Ermittlungen.

CC-BY-SA-2.0 / metropolico.org - flickr.com/95213174@N08

Die Kriminalbeamtin

In Österreich gibt es die Berufsbezeichnung "Kommissarin" nicht. Es sind "Kriminalbeamte".

Kriminalbeamtin Beatrix Haider arbeitet im Landeskriminalamt in Wien im Bereich "Leib/Leben", darunter fallen Gewaltdelikte wie Mord, Erpressung, versuchte Morde und absichtlich schwere Körperverletzungen. Eigentlich irrelevant, aber in diesem Vergleich zu erwähnen: Sie ist immer in zivil, bewaffnet mit Pistole, Pfefferspray und Handschellen, sie trägt hohe Schuhe, keine Lederjacke und einen dunklen Blazer.

Gersin Livia Paya

Die Kommissarin

Aylin Tezel hingegen ist deutsche Schauspielerin und Tänzerin und zählt mit mehrfachen Auszeichnungen zu den besten Nachwuchs-Schauspielerinnen. Unter anderem zeigt sie das in ihrer Rolle als Oberkommissarin Nora im Dortmunder Tatort. Die Rolle der Nora ist auch in zivil, trägt eine Pistole, Lederjacke und Sportschuhe.

Beide eint, dass sie starke Frauen in einer noch männerdominierten Berufsgruppe verkörpern. Beatrix Haider erzählt, dass es in Wien ungefähr 230 KriminalbeamtInnen gibt, davon sind 30 Frauen. Sie selbst zählte zur den ersten Frauen im Landeskriminalamt Wien und hatte teilweise Kollegen, "die zuvor noch nie mit einer Frau zusammen gearbeitet haben".

Die Kritik zum Dresden-Tatort ist eher mau ausgefallen, auch weil die Ermittlerinnen sich zu platt in Männerklischees wälzten. Vielleicht ein gut gemeinter aber fehlgeschlagener Versuch, alles umzudrehen.

So ungefähr geht es auch den alteingesessen Tatort-Sehern. Erst acht Jahre nach der Ausstrahlung der ersten Episode ist die erste Kommissarin aufgetreten. Viele Assistenzen-Rollen und stereotypische Frauenbilder später, gibt es seit März 2016 mit dem Dresdner Tatort das erste weibliche Kommissarinnen-Team.

Das Bild der ErmittlerInnen

Warum das relevant ist? Nicht nur wegen der Frage um die so hart umkämpfte Gleichberechtigung, sondern weil der Tatort eine maßgebliche Rolle im gesellschaftspolitischen Sinne spielt. Keine andere Serie widmet sich tagesaktuellen politischen Geschehen so sehr wie der Tatort.

Außerdem hat er womöglich als einzige Serie von Anfang an die Darstellung von Kriminalität in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet. Diese waren immer breit aufgestellt, vor allem die männlichen Ermittler waren divers. Die Ermittlerinnen jedoch entsprachen eher einem traditionellen, unscheinbaren Rollenbild. Das Fernsehen spielt hier aber auch eine wichtige kulturelle Rolle in der Steuerung von Verhaltensweisen.

Aylin Tezel erzählt, dass sie sehr froh darüber war, dass ihre Rolle im Dresden-Tatort ungeschminkt dargestellt wird und "nicht mit offenen wallenden Haar". Sie möchte zu einem Frauenbild beitragen, dass würdig ist und orientiert sich dabei gerne an weibliche HeldInnen wie in "Hunger Games".

Gefragt nach den Reaktionen im näheren Umfeld gesteht auch die "echte" Kriminalbeamtin Beatrix Haider, "dass eigentlich niemand, ganz gleich ob Mann oder Frau, ihr natürliches Interesse an Kriminalfällen so wirklich nachvollziehen kann". Durch die verstärkte Ausbildung rückt das Bild von weiblichen Polizistinnen aber immer mehr in die gesellschaftliche Wahrnehmung und gilt längst nicht mehr als sonderbar. Der Schritt in die Kriminalabteilung ist allerdings wieder eine andere Geschichte.

https://www.flickr.com/photos/jebb/

https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Klischees werden gewälzt

Der Tatort polarisiert immer wieder mit umstrittenen Frauen-Klischees. Nachwievor sollten die Rollenbilder der Protagonistinnen in der TV-Serie nicht stellvertretend für Frauen sein. Die Tatort-Regisseurin Claudia Garde erzählte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung Anfang des Jahres, dass auch der Tatort hinter den Kulissen nachwievor von Männern bestimmt wird. Man möchte meinen, dass die erzählte Sicht einer Frau als Regisseurin die Darstellung ändert, aber es scheint als würde die ohnehin rar gesäte Frauenregie alleine das nicht ändern.

Die Verhaltensweisen einer echten Mordermittlerin

Wie sieht nun die Arbeit der echten Mordermittlerin aus? Der Anruf kommt, der Tatort wird besichtigt und hier gibt es schon den ersten maßgebenden Unterschied zur TV-Serie: Das Ermittlerteam besteht aus sechs Personen, denn der Eigenschutz steht an höchster Stelle. Die Festnahmen eines möglichen Täters übernehmen "die gut dafür ausgebildeten Kollegen der Kobra".

Beatrix Haider erzählt, dass Männer und Frauen im Kriminalamt gleich viel verdienen.

Die Hauptarbeit der KriminalbeamtInnen findet im Büro statt und dauert oft sehr lange und über die Nacht hinaus. Dafür gibt es Schlafräume mit Stockbetten, diese sind unisex. Wenn ein Fall erfolgreich abgeschlossen ist, sitzt man zusammen, freut sich und beredet die Emotionen im Team, "nur so kann verarbeitet werden". Auch die für Beatrix Haider als Mutter eines jungen Sohnes, besonders heiklen Fälle: Kinderleichen.

"Wann ich zuletzt im Einsatz laufen musste, weiß ich gar nicht mehr."

Beatrix Haider hat zwar Ersatz-Schuhe wie Gummistiefel und eine wetterfeste Jacke immer im Dienstauto dabei. Aber die hohen Schuhe, für die sie sich entschieden hat, trägt sie eigentlich immer. Denn: Täter verfolgen, wie man das aus der TV-Serie kennt, müsste sie eigentlich nie. "Natürlich kann es vorkommen, dass man mal an die Tür klopft und der Täter steht vor einem aber in der Regel ist das unwahrscheinlich". Vielmehr hätte sie die Aufgabe, Menschen über das Ableben eines Geliebten zu informieren. "Es wäre keine gute Message, so etwas in Lederjacke und Sneakers jemand beizubringen". Es soll also auch den Hinterbliebenen Respekt zollen, nicht ganz locker und leger gekleidet zu sein.

Adele Neuhauser, die österreichische Tatort-Kommissarin ist zu Gast bei Elisabeth Scharang im FM4 Doppelzimmer. Zu hören am Montag, 15. August, ab 13 Uhr auf FM4 und gleich danach noch für sieben Tage auch im FM4 Player.

Die Realität könnte eher kein Hauptabendprogramm füllen, so Beatrix Haider, die selbst sehr gerne amerikanische Krimiserien schaut. Dort wäre alles so übertrieben, dass selbst sie nicht mehr an Kleinigkeiten, wie die absolut falsche Waffenhaltung "in eigentlich allen, ganz egal ob österreichischen oder deutschen Serien" denken muss. "Außerdem sind wir eigentlich ganz froh, dass nicht das reale Abbild gezeigt wird, denn wer lässt sich schon gern in die Karten schauen", meint sie mit raffiniertem Lachen.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.