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Boris Jordan

Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger.

10. 6. 2016 - 00:54

Das Trinkhorn der Solidarität

Nova Rock Tag 1: Die Nacht. Puscifer, Amon Amarth, Billy Talent, Korn.

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Na das klappt ja - wie befohlen ergeben sich die Menschen beim abendlichen Novaregen der "Wer hat die doofste Regenkleidung Challenge". Ein paar sehen auch echt fast so doof aus wie ich, wir werden versuchen, davon noch mehr Fotos zu bekommen - dann kommt die in Businessanzüge gehüllte Firma von Maynard James Keenan.

Puscifer

Die Band Puscifer ist zum ersten mal auf Europa-Tournee, in diesem nieselnden Augenblick stehen mit Keenans drei Begleitmusikerinnen und zwei Wrestlerinnen im mexikanischen Luchadores- Kostüm mehr Frauen auf der Bühne, als beim gesamten restlichen Festival zusammengenommen. Die Wrestlerinnen und drei männliche Pendants bewegen sich katzenhaft aber unentschlossen zur Musik, irgendwann fangen sie zu kämpfen an. Die Musik ist trotzdem zäh wie Kaugummi, leerer, nicht sehr fortschrittlicher Progressive Artpop ohne einen einzigen Höhepunkt, man wundert sich warum die Wrestler zu kämpfen beginnen und warum sie aufhören, statt gleich einzuschlafen - einzig beeindruckend ist die lange Zunge von einem der Wrestler und das ungelöste Rätsel, ob hier tatsächlich der Ex-Drummer von Primus am Werk ist.

Amon Amarth

"Bier ist der Freund des Körpers" ist die Message der Asen von Amon Amarth, eine eindringliche Botschaft, zu der die Bärtigen fröhlich ihr Trinkhorn heben - am Gelände gibt es tatsächlich einen Trinkhorn Shop, weshalb auch im Publikum einige zu sehen sind... Ob die frischen Trinkhorn-Besitzer schon mal versucht haben, ein Trinkhorn auf dem Tisch abzustellen? Vielleicht sind die Wikinger in ihren Drachenbooten auf dem Weg nach Neufundland ja auch verdurstet, weil sie nicht immer eine Hand zum Trinkhorn halten frei machen konnten, wer weiß...

Jedenfalls ist der Metal von Amon Amarth gespickt mit freundlich runtergrunzgestimmten Kinderliedmelodien, in den Gitarrensoli glaubt man die lebensfrohen Weisen von "Pippi Langstrumpf" und dem "Traumschiff" zu erkennen. Und aus einem 6/8 Bluestakt macht der Drummer bei Achtfach-Time mit der Doppelfussmachine einen 96/128-stel Bluestakt , jaja, mein lieber Heimdall, auch das geht.

Billy Talent

Billy Talent haben eine engere Verbindung zum Publikum als alle anderen Bands heute - diese Songs werden geliebt. In der sechzehnten Reihe Slamdance nach gerade mal drei Nummern, das sollen die Dropkick Murphys einmal nachmachen. Gleich zu Beginn sagen die Kanadier einen Satz, der - so banal auch sonst - den anwesenden jungen Österreichermännern ins Stammbuch geschrieben gehört: "Ihr hört mir jetzt zu", sagt Ben, "Wenn jemand neben euch liegt und Hilfe braucht, dann helft ihm auf, das ist sehr wichtig!" In einem Land, in dem Kindern Schwimmkurse geneidet werden, wiegt sie schwer, die bekannter Weise unbedingte Solidaritäts-Message des Hardcore, die Botschaft, dass Punk Mitgefühl und Gemeinschaftssinn bedeutet und gerade nicht die Verachtung alles Schwachen, wie sie derzeit so grassiert (und die Umberto Eco als eigentliche Definition des "Faschistischen" vorgeschlagen hat).

Seit Kindertagen sind die Musiker von Billy Talent zusammen, ihr Drummer, der wegen einer schweren Krankheit nicht mehr auf Tour gehen kann, ist weiter Bandmitglied und es wird ihm geholfen, durch die schwere Zeit zu kommen, wie sie Dave Dempsey im Interview erzählt haben. Und vielleicht spürt das Publikum hier Positivity, Freundschaft und Gemeinschaftssinn, es ist jedenfalls außer Rand und Band und reagiert auch dann noch euphorisch, wenn Sänger Ben so überraschende Sachen wie "Es regnet" oder "Hier sind aber viele Leute" sagt - an den restlichen Ansagen kann noch gearbeitet werden, vielleicht in den nächsten 23 Jahren Bandgeschichte.

Korn

Die gute Nachricht: Jonathan Davis sieht echt gesund aus. Er springt herum. Vorbei sind die Zeiten, in denen er behäbig in seinem von Adidas bezahltem Schottenrock wie ein Zombie über die Bühne gestakst ist und die 16 zu singenden "Yeah" vom Teleprompter ablesen musste. Er interagiert mit dem Publikum, hüpft herum, schüttelt seine Haarpracht, kann seine Texte, spielt seinen Dudelsack. Gratuliere zur Wiedererstarkung.

Aber selbst bei meinem vierten Korn-Konzert kommt mir diese Musik keinen Schritt entgegen. Immer noch lässt er mich seltsam kalt, dieser Stumme Schrei nach Liebe, diese suizidale Pose, je größer die Geste, desto leerer. Die Rettung wird ihn schon finden und wiederbeleben, denkt man sich, so schlimm wird’s schon nicht sein, so mitleidlos gegen den Verzweifelten lässt einen diese Posermusik mit vorher ausgedachten Spontanelementen,

Nu Metal altert vielleicht ähnlich schlecht wie Industrial.

Armer Trent Reznor.

Wie sehr in Unmittelbarkeit und Selbstvergessenheit gebadet werden kann, wird man dann morgen bei Wanda sehen...

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