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Gersin Livia Paya

Limonaden-trinkendes, unbändiges Faible für Abenteuer

27. 6. 2016 - 15:44

Erste Berufsmesse für geflüchtete Menschen

Das Projekt chancen:reich will Integration mit pragmatischen und weniger idelogischen Ansätzen.

Am Mittwoch, 29. Juni, findet die Berufsmesse für geflüchtete Menschen im Museumsquartier Wien / Halle E+G & Hofstallungen statt. Freier Eintritt. Hier anmelden!

Chancen:reich ist ein Berufsorientierungsprojekt, das auf Integration setzt, es ist die erste österreichische Berufsmesse für geflüchtete Menschen. Zusammen mit rund fünfzig Unternehmen wie dem AMS Wien, Wirtschaftsagentur Wien, REWE, Spar, Ströck, T-Mobile, Ikea, Siemens, uvm. werden Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten gegeben. Fernab von hipper Ideologie wurde hier pragmatisch eine Integration am Arbeitsmarkt geschaffen.

Insgesamt sind rund 15.500 Asylberechtigte und subsidär Schutzberechtigte beim AMS Wien vorgemerkt. Auf der Website von chancen:reich kann man sich für die Berufsmesse kostenlos anmelden, die Website wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Ohne diese Anmeldung gibt es keinen Eintritt zur Messe, auch Begleitpersonen können angemeldet werden. Dem Team von chancen:reich und ihrem Netzwerk ist es wichtig, dass jene Menschen auf die Messe kommen, die ein Recht auf einen Arbeitsplatz haben, also anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte.

Auf der Messe geht es aber nicht nur darum, einen Job zu finden, sondern auch darum, Informationen rund ums Arbeiten in Österreich zu erhalten. Zum Beispiel wie man sich ausländische Abschlüsse anerkennen lassen kann oder wie Menschen in Wien eigene Unternehmen gründen können.

Was muss man zur Messe mitbringen?

"Den Willen zur Arbeit vor allem, dann kann man auch mit einem nicht perfekten Deutsch anfangen! Durch die Motivation im Job kann das viel schneller gehen", meint Stephanie Cox. Sie ist Consulterin für Start-Ups und eine der InitiatorInnen der Berufsmesse.

Was ist die Nostrifizierung?
Nostrifizierung ist die Anerkennung eines ausländischen Studienabschlusses als gleichwertig mit dem Abschluss eines inländischen Bachelor-, Master-, Diplom- oder Doktoratsstudiums durch das für Studienangelegenheiten zuständige Organ bzw. eines Fachhochschul-Studienganges durch das Fachhochschulkollegium.

Der österreichische Nationalrat hat vor Kurzem beschlossen, den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, indem unter anderem die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse erleichtert wird. Grundlage dieses Beschlusses war unter anderem die Debatte um den Ärztemangel in Österreich. Mehr als 100 Ärzte sind letztes Jahr nach Österreich geflüchtet, 99 von ihnen fehlt die Nostrifizierung. Derzeit dauert die Anerkennung für geflüchtete Ärzte drei bis fünf Jahre. Es gibt nur einen syrischen Arzt, der die jahrelange Warteschleife und die vielen Zusatzprüfungen bis zur Anstellung bereits durch hat. Roland Paukner, der Koordinator des Gesundheitsministeriums, hat im Interview mit der Zeit im Bild zugegeben, dass eine Reform notwendig sei.

Wartezimmer beim Arzt

APA/dpa-Zentralbild/Jan Woitas

Michi Ströck, einer der Initiatoren von chancen:reich und Gründer von Unternehmen wie KochAbo.at oder der Jobplattform Beavr, betont: "Großunternehmen wollen einfach wissen, wie gehen wir mit diesen Menschen um, man braucht ihnen aber nicht erklären, warum das für sie wichtig ist."

Bei der Berufsmesse werden laut den InitiatorInnen keine PR-Abteilungen der Unternehmen vertreten sein, sondern tatsächlich die Recruiting und HR-Abteilungen. Gezielte Bewerbungsgespräche, Begegnungen herstellen und bei über 200 Stellen auch gleich zu besetzen, das ist das Ziel.

Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist auf Rekordniveau

Als im April 2016 die Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht wurden, sagte Sozialminister Alois Stöger: "Eine Entlastung des Arbeitsmarktes kann nur mit einer deutlichen investitionsfördernden Politik in ganz Europa erreicht werden". Im Mai 2016 gab die Statistik Austria bekannt, dass über 41.000 offene Stellen sofort verfügbar seien. In der Tourismus und Gastronomie-Branche werden zum Beispiel bewusst Mitarbeiter gesucht, die sich mit verschiedenen Kulturen auskennen.

Stephanie Cox erzählt von dem Rückspiel der Unternehmen, die nach rechtlichen oder interkulturellen Hürden fragten. Dem kommt Chancen:reich mit Workshops für die Unternehmen entgegen.

Chancen:reich ist ein Verein, der sich nicht mit einem Charity-Projekt vergleichen will. 200 freiwillige Helfer arbeiten mit.

Integration am Arbeitsplatz

Die Messe versucht, eine Win-Win-Situation für beide Seiten herzustellen: geflüchtete Menschen erhalten eine Chance auf einen Arbeitsplatz oder auf eine Ausbildung, Unternehmen können ihr Image verbessern. Für Großunternehmen ist es nicht nur soziales Engagement, sondern aktives Auseinandersetzen mit der Thematik, denn sie sind auf der Suche nach Fachkräften. Aber vor allem findet Integration statt, ein Beruf integriert, stärkt Selbstbewusstsein und schafft einen geregelten Alltag ins Leben.

Einen solchen positiven Weg nahm Sameh Azimi. Er ist 20 Jahre alt, mitten in der Lehre und war aus Afghanistan geflüchtet. Er hat schnell die Pflichtschule abgeschlossen, Deutsch gelernt und sich bei Spar beworben. Seine Ziele sind hoch, er möchte mit dem Lehrabschluss eine Zusatzausbildung in Informations-Technologie abschließen. Der Wille, den er an den Tag legt, ist genau der, den sich chancen:reich und die Unternehmen wünschen.

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