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Robert Glashüttner

Videospielkultur, digital geprägte Lebenswelten.

8. 3. 2016 - 18:05

Traum und Wirklichkeit

Sie hat sich luzides Träumen beigebracht, einen Kurzfilm über ein blindes Mädchen gedreht und Haikus zu Penissen auf Chatroulette geschrieben. Vor allem aber ist Sarah Hiebl Gamedesignerin.

Spielemacher_innen

Die FM4 Spielkulturredaktion präsentiert in unregelmäßigen Abständen ausgewählte österreichische Gamedesigner_innen und ihre Werke.

"Sarah, du brauchst keine Drogen, du bist schon so", hat Sarah Hiebls Mutter früher öfter liebevoll zu ihrer Tochter gesagt. Seit dem Kindergarten-Alter hat die in Oberösterreich geborene, heute 23-jährige Künstlerin sehr lebendige Träume. So lebendig, dass sogenannte Reality Checks notwendig sind - also Tests, anhand derer man erkennt, ob man träumt oder nicht: zum Beispiel auf die Hände oder Uhr schauen oder den Lichtschalter betätigen. Lichtschalter funktionieren in Träumen nicht, und wenn sich Uhren oder die Form der eigenen Hände seltsam verhalten, weiß man Bescheid.

Sarah Hiebl hat diese frühe Beschäftigung mit Traum und Wirklichkeit, mit unterschiedlichen Wahrnehmungsformen und Interpretationen naturgemäß stark geprägt. Es ist ein zentraler Aspekt ihrer Kunst, der sich etwa im Kurzfilm "5 SEKUNDEN" niederschlägt. Hiebl hat dabei eine blinde junge Frau interviewt. Darin geht es vor allem um die Frage, wie sie Schönheit wahrnimmt.

Das Mädchen mit den ungewöhnlichen Interessen

Sarah Hiebl besucht als Kind eine Waldorf-Schule und wechselt in der Oberstufe zur Grafischen in Wien. Beides Ausbildungsstätten, die ihrer Erfahrung nach wenig Inspiration und Verständnis für ein Mädchen übrig hatten, das gerne Computerspiele spielt und lernen möchte, wie man programmiert und Websites designt. Die Eltern hingegen unterstützen ihre Tochter von Beginn an und teilen auch das Interesse für digitale Spiele. Der Vater borgt sich aus der Bibliothek regelmäßig neue Games aus und spielt später mit Sarah gemeinsam "Halo" auf der Xbox.

portraitfoto

FM4 / Robert Glashüttner

Seit 2012 studiert Sarah Hiebl Zeitbasierte und Interaktive Medien an der Kunstuni Linz. 2014 hat sie dort zwei Game Jams (Ludum Dare) veranstaltet, aus denen jeweils eines ihrer Spiele hervorgegangen ist: "Alhazen", das dem Unterbewusstsein auf die Spur geht, und ein halbes Jahr später "Forsaken", wo man eine verlassene Wohnung durchstöbert und sich so einen Reim auf den ehemaligen Bewohner bzw. die ehemalige Bewohnerin macht.

Mary Woke Up Today

Ihr jüngstes Spiel ist aber "Mary Woke Up Today" aus dem Vorjahr, das ebenfalls im Rahmen eines Game Jams entstanden ist. Es ist, wie alle Games von Sarah Hiebl, ein autobiografisches Spiel - in diesem Fall über ihr Leib- und Magenthema Traum oder Wirklichkeit.

Schreiben und das Drumherum

Schreiben ist für Sarah Hiebl die stärkste und wichtigste Ausdrucksform - alles andere, was man für ein Computerspiel braucht, also Programmierung, Grafik oder Sound, macht sie quasi nebenher - darüber muss sie nicht viele Worte verlieren. Ähnlich geht es ihr damit, dass sie als Frau in von Männern dominierten Berufsfeldern agiert. Sich dieser Auseinandersetzung komplett verweigern ist allerdings schwierig.

"Am liebsten wäre es mir, wenn es einfach kein Thema oder total wurscht wäre, ob ich eine Frau bin oder nicht - aber das ist es halt nicht. Aber ich kann im Großen und Ganzen sagen, dass es in der technischen Kunstszene eine viel größere Sache ist, dass ich eine Frau bin. Ich werde dort viel weniger ernst genommen. Dort will ich mich aber gar nicht mehr behaupten oder Teil davon sein, weil es mir einfach zu anstrengend ist. Innerhalb der Spielentwicklerszene ist mir das noch nicht in dieser Form passiert."

Ein neues Haiku-Buch ist übrigens bereits in Entstehung.

Nach gut zwei Jahren als Spielemacherin wird Sarah Hiebl deshalb wohl auch ihrem Lieblingsmedium treu bleiben. Dennoch arbeitet sie weiterhin mit anderen Ausdrucksformen. Egal, ob das Fotos, Filme oder Haikus sind, die sie unter Screenshots von Penissen schreibt, die ihr auf Chatroulette begegnet sind. Fürs Ars Electronica Festival 2015 hat Hiebl dieses Projekt für den sogenannten Internet Yami-Ichi (Internet-Jahrmarkt, FM4 hat berichtet) beigesteuert, wo es darum ging, Netzkultur in der physischen Welt erlebbar zu machen.

Penis-Haiku, daneben ein zensuriertes Bild eines Penis'.

Sarah Hiebl

"Eine Freundin hat mich gefragt, ob ich etwas beisteuern möchte. Dann habe ich gefragt, was das genau ist, und sie hat mir erklärt, dass man dort Sachen verkauft, die etwas mit dem Internet zu tun haben. Das erste, das mir eingefallen ist, das mit dem Internet zu tun hat, waren Penisse."

Spiel über soziale Interaktion

Derzeit arbeitet Sarah Hiebl an ihrer Bachelorarbeit, die sich passenderweise mit autobiografischen Computerspielen beschäftigen wird. Teil dieser Arbeit ist ihr kommendes Spiel über soziale Interaktion. Darin hat sich eine Gruppe von Freunden verlaufen. Nun reflektieren sie während einer Zugfahrt, was passiert wäre, wenn sich die eine oder der andere an bestimmten Zeitpunkten für etwas anderes entschieden hätte. "Das Overthinking wird auf die Spitze getrieben", wie es die Autorin selbst kurz zusammenfasst.

Weil sich Sarah Hiebl mit Design- und Programmierjobs gut über Wasser halten kann, ist es nicht notwendig, dass sie mit ihrer Kunst Geld verdient. Das will sie auch nicht, sagt sie. Ihre Computerspiele sind eine persönliche Ausdrucksform, die sich keiner Marktlogik unterwerfen sollen. Die Aufmerksamkeit wird dadurch nicht geschmälert. Im Gegenteil: Mit Spielen kann man bekanntermaßen ein großes, internationales Publikum erreichen.

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