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Roland Gratzer

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25. 10. 2015 - 14:27

Repariert, was euch kaputt macht

Am Elevate reparieren ein paar Leute in einem Sitzkreis die Demokratie und es war lässig.

Elevate Festival

Das Grazer Festival für Musik, Kunst und politischen Diskurs findet von 22. bis 26.10. in Graz statt.

Mehr zum Diskursprogramm beim Elevate Festival hier von Maria Motter, das sind die fünf Nominees für den Elevate Artivism Award 2015

Das vollständige Lineup des Elevate 2015 steht hier.

Für Demokratie gibt es einfach die besten Ausreden. Das Wetter ist schön, es war ja so kalt und überhaupt ist alles oarg. Da haben es auch Basisinitiativen nicht leicht. Doch am Elevate gibt ein professionell geregeltes Management diesen Initiativen Raum, Zeit und ein heterogenes Publikum.

Ein klassischer, Grazer Samstag im Herbst. Gastgärten sind offen, ein Food Market am Messegelände geistert durch die Gespräche und in verschiedenen Räumen in der Altstadt reden Leute am Elevate-Festival über Utopien, aternative Entwürfe, die Politik der Kunst und dann ist Party.

Elevate Festival

CC BY-NC-ND 2.0, flickr.com, User: Elevate Festival

Der Titel dieses Erlebnisaufsatzes ist vom Kollegen Grenzfurthner. Gibt es auch als T-Shirt.

Das Graz Museum (die hatten diese super Sacher-Masoch-Ausstellung und die irgendwie komische über die RAF) liegt gleich neben dem Eingang zum Dom im Berg, der Underground-Kathedrale der Stadt.

In einem hinteren Seminarraum mit Würde sitzen nicht ganz zehn Menschen im Kreis und wollen die Demokratie reparieren. Eine kroatische Journalistin zum Beispiel, die für eine neue, kleine Partei in Zagreb arbeitet. Ein anderer, der seine "natürliche Person" aufgegeben hat, keine staatlichen Rechte und/oder Pflichten besitzt. Sigi, der 82 Jahre alt ist, aber maximal wie 62 ausschaut, und ein Wahlsystem entwickelt hat, dass alle glücklich machen soll, eine Kindergärtnerin, Hochwasserschutz-Expertin, verschiedene NGO-Vertreter und ein paar, die nur kurz vorbeigeschaut haben.

Impulsreferat-Speeddating und Sigis System

Die Basisdemokratie hat es nicht leicht. Sie wird von oben massiv erschwert und neigt dazu, sich selbst aufzufressen. Beim Demokratie Repair Cafe heißt es hingegen: Moment, ruhig bleiben, schauen wir uns das mal an. Hat wer eine Idee?

Gruppendynamisch perfekt gemacht (Impulsreferat-Speeddating, ausschließlich mit Fragen diskutieren, null Zwang) setzen sich manche Inhalte natürlich mehr durch als andere, aber alle haben Platz. Sigis Wahlsystem wird gleich für Abstimmungen im Workshop verwendet und am Ende haben alle das Gefühl, das war ein guter Nachmittag und gelernt hat man auch noch was.

Elevate Festival

CC BY-NC-ND 2.0, flickr.com, User: Elevate Festival

Sigi sagt, dass sich die westliche Demokratie zu einer reinen "Ja-Nein-Wurscht"-Entscheidung abgestumpft hat. Dinge werden willkürlich kombiniert und das Volk wird damit abgespeist. Er sagt, es ist schade um die vielen Alternativen und was haben wir von einer relativen Mehrheit, die ja schon das wenig überzeugende Wort "relativ" beinhaltet? Bei dem von ihm und einem Kollegen entwickelten Prinzip, geht es darum, dass alle mitreden und dann am Ende mit der Entscheidung zufrieden sind.

Beispiel:

Du hast Freunde zu Besuch und alle haben Hunger. Ihr wollt was bestellen. Aber was? Meistens dauert diese Diskussion ewig und am Ende sind einige angefressen, auch wenn sie es nicht zugeben. Das SK-Prinzip schlägt jetzt folgendes vor:

Alle machen einen Vorschlag. Dann wird abgestimmt. Aber nicht: Ja zu indisch oder nein zu Tunfisch, sondern in seinen Schattierungen messbar. Jeder hat zehn Widerstands-Punkte. Wenn dich etwas total anekelt, gibst du zehn Punkte. Wenn es eh okay ist vielleicht 2, wenn es dir egal ist, was auch immer. Danach hast du ein Ranking, wo die Option ganz oben steht, die für die meisten gut, okay oder wurscht ist. Vielleicht hat sich durch die Diskussion ein Newcomer nach oben katapultiert, mit dem am Anfang niemand gerechnet hätte.

Aber ist so ein Konsens nicht auch einer dieser viel verachteten faulen Kompromisse? Sigi sagt: Wie kann ein Konsens schlecht sein? Dieses Fragespiel ist echt tricky.

Ohne Zwang und Definitionsmachtgeplänkel

Der Mann ohne Recht und Pflicht wirkt ein wenig so, als wäre er das, was sie in den USA libertär oder Anarcho-Kapitalist nennen. Er hat sich seinen Abschied vom System juristisch erkämpft und will nichts vom Staat. Er hat gute Argumente und eine Stiftung in der Schweiz. Aber niemand spricht politwissenschaftliche Ordnungsbegriffe an. Gute Entscheidung, denn es verhindert, dass das Gespräch zu einem Quizduell um Definitonsmacht und tagespolitisches Hintergrundwissen wird. Natürlich wird Spielfeld diskutiert. In Graz ist das so nah und gleichzeitig so fern. Aber die Wörter Putin, der Amerikaner, Ängste und Sorgen, Islam, 911, Bilderberger fallen kein einziges Mal. Runterkommen, analysieren, Fehler finden, Alternativen vorstellen, abgleichen, kombinieren, besser machen, mit Betonung auf machen. Aber auch auf besser.

Elevate Festival

CC BY-NC-ND 2.0, flickr.com, User: Elevate Festival

Ein passender Link für weitere Infos zum Demokratie Repair Cafe wird nachgereicht. Ich find grad nix.

Nach drei Stunden sind keineswegs alle einer Meinung. Aber alle haben ein Demokratie-Erlebnis, das sich lässig anfühlt. Auf anderen Medienplattformen würde das vielleicht "sinnlich" heißen. Nicht ganz so lässig war die "Guerilla-Marketing-Kampagnen"-Aktion am Ende, bei der sich Teilnehmer aus allen Elevate-Workshops mit selbst bemalten Erkenntnis-Schildern am Hauptplatz trafen und ausgerechnet die aus dem Demokratie Repair Cafe aus logistischen Gründen bereits vorgefertigte Taferl geliefert wurden. "Es braucht einen schwachen Mann" ist trotzdem ein super Spruch. Aber auch hier herrschte die zuvor drei Stunden praktizierte Zwanglosigkeit.

Der Sigi macht so etwas nämlich nicht. Aber das war für alle okay.

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  • grenz | vor 696 Tagen, 20 Stunden, 45 Minuten

    elevate. spricht sich "elend-fate" aus.

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