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Lisa Schneider

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6. 3. 2016 - 14:00

Nicht alles, was glitzert, ist Gold

Emily Walton schreibt in ihrem neuen Buch über einen Sommer im Leben von F. Scott Fitzgerald.

Emily Walton

Franz Weingartner

Ist es möglich, einen Menschen in zwei Teile zu zersägen? Zaubertrick oder Realität? Emily Walton (geboren 1984, aufgewachsen in Salzburg und Oxford) lässt die Handlung in jenem Sommer 1926 spielen, in dem F. Scott Fitzgerald genau das – laue Nacht, einige Drinks – versuchen sollte. Dies nur ein skurriles Detail eines Sommers, prägend für die weitere Karriere des Schriftstellers.

März 1926, Juan-les-Pins, Südfrankreich: F. Scott Fitzgerald reist mit seiner Frau Zelda und Tochter Scotty an die Côte d’Azur, um sich dort Inspiration für sein nächstes Buch zu holen. Der Schriftsteller befindet sich am Höhepunkt seiner Karriere, im Jahr zuvor ist „Der große Gatsby“ erschienen, der Roman, der damals schon neben der Buchfassung als Stück am Broadway große Erfolge feierte.

Warner Bros.

2013: Leonardo DiCaprio als Jay Gatsby. Zwar noch ohne Oscar, aber mit umso mehr Champagner.

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„Ich bin glücklich wie seit Jahren nicht mehr“, schreibt er auf das Papier, das mit 15. März 1926 datiert ist. „Es ist einer dieser außergewöhnlichen, kostbaren und viel zu vergänglichen Momente, in denen alles im Leben gut zu laufen scheint.“

Der Aufenthalt in Südfrankreich soll seinen Ruhm als größter amerikanischer Schriftsteller endgültig fixieren. Doch statt der Muse küsst Fitzgerald eher die Champagnerflasche, die wilden Parties brodeln, Exzess, Eifersucht, Neid, aber keine literarische Produktivität stehen im Mittelpunkt der Reise:

Im Juli sehen die frühen Morgenstunden fast alle gleich aus. Scott kommt nach einer durchzechten Partynacht an der Côte d’Azur nach Hause. Mal hat er in Antibes gefeiert, mal in Nizza, mal in Cannes. Mal bringt er Freunde mit, mal kommt er alleine.

Möglichst benebelt.

Euphorie und Hochstimmung lösen sich langsam auf in Schreibblockaden, zu viel Alkohol, Zelda’s schwerwiegende psychischen Problemen. Fluchtort: Delirium.

Noch immer fehlt im Schlaf, aber er schafft es nicht, ins Bett zu gehen. Lieber noch ein wenig schreiben. Und vergessen, dass man eine Woche durchgefeiert hat. Dabei hat Scott nicht getrunken, um das runde Alter und drei Jahrzehnte zu feiern, viel eher, um dieses Erlebnis möglichst benebelt hinter sich zu bringen.

Cover Braumüller

Braumüller

Emily Waltons neuer Roman ist bei Braumüller erschienen.

„Zärtlich ist die Nacht“, so der Titel des Romans, den Fitzgerald in diesem Sommer beginnen sollte. Er wird erst neun Jahre später veröffentlicht werden - und hat sich zu diesem Zeitpunkt schon mehr oder weniger selbst überlebt. Der Börsencrash von 1929 beendet die Goldenen Zwanziger schlagartig. Die stürmischen Zeiten danach spiegeln nicht mehr den Leichtsinn der Ära davor wider. Die Atmosphäre, die Fitzgerald mit seinen Zeilen festhalten wollte, wirken deplatziert.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens ist Scott ein fahler, von Alkohol und Depression gezeichneter Mann Ende dreißig, dessen Abstieg in gewisser Weise im Sommer 1926 mit den fliegenden Weingläsern, den Beleidigungen und kühnen Dummheiten begann.

Düstere Voraussicht

Fitzgerald selbst stirbt in einem Nebel aus Alkohol und Drogen 44-jährig. Das Wissen um das tragische Ende des Autors lässt die biographische Erzählung von Emily Walton in düsterem Licht erscheinen. Fitzgeralds Protagonisten, die seiner Romane wie auch die seiner vielen Kurzgeschichten, geben sich naiver Leichtigkeit hin. Sie leben allesamt in einer funkelnden, ja goldenen, Seifenblase, von der sie wie Kinder denken, sie könne nie zerplatzen. Wie Fitzgerald seine Figuren porträtiert, macht es Emily Walton nun mit dem Schriftsteller: Ob nun Jay Gatsby oder F. Scott Fitzgerald, autobiographische Parallelen gibt es genug. Eine unglückliche Liebe, gewünschter, nur teilweise erfüllter Ruhm, Affären, Alkohol. Vor allem: Exzess, Exzess, Exzess.

Paramount Pictures

Auch Robert Redford stand schon 1973 als Jay Gatsby vor der Kamera.

In einem Brief an Hemingway resigniert Fitzgerald, als der Sommer sich dem Ende neigt:

Ich gehe zurück mt einem unfertigen Roman und weniger Gesundheit und nicht viel mehr Geld als damals, als ich gekommen bin.

Emily Walton erzählt in Gegenwartsform von jenem Sommer, der gleichzeitig eine kostbare, aber schon teilweise überschattete Zeit im Leben Fitzgeralds und seiner Frau Zelda darstellt. Neben seinem schriftstellerischen Scheitern leidet auch die Beziehung zu seiner Frau am destruktiven Lebensstil: Das Ehepaar entfremdet sich, Zelda hat schwerwiegende gesundheitliche Probleme. Auch Rückblicke auf ihre damals wilde Zeit in Paris mildern den Konflikt, der immer tiefer zwischen den beiden aufklafft, nicht.

Nicht nostalgisch, aber mit viel Sinn für die kleinen, sinnlichen Momente, die auch F. Scott Fitzgerald so hervorragend eingefangen hat, schreibt Emily Walton über einen ereignisreichen, spannenden, aber letztlich unglücklichen Sommer.

Nicht alles, was glänzt, glitzert, funkelt, ist Gold.

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