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Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

30. 1. 2016 - 12:00

"New Geographies"

Berlins bestes und innovativstes Musikfestival CTM erforscht dieses Jahr eine Welt im Umbruch.

Am Freitag startete Berlins bestes, innovativstes Musikfestival, der club transmediale, das Festival for Adventurous Music and Art, kurz ctm.

Die stets thematisch arbeitende ctm, hat auch in ihrem siebzehnten Jahr wieder ein topaktuelles, alle modernen Diskurse mitdenkendes Thema: New Geographies.

Festivalbanner

CTM

In griffigem Kuratorenenglisch hört sich das so an:
New Geographies theme examines today’s rapidly collapsing borders and emerging new hybrid topographies, aiming to provide the tools needed to approach the complexities of a polycentric, polychromatic, and increasingly hybrid (music) world with greater openness.

Will heißen: "New Geographies" untersucht die gegenwärtigen in rasendem Tempo immer schneller kollabierenden Grenzen, sowie neu entstehende hybride Topographien. Das Ziel hierbei ist, jene Werkzeuge bereitzustellen mit denen die Komplexitäten einer polyzentrischen, polychromen zunehmend hybriden (Musik-)Welt mit größter Offenheit erschlossen werden kann.

Zwei Männer auf einem Moped vor einem Markt

Redd Kat

Fokn Bois, Satire-Hip Hop aus Ghana

Man könnte aber auch – Sprachkritik beiseite – sagen, dass das Festival unter dem Titel "Neue Geographien" eine Welt im Umbruch untersucht. Eine Welt, in der gewohnte Grenzen zwischen Nationen, kulturellen, politischen Identitäten und Geschlechtern aufweichen und verschwinden.

Festivalmacher Jan Rohlf erklärte dazu im Interview:
"Überall um uns herum erstarken rechte, nationalistische Bewegungen, die die Flüchtlingskrise ausnutzen, um Grenzen wieder einzufordern. Dem wollen wir einen gewissen Optimismus entgegensetzen. Musik ist eine Art Seismograph dessen, was in der Welt passiert und was noch im Werden ist. Wir als Musiker und Festivalmacher erleben, dass die Musik immer hybrider wird, dass sie ihre Einflüsse aus vielen unterschiedlichen Quellen bezieht."

Das Programm entstand diesmal u.a. in Zusammenarbeit mit dem im Libanon geborenen Musiker Rabih Beaini und dem Schweizer Netzwerk Norient. Auftragsstücke und Premieren bilden das Zentrum der 17. Festivalausgabe, die mehr denn je Künstler*innen aus Regionen jenseits der üblichen Hotspots elektronischer und experimenteller Musik in den Mittelpunkt stellt.

Das Programm des Festivals wirft einen Blick auf hyperkulturelle Klangformen, nicht-westliche Perspektiven, Positionen der Minoritäten und die musikalische Online-Kultur.
Das Programm des zehntägigen Festival ist vollgepackt mit Konzerten, Aufführungen, Panel-Diskussionen und Ausstellungen. Berghain, HAU, YAAM, Kraftwerk und Astra Kulturhaus sind dieses Jahr die Spielstätten, zeitgleich findet auch das Kunstfestival transmediale statt.

Indonesische Metal-Band

Anthony Tran

Senyawa, Metal aus Indonesien

Kein Festival ohne Ausstellung

Neben dem musikalischen Programm der ctm bietet die Ausstellung "Seismographic Sounds. Visions of a New World" Einblicke in die Musik -, Sound – und Videokunst von 250 Künstlern, Musikern, Akademikern und Bloggern aus 50 Länder. Betreut wird die Ausstellung von Norient, einem internationalen Netzwerk für lokale und globale Klang – und Medienkultur.

"Seismographic Sounds. Visionen einer neuen Welt" will Einblicke in aktuelle popmusikalische und experimentelle Nischenmusikszenen geben und stellt Musik, (Klang-)Kunst und Musikclips aus der ganzen Welt – von Jakarta über La Paz, von Kapstadt bis Helsinki vor.
Die Werke experimentieren mit den Möglichkeiten des Internets und entwerfen Gegenwelten zu Kommerz und Krieg, kulturellen Klischees und fixen Rollenbildern. Sie wollen Kulturpessimistinnen und Kulturpessimisten widersprechen, die in der zunehmenden Globalisierung und Digitalisierung einen musikalischen Einheitsbrei befürchten. Denn viele Künstlerinnen und Künstler denken optimistisch und sehen eine neue Geografie mehrschichtiger Modernitäten voraus, die weit über die alten Ideen von Nord gegen Süd und West gegen Ost hinaus gehen.

Drei bunt gekleidete Menschen

Batuk

Batuk, Clubsounds aus Südafrika

Entlang der sechs Themen Money, Loneliness, Desire, Exotica, War und Belonging sollen die Besucherinnen und Besucher die Ausstellung als audiovisuelle Gesamtkomposition subversiver Klänge und Nachrichten erfahren.

Experimentelle Podcasts von lokalen Journalistinnen und Künstlern geben Einblicke vom Arbeitsalltag von Musikerinnen und Musikern rund um den Globus; an einer Roundtable-Installation folgen Besucherinnen und Besucher Diskussionen zwischen Journalistinnen, Forschern und Blogerinnen aus verschiedenen Wissenskulturen, die – via YouTube – über Potenzial, Bedeutung und Grenzen neuer künstlerischer Positionen reflektieren. Und dann sollen noch jede Menge Mixtapes, Audiocollagen, Sound- und Videoinstallationen die Ausstellung zu einem sinnlichen Erlebnis machen.
Das alles kann man im Kunstquartier Bethanien noch bis am 20.März sehen und hören.

Ein Mann mit glitzerndem Anzug und Maske springt vor einer Barackensiedlung

Chris Saunders

DJ Invizible als Teil der Seismographic Sounds Ausstellung

Kein Ausstellung ohne Workshop

"MusicMakers Hacklab" ist ein einwöchiges Labor, das, laut Ankündigung "Talente aus dem musikalischen, wissenschaftlichen und technischen Hintergrund in der kollaborativen Aktivität vereinigt." Das Arbeitsthema für das Hacklab lautet "Zukünftige Rituale", und die Ergebnisse der einwöchigen Projektarbeit werden am Sonntag, den 31. Januar im Hau2 (Hebbeltheater) vorgestellt. Des Weiteren finden im Rahmen des Hacklab- Programms Vorlesungen über historische Musikmaschinen, javanische Musiktradition, Musikinstrumentenproduktion und eine Einführungen in den Massive Software Synthesizer des Mitgastgebers Native Instruments statt.

Keine Ausstellung ohne Diskursprogramm:

Begleitend zur Ausstellung präsentiert CTM 2016 in enger Zusammenarbeit mit Norient und weiteren Partnern im Studio 1 des Kunstquartier Bethanien ein Diskursprogramm mit Vorträgen, Diskussionsrunden, Filmen und Künstlergesprächen. Thematisiert werden dabei unter anderem die globalen Entwicklungen in diversen Musikszenen, ethische Grenzen des Samplings, Postkolonialismus und neue Ansätze der Musikforschung.

Wem das alles ein wenig zu gewollt und nerdig erscheint, der kann sich trotzdem auf viele ungewöhnliche und spannende Konzerte freuen, auf post-global Clubsounds und Musiker*Innen aus der ganzen Welt, die man auf den allzu normalen globalen Event-Festivals nicht sehen kann: Etwa Abdel Karim Shaar, den Tarab-Sänger aus Beirut, elektronische Musik aus dem Libanon aus Singapur , China, Südafrika, Äthiopien, Mexiko auf weibliche, männliche, Transgender- Künstler, und sogar virtuelle Künstler wie das japanische Popidol Hatsune Mika. All das - zu bewundern noch bis am 7.Februar in Berlin.

Das Programm unter ctm-festival.de.

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