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Lukas Lottersberger

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Politik, Alltägliches und andere Kuriositäten.

7. 11. 2015 - 20:30

Die neue "Hormonangst"

Der "Verhütungsreport 2015" zeigt, dass Kondom und Pille weiterhin die beliebtesten Verhütungsmittel in Österreich sind. Gleichzeitig verwenden immer weniger Frauen hormonelle Verhütungsmittel.

Es überrascht: 28 Prozent der Befragten des Verhütungsreports 2015 verhüten überhaupt nicht. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Als häufigster Grund wird kein oder seltener Sex angegeben. Als zweithäufigster Grund wird die Skepsis gegenüber hormonellen Methoden angegeben. Auch bei Frauen, die verhüten, gibt es diesen Trend. Der Leiter des Ambulatoriums für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung Gynmed, Christian Fiala, steht dem kritisch gegenüber.

Christian Fiala

Gynmed

Christian Fiala

"Fünfzig Jahre nach Einführung der Pille sehen wir nun dieses neue Phänomen, dass Frauen ohne Hormone verhüten möchten. Wenn man dem dann nachgeht, ist das meistens so eine diffuse Angst, dass Hormone ja nicht gut für die Gesundheit sein könnten", so der Gynäkologe im Gespräch mit FM4. Er sieht in dieser Meinung bzw. Sorge mancher Frauen aber eine absolute Fehleinschätzung.

Die Angst vor der "Sprache des Körpers"

"Hormone sind die Sprache des Körpers. Mit Hormonen kommunizieren die Organe, so wie wir Worte zu Kommunikation verwenden", so Fiala.

"Wenn man aus Überzeugung nicht die Sprache des Körpers verwenden möchte, ist das, als würde man am Abend nach Hause kommen und der Partnerin oder dem Partner sagen: 'Ich möchte jetzt nur non-verbal kommunizieren, weil ich so einen anstrengenden Tag hatte'. Das macht die Kommunikation mit der Partnerin oder dem Partner nicht einfacher und führt schließlich zu Missverständnissen."

Missverständnisse und die "undifferenzierte Hormonangst" führten nämlich letztlich zu vermehrten Schwangerschaftsabbrüchen und nicht zu Lösungen. Er ergänzt seinen Vergleich mit der sprachlichen Kommunikation: "Wenn wir mit jemandem sprechen und das, was wir sagen wollen, kommt nicht an, versuchen wir das neu zu formulieren. Lauter oder leiser zu reden", so der Gynäkologe.

Auf die Verhütung bezogen bedeute das, die richtige Dosierung zu finden, "aber nicht, generell auf Hormone zu verzichten, wenn es darum geht, effektiv zu verhüten", meint Fiala.

"Trend wird anhalten"

Österreich ist das einzige Land in Westeuropa, das weder Verhütungsmittel noch Abbrüche von Schwangerschaften "auf Krankenschein" anbietet.

Laut dem Verhütungsreport 2015 könnten jedoch durch diese Maßnahme pro Jahr 10.000 Abbrüche verhindert werden, weil viele auf sicherere Verhütungsmittel zurückgreifen würden.

In Beratungszentren wie dem Frauengesundheitszentrum Graz spürt man ebenfalls, dass immer mehr Frauen sich über nicht-hormonelle Verhütungsmethoden informieren, sagt Cornelia Zelzer im FM4-Interview. Sie ist Verhütungsberaterin im Frauengesundheitszentrum. Die Motive seien unterschiedlich, sagt sie. "Es scheint jedoch, dass das Gesundheitsbewusstsein höher geworden ist und dass sich Frauen viel mehr mit sich selbst und ihrem Körper auseinandersetzen."

Cornelia Zelzer glaubt, dass der Trend anhalten wird und sieht, dass sich viele Frauen mehr hormonfreie Alternativen wünschen. Doch: "Leider sind diese begrenzt gegeben, häufig weniger wirksam oder schwerer in der Handhabung."

Oft spielt auch der Preis bei der Wahl des Verhütungsmittels eine Rolle. Eine (hormonfreie) Spirale kostet mehrere hundert Euro und nicht jede Frau kann sich das leisten - zumal in Österreich keinerlei Kosten für Verhütungsmittel von Krankenkassen übernommen werden.

Verteilung bei Verhütungsmitteln

APA/Gynmed

Wie entscheiden?

Das Frauengesundheitszentrum bietet eine Linksammlung mit Infos zu sämtlichen Verhütungsmethoden.

Der Beraterin fällt auf, dass viele ÄrztInnen ihre Patientinnen nicht über Gefahren und Nebenwirkungen, wie zum Beispiel erhöhtes Thromboserisiko aufklären. "Die Frau sollte das deshalb unbedingt ansprechen, wenn sie wissen will, ob sie ein erhöhtes Risiko hat", so Cornelia Zelzer.

Der Wunsch nach mehr hormonfreien Alternativen bleibt wohl für unabsehbare Zeit ein frommer. Bis dahin müssen wir uns mit den bestehenden Optionen begnügen. Dennoch betont Zelzer: "Jede Frau ist anders und manche Frauen vertragen hormonelle Methoden besser als andere." Die Wahl des Verhütungsmittels hängt zudem auch von Faktoren wie Lebensplanung bzw. -situation, aber auch von der körperlichen Verfassung ab.

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  • myko | vor 595 Tagen, 5 Stunden, 43 Minuten

    An der Hormonangst ist nichts dran? Komisch, warum weisen dann mittlerweile selbst Krankenkassen auf vielfältige Risiken wie Thrombosegefahr bei der Pille hin?
    Eine mehr als sehenswerte Doku "Todkrank durch die Pille?" vom 9.11. auf ARD: tinyurl.com/oj86j3a

    Unverständlich ist mir, warum bei der Befragung offensichtlich die Natürliche Familienplanung (auch: symptothermale Methode) , also eine Kombination aus Temperatur-, Schleim-, und Muttermundbeobachtung nicht abgefragt wurde. Diese ist - sorgfältig angewandt - genau so sicher wie die Verwendung der Pille (Pearlindex 0,4).
    Ev. ist in der Umfrage damit "Selbstbeobachtung" gemeint. Warum diese "wenig wirksam" sein soll, erschließt sich mir nicht.
    Empfinde den Report als ziemlich tendeziös und wundere mich ehrlich, warum das so wenig Reaktion hervorruft.

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  • hejdi | vor 596 Tagen, 14 Stunden, 20 Minuten

    Ich weiß ja net - künstlich zugeführte Hormone würd ich jetzt nicht mit einer normalen Diskussion zwischen zwei Partnern vergleichen, sondern eher mit irgendwem, der dazwischen steht und herumschreit.

    Es mag ja nicht für alle so sein, aber mir ist auf die Pille bei jedem Umstieg auf ein neues Präparat, den sich irgendein Gynäkologe eingebildet hat, monatelang schlecht gewesen. "Das ist normal. Das vergeht." Ja. Danke vielmals. Ich versteh's als ein Zeichen meines Körpers, dass er das nicht mehr will. Und deswegen hab ich die Pille nach langen Jahren für immer abgesetzt.

    Es gibt auch Kondome. Sie sind nicht ganz so praktisch und bequem, aber man kann sie immer dabei haben, auch wenn man gerade nicht in einer Beziehung ist. Und sie schützen nicht nur vor Schwangerschaft, sondern auch vor Geschlechtskrankheiten...

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