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Florian Wörgötter

Phonographien. In Wort und Bild.

2. 8. 2015 - 12:41

Und am Ende war der Bass

Das Rise & Shine ist ein Festival, wie Gott es vorgesehen hatte: Fromme Lämmer, große Altäre, gesundes Mahl. Und der Bass brummte, dass selbst Luzifer aus dem Bett gefallen wäre.

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Das fiktive Örtchen Braunschlag hatte seine Marienerscheinung, in Falkenstein gab sich am Wochenende ein anderer Heiliger zu erkennen: Haile Selassie I., der wiedergekehrte Messias der Rastafari und neben Gottheit Jah die meist besungene Figur im Reggae. Sein Konterfei prangte im Rotlicht an der Wand des Steinbruchs, als hätte David Schalko es selbst dort hin gehängt. Bereits zum fünften Mal pilgern Freunde des dubbigen Roots-Reggaes in den kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze und mit ihnen große Vertreter der Genres: UK-Dub-Legende Mad Professor, Channel One aus London oder Blackboard Jungle aus Frankreich schicken ihren Dub über selbstgebaute Boxentürme aus dem Steinbruch in Niederösterreichs Weinberge.

Rise & Shine Festival

Florian Wörgötter

Verglichen mit den Big Playern der österreichischen Festivallandschaft gleicht das Rise & Shine einer Bummeltour durch den Tante Emma Laden. Große Sponsoren wie Versicherungen, Banken, Alkohol-Produzenten werden bewusst gemieden, daher findet man Branding allenfalls, wenn es um Jah, Selassie I. oder Bob Marley geht. Hier wird alles selbst gemacht: vom frisch gebackenen Frühstücksbrot, den aus Holz gebauten Hütten, den Hanfseilen, die sie zusammenhalten, bis zu den Beleuchtungen, die Paletten in edle Skulpturen verwandeln. Und vor allem: die PA-Anlagen, die auf dem Prinzip der jamaikanischen Soundsystem-Kultur basieren.

"No Competition. Cooperation!"

Seitdem jamaikanische Emigranten in den Siebzigern den Dub und seine Soundsystem-Kultur nach England exportierten, haben sich in Europa kleine, feine Szenen etabliert, die ihre eigenen Boxen zu Türmen verbauen und mit eigenen oder fremden Tunes beschallen. "Auf Jamaika spielten Reggae-Soundsystems die Rolle der Zeitungen oder des Radios und über die Musik wurde kommuniziert", sagt Niko Bogianzidis vom heimischen Soundsystem Shalamanda HiFi, das im Kollektiv das Festival organisiert.

Soundsysteme beim Rise & Shine

Florian Wörgötter

Hier in Falkenstein wird aber nicht wie im Dancehall üblich zum Battle, dem Soundclash, gepfiffen. "Roots-Soundsysteme wie wir kooperieren anstatt sich zu batteln." Homophobe Tiraden, mit denen im katholisch-kolonialisierten Jamaika beim Publikum zu gern nach Zustimmung geeifert wird, bleiben einem also erspart.

Die Botschaft des Festivals ist klar: Wir sind alle eins. Wir schauen auf uns und die Umwelt. Wir ballern uns nicht die Rübe weg, sondern essen Vegetarisches aus der Region im "Rastaraunt". Klingt verdächtig nach Hippie-Kitsch, doch das Rise & Shine macht diese Ideale kurzzeitig zur authentisch gelebten Grundhaltung. Tatsächlich sind alle Besucher grundfreundlich, der Mist wandert zur Mülltrennung und Eskapaden bleiben aus. "Wir haben im letzten Jahr an drei Tagen zwei einhalb Flaschen Vodka verkauft. Das sauft eine Feuerwehrgruppe an einem Wochenende", sagt Niko. Die Vibes sind wohl auch positiv, weil zwischen Publikum und Festival eine Vertrauensbasis geschaffen ist: Kaum Absperrungen, unauffälliges Sicherheitspersonal, auch Getränke dürfen importiert werden. Hier essen die Headliner auf den selben Bierbänken wie das Publikum. Und dass ein Festival wie das Rise & Shine bestehen kann, verdankt es letztendlich einer treuen Gefolgschaft, die auch ehrenamtlich zupackt.

Menschen beim Rise & Shine

Florian Wörgötter

Roots, Yard, Culture

Neben der Musik setzt das Cultural Line-Up den Bildungsauftrag auf die Tagesordnung und ein großes Zeichen für die Traditionspflege im Reggae. Workshops lehren, wie man Dub oder Deos mixt. Man geht gemeinsam auf Kräuterwanderung oder lauscht den anekdotenhaften Vorlesungen von Universitätsprofessor Werner Zips. Heute erklärt der britische Dichter Moqapi Selassie am Strohboden der Kuppel, wie Dub Poetry funktioniert. Der charismatische Rasta mit Brille und Turban spricht zum Publikum wie ein Lehrer zu seinen Schülern und rezitiert rhythmisch Verse und Chorus, Zungenbrecher und zwingt das Publikum zum Schreien. Erste Weisheit: Dub Poetry ist immer auch sozialer Kommentar und reflektiert, was in einer Gesellschaft falsch läuft. Zweite Weisheit: Wer viele Frauen hat und viel Geld besitzt, erzählt davon, wann immer es geht. Wer von beidem zu wenig hat, erzählt davon noch mehr. Dritte Weisheit: Dub Poetry liegt im Riddim, der Riddim liegt in der Poetry. "True" heißt es zustimmend aus dem Publikum. Ein ehrwürdiges "Selassie I." folgt auf jedes "Jah Rastafari", das seine Strophen beendet wie das Amen im Gebet. Wichtigste Botschaft: "You have to be loud to get heard!" Eine Ansage, die später noch Gold wert sein wird, wenn die Sonne untergeht und die Basswolken aufziehen.

Workshop beim Rise & Shine Festival

Florian Wörgötter

I heard it through the Baseline

Im Kessel des Steinbruchs steht keine Bühne, sondern eine Arena von Soundsystemen. Sieben handgefertigte Boxentürme umkreisen wie Kopfhörer das Zelt, in dem Mad Professor Spuren seiner Reggae-Tunes live mischt, die Sängerin Sista Aisha eindrucksvoll verziert. Das Blackboard Sound hingegen legt Vinyl und CDs auf, die vom Selecta mit Effekten bearbeitet werden. DJs und Operator kontrollieren die hohen und tiefen Wege der Boxen, erweitern mit Echos und Delays den Raum, während das Publikum barfuß im Sand auf den Bassrutschen abtänzelt. Dabei geht es nicht um den perfekt ausgemessenen, kristallklaren Sound einer Konzerthalle, es geht um den lautesten Basssound, der druckvoll ist, aber nicht schmerzt. Im Gegenteil.

Wer innerhalb der Arena tanzt, bekommt die geballte Ladung des Basses verpasst - und lernt seinen Körper aufs Neue kennen. Die Vibrationen dringen in jede Pore, als würden sie die Zellen elektrifizieren. Jeder Tropfen Blut wird durchgeschüttelt wie eine Bloody Mary. Wenn der Bass im Break verschwindet, wird es schlagartig kalt. Nach der Bassreflex-Massage hört man die Leute Sätze sagen wie: "Der Bass hat mich geheilt", "Alles wieder eingerenkt" oder "Jah, hilf mir, mein Bier möchte raus". Wer nach diesem Tag noch immer nicht weiß, ob er solche Dinge lieber Maria Mutter Gottes oder doch eher King Selassie I. anvertraut: Im Zweifelsfall, höre auf den Bass in dir. Er wird dir sagen, was zu tun ist. Ob Falkenstein nun Wallfahrtsort wird, muss erst geprüft werden.

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