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Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

12. 12. 2015 - 10:37

Berliner Winter

Der Berliner Winter zeigt sich gerade von seiner angenehmen Seite, auch wegen der vielen erhebenden Momente auf tollen Konzerten, die man diesen Monat schon in Berlin sehen konnte.

Wir sprechen dabei nicht von Weihnachts-Konzerten, denn natürlich sorgt das Stadtmarketing dafür, dass auch in Berlin zur Vorweihnachtszeit der Nussknacker getanzt wird, dass die Dresdner Bläserweihnacht und der Harlem Gospelchor in die Stadt kommen. Fernab der klassischen und geistlichen Musik scheinen seit Ende November sämtliche Rock-, Indie-, Diskurs-, Pop-, Folk-, Metal-, Elektro- und Punk-Bands aus dem In- und Ausland in Berlin Station zu machen.

Aber auch wer Musik liebt und in der Berliner Konzertvielfalt lebt, ist doch, hat er ein gewisses Alter erreicht, dazu geneigt, zu denken es gäbe nichts wirklich Neues mehr in der Popmusik. Die Songs, die Moden und Inhalte, die Jugendkulturen - alles wiederhole sich nur noch.

Isolation Berlin sind bald hierzulande zu sehen, nämlich beim FM4 Geburtstagsfest, 23. Jänner in der Wiener Ottakringerbrauerei!

Und dann gibt es völlig unerwartet diese kostbaren Momente, in denen man trotz allem wieder wahre Begeisterung und etwas ganz Neues erleben kann. So geschah es, als der neue Berliner Geheimtipp, die junge Band „Isolation Berlin“ spielte. Sie haben den Song und die Akkorde nicht neu erfunden, aber wer noch unter 30 ist und schon so wunderschöne Vergeblichkeitssongs wie "Alles Grau“ schreibt und so verzweifelt singt: "Ich hab endlich keine Träume mehr. Ich hab endlich keine Freunde mehr. Ich hab keine Illusionen mehr. Ich hab keine Angst vorm Sterben mehr“, der rührt doch vor allem zur Weihnachtszeit das Herz der abgebrühtesten DesillusionistInnen und lässt wieder Hoffnung auf den Nachwuchs keimen.

Isolation Berlin

Noel Richter

Isolation Berlin

Überhaupt nicht besinnlich und melancholisch ging es hingegen bei Schnipo Schranke im „Bi Nuu“ einem ehemaligen Wartesaal der Hochbahn am Schlesischen Tor zu. Die Hamburger Band begeistert durch ihre herzerfrischend jugendliche Lust am Versauten. Die beiden junge Musikerinnen und ihr männlicher Neuzugang wechselten bei jedem Stück die Instrumente Keyboard und Schlagzeug und die beiden Schnipos skandierten zu schönsten, unerwartbarsten Melodien ihre recht expliziten Lyrics aus dem Wortfeld „Untenrum“, so dass es eine Freude war.

Schnipo Schranke

David Wagner

Schnipo Schranke

Und so ging es wochenlang weiter, an manchen Abenden musste man sich gar zwischen guten Freunden entscheiden: Andreas Spechtl spielte erstmals Stücke von seinem Soloalbum „Sleep“ im Kreuzberger „Südblock“ während Chris Imler solo im „Antje Öklesund“ zu Gange war. Begleitet wurde Andreas Spechtl an Saxophon und Bass von Rabea Erradi, ihrerseits wiederum Bassistin der Hamburger Band Die Heiterkeit, die genau zwei Tage zuvor im Kreuzberger „Monarch“ ein sehr schönes Konzert gegeben hatten.

Am letzten Mittwoch war dann das „Berlin- Songs“-Konzert, das Familientreffen der Berliner Anti-Folk-Szene im Verkaufsraum einer ehemaligen Schokoladenmanufaktur in Mitte, dem Schokoladen, angekündigt.

Berlin gilt ja allgemein als Technohauptstadt und ist für seine Clubvielfalt und DJ-Culture beliebt. Dabei übersieht man, dass es in Berlin auch eine riesige Anti-Folk-Szene gibt, die mit den Jahren immer größer wird. Man sieht sie im Sommer in hippiesken Kleingruppen mit Gitarre am Kanal sitzen, sie kommen aus Deutschland, den Vereinigten Staaten oder dem europäischen Ausland nach Berlin und bleiben dann hier hängen. Die Songs dieser gar nicht so kleinen Szene werden schon seit einigen Jahren von zwei Anti-Folk- Fans regelmäßig zusammengetragen und auf einer CD veröffentlicht, die selbstverständlich nicht im Handel erhältlich ist.

Berlin Songs, die CD

Berlin Songs

„Berlin Songs“ heißt ihre Reihe, und am Mittwoch feierte man nun die Plattentaufe der vierten CD. Auf der sind bekannte Anti-Folker wie Sorry Gilberto und Lonski &Claasen, aber auch Masha Qrella, Susie Asado, Chuckamuck und die Retro-Neue-Deutsche-Welle-Band Erfolg vertreten.

Erfolg

David Wagner

Und siehe, auch beim Anti-Folk-Konzert im Schokoladen gibt es immer wieder Überraschungen. Statt immer weiterer netter Songs zur Holzgitarre mit niedlichen Instrumenten in bewusst zelebrierter kindlicher Naivität gab es eine echte Neuentdeckung. Sie heißt Martha Rose, kommt aus London und bezauberte ihre Zuhörer mit ihrer glockenhellen Stimme und entrückten Melodien zum Casio-Keyboard.

Martha Rose

David Wagner

Danach stand man draußen in der milden Winternacht, erzählte von und befragte sich über andere Konzerte und erkundigte sich schon mal, was denn über die Feiertage so geboten werde. Und da war es dann, dieses seltene Gefühl der Wertschätzung der eigenen Stadt, der anheimelnde Gedanke: So schlimm ist Berlin im Winter gar nicht.

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