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Elisabeth Scharang

Geschichten über besondere Menschen und Gedankenschrott, der für Freunde bestimmt ist.

4. 5. 2016 - 13:09

Mehr als die Summe der einzelnen Teile

Conchita im FM4 Doppelzimmer. Die Geschichte einer Begegnung.

Das FM4 Doppelzimmer mit Conchita

am 5. Mai von 13 bis 15 Uhr auf Radio FM4 und anschließend 7 Tage zum Nachhören.

Als ich vor ein paar Tagen Prince in "Purple Rain" gesehen habe, ist mir, neben sehr schönen Erinnerungen an das Wien-Konzert 1987, immer wieder Conchita ins Hirn geschossen. Die superschlanke Taille, die
High-Heels, das Spiel mit den männlichen und weiblichen attitudes – keine Frage, die beiden haben musikalisch nicht allzu viel gemeinsam, aber ich hab mich über Conchitas Version von Purple Rain gefreut,
die sie kürzlich im Zuge ihrer Tour im Posthof in Linz zum Besten gegeben hat und die ich hier gefunden hab. Da war schon ein kleiner Teil Seelenverwandtschaft dabei. Aber egal. Eigentlich möchte ich hier von meiner Begegnung mit Conchita erzählen.

Ich habe zwei Jahre auf dieses Interview gewartet. Mal hatte sie keine Zeit und war unterwegs, dann war nach dem ersten Songcontest schon wieder der nächste am Start und ein eineinhalbstündiges Gespräch stand außerhalb jeder Möglichkeit.

Conchita zu Gast im FM4 Doppelzimmer

Pamela Russmann

In diesem Frühling ist sie wieder unterwegs, die Bühnen sind kleiner,
die Atmosphäre intimer. Eine ideale Voraussetzung für ein Gespräch mit FM4, fand ich. Und so kam Conchita ins Studio, ohne High-Heels und mit einem Lachen, das den ganzen ersten Stock mit Freude erfüllt hat. Ja, es war viel Leichtigkeit in der Luft. Nicht weil immer alles leicht ist und war für sie. Aber das Drama, das gehört bei ihr auf die Bühne und in die großen Gesten ihrer Show. Im Leben hat das Drama wenig Platz.

Was eine richtige Diva ausmacht

"Ich habe in meinem Leben noch nie wirkliches Leid erlebt", sagt Conchita und redet dabei auch für Tom. "Und ich bin sehr dankbar dafür." Tom sieht sich nicht gerne als Opfer einer schwierigen Jugend am Land; und Conchita relativiert Toms Erfahrungen als schwuler Jugendlicher am Land. "Natürlich war das mit 13, 14 nicht so lustig, aber ich bin ja bald nach Graz, war dort an der Modeschule und konnte anfangen zu wachsen. Als Mensch und auch auf der Bühne."

Tom trug an manchen Tagen Ballerinas und einen Rock seiner Cousine, als er als kleiner Bub in den Kindergarten ging. Die anderen Kinder hat das nicht weiter interessiert, geschweige denn gestört. Für Toms Eltern war das bestimmt weniger einfach, aber da war die starke Unterstützung durch die Großmutter, die Tom bis heute immer die Stange hält, auch wenn das schon lange nicht mehr notwendig ist.

"Meine Oma ist eine Diva, immer noch. Ich habe viel von ihr gelernt und, vor allem, ich liebe sie sehr", schwärmt Conchita und erklärt mir, was es braucht, um eine ausgewachsene Diva zu sein. Wir machen einen Ausflug in die Welt von Dame Edna und die Welt der Drag Queens und landen bei Conchitas Obsession für Mieder.

Conchita und Tom kommen sich näher

Ich kenne eine Reihe wunderbarer Frauen, die im Zuge des Conchita-Fiebers ärgerlich geworden sind ob des Barbie-Ideals und der unerreichbaren Wespentaille, die Kunstfrau Conchita auf der Bühne zeigt. "Ich kenne den Vorwurf", kontert Conchita. "Aber ist es nicht absurd, wenn sich richtige Frauen von einer Drag Queen bedroht fühlen?" Die schmalen Kostüme und Kleider hat Conchita übrigens schon seit einiger Zeit abgelegt. Man sieht sie vor allem in Hosen. "Ich hab durch das Ausleben meiner weiblichen Seite mit Conchita meine männliche Seite entdeckt und akzeptiert." Conchita und Tom wachsen gerade enger zusammen. Tom hat begonnen, selbst Songs zu schreiben; nachdem Conchita diese aber singen soll, braucht es eine Annäherung, damit das glaubhaft bleibt. Die beiden haben sich also nie auf Conchitas großem Erfolg vor zwei Jahren ausgeruht. Es ist immer alles in Bewegung – im Hintergrund das Team, das schon bei der Vorbereitung des Songcontest-Auftritts unterstützend dabei war.

"Ich wünsche jedem Menschen eine Conchita", sage ich, als hätte ich plötzlich etwas verstanden. Stimmt auch. Ich denke mir, wie großartig das ist, wenn man in eine Rolle schlüpft, die all die Ängste, Unsicherheiten und Knackse nicht hat, die man sich im Lauf des Lebens einfängt. Eine Kunstfigur, die das Potential ausspielt, das man hat und darüber hinausschießt. Conchita ist selbstbewusster als Tom, "sie hat bessere Manieren als er und spricht immer Hochdeutsch im Gegensatz zu ihm". Sie stand als Botschafterin für Toleranz und Respekt auf ganz großen Bühnen und hat die Hände internationaler Stars und Politiker geschüttelt und gesagt, was sie zu sagen hat - in bestem Englisch. "Mein Englisch kommt übrigens aus vielen englischsprachigen Serien, die ich mir angeschaut habe."

Doppelzimmer
    Conchita Wurst Colours of your love
    Teleman Düsseldorf
    Eska Gatekeeper
    Julia Holter Feel you
    Laura Mvula Sing to the moon
    Schmieds Puls Joy
    Troye Sivan Bite
    FForgotten – Angel Olsen Forgiven
    Playing Savage Bigger
    Conchita Wurst Out of body experience
    Haelos Separate Lives
    Lylit Again
    Jack Garrat Worry
    Fijuka Ca Ca Caravon
    Dolly Parton Jolene

    All das hat Conchita getan, während Tom unbeschadet und unbehelligt vom Medienrummel den Haushalt gemacht hat und in Jeans auf dem Sofa gelümmelt ist. Was für eine herrliche Aufgabenteilung! Und tatsächlich eine Möglichkeit, als Künstlerin unbeschadet und nicht abgehoben ein Leben mit Freunden zu führen und trotzdem auf die Showbühne nicht verzichten zu müssen.

    Wir sind federleicht durch diese zwei Stunden gestiefelt. Es gab viel zu lachen und viel zu reden und ich finde es sehr charmant, dass Conchita mit Nervosität in das FM4 Studio gekommen ist. Den Ruf der coolen Sau, den haben wir also immer noch. Naja, nobody is perfect.

    Das FM4 Doppelzimmer mit Conchita: am 5. Mai von 13 bis 15 Uhr auf Radio FM4 und anschließend 7 Tage zum Nachhören.

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    • miikesmama | vor 419 Tagen, 3 Stunden, 5 Minuten

      Persönlich leide ich unter einem Wurst-Backlash, zumal (vor allem?) ich bei dieser Kunstfigur die Grenzen zu schwammig finde. Sie ist mit einem Jacques Patriaque verheiratet, erzählt aber von ihrem Alter Ego Tom Neuwirth, der widerrum einen Freund hat. Macht sich als Drag Queen für die Rechte der LGBT stark und besucht mit dem ORF die Orte ihrer (seiner?) Kindheit, trifft sich mit Gaultier und redet wie es Tom geht...

      Kann den Tag kaum erwarten an dem Conchita stirbt und Tom Neuwirth die Bühne betritt.

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