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Chrissi WilkensAthen

Journalistin in Griechenland

3. 6. 2016 - 19:05

Life in Limbo

Hotspots: Für die Flüchtlinge auf den griechischen Ägäis-Inseln werden die zu einem Gefängnis. Die Versorgung ist schlecht und die Stimmung extrem angespannt.

Fast 8.500 Schutzsuchende sitzen derzeit auf den Inseln der Ägäis fest, über 4.000 alleine auf Lesbos. Großteils Menschen, die nach dem Abkommen der EU mit der Türkei angekommen sind und nach ihrer Festnahme in administrative Haft genommen wurden. Das Abkommen sieht unter anderem vor, dass die Schutzsuchenden, die in Griechenland ankommen und dort kein Recht auf Asyl haben, in die Türkei abgeschoben werden.

papier

Chrissi Wilkens

Das Stück Papier, das die Flüchtlinge bekommen, die einen Asylantrag stellen möchten. Wegen mangelndem Personal ist es schwierig, den Asylantrag registrieren zu lassen.

Mehr als 3.200 dieser jetzt festsitzenden konnten zwar den Willen auf einen Asylantrag ausdrücken. Doch die Registrierung und Bearbeitung läuft wegen Personalmangels schleppend, auch die Rückführungen der Flüchtlinge in die Türkei laufen nicht wie geplant: Das griechische Asylkomitee hat bereits Abschiebungen von Syrern in die Türkei abgelehnt, nachdem die Betroffenen Beschwerden gegen ihre Abschiebung eingelegt hatten.

Proteste, Ausschreitungen, Hungerstreik

Die Lage ist angespannt. Mehrmals gab es in den letzten Monaten Proteste und Ausschreitungen. Am Mittwochabend ist es in Moria nach einem Streit zwischen Afghanen und Pakistani zu Schlägereien zwischen den Flüchtlingen gekommen. Dutzende wurden verletzt, mehrere Zelte wurden durch Brände zerstört. Viele Flüchtlinge - unter ihnen Familien mit Kleinkindern und Κranken - mussten unter freiem Himmel schlafen.

Familien in Moria

Chrissi Wilkens

Familien in Moria

Auch in den Hot Spots auf anderen Ägäis-Inseln ist die Stimmung extrem angespannt. Auf der Insel Chios beifnden sich Flüchtlinge seit Tagen im Hungerstreik und klagen über fehlende Information. Am Donnerstagabend kam es zu schweren Ausschreitungen im Hot Spot auf der Insel Samos. Mindestens 20 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Menschen hinter Zaun im Lager Moria

Chrissi Wilkens

Blick hinein nach Moria

Journalisten können zwar einen Antrag für Besichtigung des Lagers in Lesbos stellen, doch man wird auf eine Warteliste verwiesen. Hinter dem Stacheldrahtzaun sitzt eine Gruppe von Flüchtlingen aus dem Kongo. Eine Mutter hält ihr kleines Kind fest an der Hand. Drumherum Containerhäuser, Zelte und Wachpersonal. Aus den Lautsprechern hört man Namen von Flüchtlingen, die sich im Büro der Asylbehörde melden sollen. "Wir leiden hier. Wir schlafen nicht gut, wir essen nicht gut. Die Hygienbedingungen sind nicht gut. Wir können nicht weiterhin so leben. Es ist nicht normal. Wir wollen hier weg", sagt erschöpft ein junger Kongolese.

Viele sind krank

Vor dem Eingang an der Seite der Straße füllen zwei kurdische Flüchtlinge Wasser aus einem Wasserhahn in Flaschen. Die Qualität des Wassers drinnen sei nicht gut, und oft müssten sie stundenlang anstehen, um eine Mahlzeit zu erhalten, sagen sie. Sie können das Camp verlassen, weil sie bereits mehr als 25 Tage in administrativer Haft waren. "Viele Frauen und Kinder sind krank. Die Situation ist sehr schlimm. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen zwischen Flüchtlingen verschiedener Nationalitäten. Die Polizei beobachtet aber greift nicht ein", sagt ein 56-jähriger Iraner.

Αlan, ein Kurde aus Syrien, hat es geschafft, einen Asylantrag zu stellen. Er wurde jedoch abgelehnt. Seine größte Angst ist jetzt, in die Türkei zurückgeschoben zu werden. Denn dort hat er als Kurde bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Menschenrechtsorganisationen werfen der Türkei vor, mit Schusswaffen gegen Flüchtlinge und Schleuser an der Grenze zu Syrien vorzugehen. "In der Türkei gibt es keine Zukunft, kein Leben, nichts... Ich habe die Situation dort erlebt, bevor ich hierher gekommen bin. Ich habe gesehen wie sie mit uns umgehen".

Moria

Chrissi Wilkens

Blick nach Moria.

Eine Familie aus der Jesidi-Minderheit geht vorbei. Sie haben zwei kleine Kinder, die beide krank sind. Eines von ihnen hat Epilepsie. Trotzdem müssen sie weiterhin im überfüllten Lager ausharren, bis die Asylbehörde über ihre Zukunft entscheidet. Täglich gehen sie über zehn Kilometer nach Mytilene, die Hauptstadt der Insel. Heute wollen sie einen Arzt besuchen: "Ich sagte den Ärzten im Lager, dass ich kein Geld habe, um in die Stadt zu fahren. Sie sagten, sie können nichts machen. Es gibt keine Hilfe."

Ärzte Ohne Grenze nicht mehr im Lager

Immer wieder klagen Schutzsuchende über mangelnde medizinische Versorgung im Lager, obwohl dort NGOs aktiv sind. Die Ärzte Ohne Grenzen stellten nach dem EU-Türkei-Abkommen ihre Arbeit im Lager Moria ein. Die Fortführung der Arbeit würde die Helfer zu "Komplizen eines Systems machen, das wir als unfair und unmenschlich ansehen", so die Organisation . Die Organisation ist jetzt an anderen Orten der Insel aktiv, wie z.B. in Mantamados im Norden, wo minderjährige unbegleitete Flüchtlinge untergebracht werden, oder im Lager Kara Tepe, wo Familien und gefährdete Gruppen leben.

Dass die Mehrheit der Flüchtlinge die Insel nicht verlassen kann, erschwere deren Lage, insbesondere psychisch, betont der Feld-Koordinator der Organisation Adam Ruffell: "Wir beobachten einen Anstieg von psychischen Problemen und potenziellen Selbstmordversuchen aufgrund der Unsicherheit der Zukunft der Flüchtlingen".

In Kara Tepe

Im Lager Kara Tepe, ein paar Kilometer von Moria entfernt, beschreibt eine 23-jährige Palästinenserin aus Syrien, wie verwirrt sie über die Situation und die Prozeduren der Asylverfahren ist. "Meine Mutter und Geschwister sind bereits in Deutschland. Ich bin auf Lesbos mit meinen Vater. Wir haben schon einen Asylantrag gestellt, aber das Interview hat noch nicht stattgefunden. Warum können wir nicht weiter zu unserer Familie?"

Im Lager Kara Tepe

Chrissi Wilkens

Im Lager Kara Tepe

In den Container nebenan beklagt eine Syrerin, die alleine mit ihren Kindern nach Griechenland gekommen ist, weil ihr Mann im Krieg gestorben ist, dass sie keinen Zugang zum Asylprozess hat. "Ich versuche es täglich bei der Asylbehörde in Moria. Die sagen zu mir ständig, komm morgen wieder." Flüchtlinge, die auf der Insel festsitzen und kein Geld mehr haben, betteln oft außerhalb von Supermärkten oder sind gezwungen, Kleindiebstähle zu begehen. Auf der Insel herrscht ein Klima der Unsicherheit.

Der Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos, weist darauf hin, dass die Verfahren für Asylanträge beschleunigt werden müssen und meint, dass die Türkei die Vereinbarung respektieren muss. "Irgendwann müssen Vernunft und Völkerrecht sowohl in Europa als auch in der Türkei herrschen. Die Anzahl der Ankünfte aus der Türkei hat zwar abgenommen, aber es gibt Menschen, die hier festsitzen. Wenn auch nur einige wenige von ihnen in die Kriminalität getrieben werden, ist das ein Grund zur Sorge. Ich hoffe, dass das die allgemeine Atmosphäre der Solidarität nicht verdirbt".

Weder vor noch zurück

Ein junger Pakistani ist gerade von Mytilene in den Hot Spot zurückgekommen. Er ist schon drei Monate im Camp, hat einen Asylantrag gestellt, wurde aber bis jetzt nicht einmal für ein Interview eingeladen. Als er einen Anwalt um rechtliche Hilfe bat, sagte dieser, dass er keine Zeit für die Pakistaner hat. Einen Weg raus gibt es nicht. Einige Flüchtlinge, die versucht haben, sich in LKWs zu verstecken, die auf den Fähren nach Athen fahren, wurden von der Polizei entdeckt, verprügelt und ins Camp zurückgebracht, erzählt er. Diese Insel ist für ihn ein Gefängnis: "Überall wo man hingeht ist Wasser. Wenn man versucht über das Meer zu entkommen, läuft man Gefahr zu ertrinken. Wartet man hier, wird man in den Wahnsinn getrieben."

Karte von Lesbos mit Lagern eingezeichnet

Chrissi Wilkens

Die Anzahl der Schutzsuchenden, die aus der Türkei auf die Ägäis-Inseln flüchten, ist erstmals seit Wochen wieder deutlich gestiegen. Dazu werden seit einigen Tagen vermehrt Ankünfte über die "lange" Westroute über Kreta nach Italien beobachtet. Am Dienstag wurde an der Nordostküste der Insel ein Boot mit 113 Flüchtlingen in Seenot gerettet. Fünf Tage vorher wurden an der Südküste von Kreta 65 Flüchtlinge aufgegriffen.

Am heutigen Freitag hat sich ein neues Flüchtlingsdrama ereignet, diesmal südlich von Kreta. Wie die örtliche Küstenwache mitteilte, ist ein Schiff mit Hunderten Menschen an Bord gekentert. Mehr als 340 Flüchtlinge konnten bislang gerettet werden, neun starben und hunderte gelten als vermisst. Man fürchtet, dass bis zu 700 Menschen an Bord des gekenterten Schiffs waren.

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