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Robert Glashüttner

Videospielkultur, digital geprägte Lebenswelten.

11. 12. 2015 - 15:37

"Indian Rape Culture Simulator"

Ein junger österreichischer Medienkünstler erforscht die gesellschaftlichen Abgründe von Indien, dem Heimatland seiner Eltern. Er nimmt uns mit auf eine beklemmende Busfahrt.

Vor ziemlich genau drei Jahren hat sich in der indischen Stadt Delhi eine furchtbare Gruppenvergewaltigung ereignet. Sechs Männer haben eine junge Frau während einer Busfahrt brutal vergewaltigt und gefoltert. Dieses Verbrechen hat in der indischen Bevölkerung viele Proteste und Demonstrationen nach sich gezogen.

Die gesellschaftlichen Ursachen, die solchen Taten zu Grunde liegen, verändern sich allerdings nur langsam. Eine Hauptursache ist die hohe Diskrepanz zwischen persönlicher Lebensvision und der oft ernüchternden Lebensrealität vieler Menschen. In Indien steht die bürgerliche Utopie - Stichwort Bollywood-Filme - noch immer in starkem Kontrast zur sozialen Realität vieler Bürgerinnen und Bürger. Ein in Wien lebender Medienkünstler mit indischen Wurzeln, Bobby Rajesh Malhotra, hat dazu ein provokantes interaktives Medienprojekt gestaltet: "Bhenchod - Indian Rape Culture Simulator".

Ausschnitt aus "Bhenchod - Indian Rape Culture Simulator": Männer starren einen an.

Bobby Rajesh Malhotra

"Bhenchod" ist ein übles Schimpfwort und heißt so etwas wie "Schwesternficker". Nachdem die Gruppenvergewaltigung Ende 2012 medial verhandelt wurde, hat sich der heute 35-jährige Bobby, Student an der Wiener Angewandten, wieder daran erinnert, wie er als Kind mit seiner Mutter bei einem Besuch in Indien in eine brenzlige Lage gekommen ist. Männer haben die Frau und ihr Kind mantraartig als "Bhenchod" beschimpft und sie sind Handgreiflichkeiten nur knapp entkommen. Seither hat sich der geborene Tiroler ausführlich mit der ursprünglichen Heimat seiner Eltern und damit vor allem mit den vielen gesellschaftspolitischen Widersprüchen von Indien auseinandergesetzt.

Bobby Rajesh Malhotra

Bobby Rajesh Malhotra

Der "Rape Culture Simulator" soll den oft fließenden Übergang zwischen aggressivem Anstarren bzw. Beschimpfen und tätlichen Übergriffen spürbar machen. Man setzt sich wahlweise eine Virtual-Reality-Brille auf (Oculus Rift) oder bedient das Werk mit einer Maus. Das Geschehen wird aus der Egoperspektive gezeigt, man kann selbst nicht mehr tun als sich umsehen - und muss ausharren. Bobby Rajesh Malhotra hat jene Busstrecke, auf der die damals 23-jährige Inderin Jyoti Singh Pandey unterwegs war, nachgestellt. Der Bus fährt seine Strecke. Man sieht nur Sitzbänke, Straße, die vorbeiziehende Landschaft - und aggressive, durchdringende Blicke von angsteinflößenden Männern um einen herum.

Eine Frau hat eine VR-Brille auf und erlebt das Projekt "Rape Culture Simulator".

Bobby Rajesh Malhotra

Das Medienkunstprojekt ist (unter anderem wegen der verwendeten 3-D-Technologie) visuell plakativ ausgefallen und soll allgemein provokant wirken, meint Malhotra im FM4-Interview. Einige Frauen hätten ihm bestätigt, dass er das beklemmende Gefühl so einer Situation gut eingefangen habe. In Österreich lebende Inder wiederum hätten Malhotra vorgeworfen, er würde die Ehre Indiens in den Dreck ziehen.

Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt in dieser Arbeit, als die Busfahrt an sich. Malhotra bezieht sich auf die bereits angesprochene Diskrepanz zwischen der "heilen Welt" in Indien, wie sie in (großen) Bollywood-Filmen gezeigt wird und den unterdrückten sozialen, beruflichen und erotischen Wünschen vieler Bürgerinnen und Bürger. Das Werk stellt diese beiden Pole in kleinen vorbeiflirrenden Videoclips an den Straßenrändern gegenüber. Sie ziehen im fahrenden Bus an uns vorbei: links künstliche Bollywood-Glückseligkeit, rechts Ausschnitte aus Pornofilmen - übrigens seien das alles Pornoclips, die tatsächlich an diesen Orten in Indien abgerufen worden wurden. Die indischen Behörden sind bekannt dafür, eine sehr restriktive Sexualmoral durchzusetzen, die sich mit den Sehnsüchten der Menschen spießt. In der Mitte der Clips steht dann das schockierende Ergebnis dieser Widersprüche kurz bevor: Perversion und Animalität.

Selbst probieren

"Bhenchod - Indian Rape Culture Simulator" kann noch heute (Freitag, 11. Dezember) und morgen (Samstag, 12. Dezember) von 16 bis 20 Uhr in einem kleinen Atelier in der Operngasse 36 in Wien bei freiem Eintritt angesehen und probiert werden. Weitere Möglichkeiten, sich das Projekt anzusehen, wird es im kommenden Februar geben. Möglicherweise wird das Werk auch beim Marktstart von Oculus Rift größer gefeatured und vom Künstler erweitert. Neuigkeiten dazu werden laufend auf dem Blog von Bobby Rajesh Malhotra veröffentlicht.

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  • sauvage | vor 675 Tagen, 14 Stunden, 43 Minuten

    Eine Anmerkung zu folgendem Satz: "Sechs Männer haben eine junge Frau während einer Busfahrt brutal vergewaltigt und gefoltert."

    Kann man jemanden unbrutal vergewaltigen und foltern?

    Auf dieses Posting antworten
    • robertglashuettner | vor 675 Tagen, 10 Stunden, 32 Minuten

      Nein, aber es gibt leider immer Steigerungsstufen - siehe Wikipedia-Artikel.

    • sauvage | vor 675 Tagen, 1 Stunde, 6 Minuten

      Da gebe ich dir vollkommen recht. Ich hab genau darüber gestern noch eine Weile nachgedacht, dass es immer noch Steigerungsstufen gibt... Und dennoch gibt es jedes Mal einen kurzen Moment, wo ich stutze, wann immer ich irgendwo "brutale Vergewaltigung" lese. Ich weiß auch nicht, was die sprachliche Lösung wäre, "besonders brutale Vergewaltigung" vielleicht? Just my two cents.