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Marc Carnal

Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, hat die bessere Luft. Lach- und Sachgeschichten in Schönschrift.

7. 6. 2015 - 15:16

Ein Pick Up Artist packt aus

Der Taubentrick ist gar nicht so schlecht!

Vor einigen Tagen beschloss ich beim Durchschreiten eines populären Wiener Parks, ein halbstündiges Chillout in meinen Tagesablauf zu integrieren. Ich nahm eine Sitzgelegenheit in Beschlag und wandelte gedanklich Lust.

Bald setzte sich eine junge Frau neben mich und vertiefte sich sogleich in ihr internetfähiges Telefon. Nur wenige Augenblicke sollte sie ungestört bleiben, denn sogleich näherte sich ein glatzköpfiger, dezent untersetzter Herr rund um die statistische Lebensmitte und stellte ihr die Frage: "Weißt du, wo die nächste Post ist?". Die Angesprochene verneinte knapp. Das hielt den nur scheinbar Briefversandwilligen nicht davon ab, sie kurz am Oberarm zu berühren und die sommerlich gekleidete und offensichtlich nicht an ausführlicher Konversation interessierte junge Dame zu fragen, ob sie im Winter auch "so" herumlaufe und was ihre Mami dazu sage. Eine verstörende Anzüglichkeit, die von der Angesprochenen zurecht ignoriert wurde. Der Glatzenmann sagte nichts mehr und ging weiter.

Nur wenige Meter weiter blieb er in Hörweite bei einer anderen, ebenfalls mit einer jungen Dame bestückten Parkbank stehen und fragte auch diese Ansprechpartnerin, wo sich die nächste Post befinde. Ihre Reaktion war ebenso identisch wie seine Bonusfrage, ob sie denn im Winter auch so herumlaufe und was ihre Mami dazu sage. Bestimmt sagte er seinen Text auch bei der dritten Park-Userin auf, die allerdings zu weit entfernt war, um den einseitigen Talk hören zu können.

ORF

Privat genau so lustig

Nach kurzem Grübeln fiel es mir wie Schuppen vom Fisch: Der Herr hatte wohl gar keine Eilpost in seinem Rock. Vielmehr handelte es sich um einen sogenannten Pick Up Artist. Ja, einen echten Pick Up Artist, der diesen prächtigen Tag dafür nützen wollte, um seiner brotlosen Kunst nachzugehen und ansprechende Damen zu "knacken".

Dass es derlei Spackos überhaupt gibt, weiß ich seit rund vier Jahren. Zu sehr abendlicher Stunde kam ich in einer Spelunke mit einem Date Doktor ins Gespräch, der mich für die Teilnahme an seinem Flirt-Kursus gewinnen wollte. Neben seiner käuflichen Expertise warb der ausgesprochen kleine Herr mit seiner unangenehm hohen Stimme auch für das Pick Up-Forum, in dem sich annäherungswillige Mannsbilder darüber austauschen, welche Wege am besten zum Ziel führen, Frauen zu erobern.

Ich verlor mich damals für mehrere blaue Stunden in der verstörenden Welt der selbsternannten Eroberungskünstler und war slightly scared. In der Pick Up-Szene teilt man einhellig die Theorie, dass Frauen im Grunde "alle gleich" sind und in einem permanenten Game als recht durschaubar gestrickte Avatare mit zahlreichen Programmierfehlern durch die Landschaft wandeln, um der Eroberung durch einen MPUA oder gar PUG entgegen zu fiebern.

MPUA? PUG?

Die Aufriss-Leistungssportler haben einen ganzen Glossar an Fachausdrücken ertüftelt, unter deren Zuhilfenahme sie FRs (Field Reports) mit ihren Kollegen teilen und mit denen die PUGs (Pick Up Gurus) und MPUAs (Master Pick Up Artists) ihr schäbiges Wesen erst zur Gänze offenbaren.

Wer kein UG (Ugly Girl) beim Game abbekommen will, sondern ein Haserl mit LSE (Low Self Esteem), dafür aber mit HSD (High Sex Drive), am besten ein HB fünf bis neun (Hot Babe zwischen fünf und neun auf der internationalen Hot Babe-Skala), greift idealerweise auf die beliebte Methode DHV (Demonstrate High Value) zurück und setzt nach EC (Eye Contact) und der 3sR (3 seconds rule, ergo: Nicht lange nachdenken, sofort zutexten) auf einen geschickt gesetzten Neg hit. Darunter versteht man, Zitat pickup-tipps.de: "Das Vorgehen [...], den Status der Frau zu senken und gleichzeitig so den eigenen im Vergleich zu ihren zu steigern. Es ist auch ein IOD [Indicator of Desinterest, Anm,], also ein Signal des Desinteresses des Mannes an der Frau."

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Pick Up Artist

Wenn der nun kunstvoll "gesenkte Status" des Opfers bereits zu eindeutigen IOI (Indicators of Interest) führt und keine Konkurrenz durch einen AMOG (Alpha Male Other Guy) droht, heißt es einlochen und die LMR (Last Minute Resistance) überwinden, denn, Zitat: "Bevor es zum ersten Sex kommt, leisten Frauen oft im letzten Moment Widerstand. Dies Verhalten beruht wohl auf der Furcht als zu leicht rumzukriegen zu sein und so als Bitch angesehen zu werden oder auch nur benutzt zu werden. Dieses Phänomen ist kein Indicator Of Desinterest (IOD) und es gibt einige Pick Up Strategien, um geschickt mit solchen Situationen umzugehen."

Wenn der FC (Fuck Close) vollbracht ist, schnell weg und FTOW (Fuck Ten Other Women), denn "dieser Rat wird oft gegeben, wenn ein angehender PUA beginnt, sich zu sehr an eine Frau zu hängen. Es soll bewirken, dass der Betroffene die jeweilige Frau loslassen kann und so wieder unabhängig und selbstbewusst handeln kann."

Man möge mir diesen kurzen Exkurs in die Termini der Pick Up Artists vergeben, sie sollen nur einen vagen Einblick in die hohlen Schädel dieser Vollpfosten gewähren. Es gäbe noch wesentlich bestürzendere Passagen aus Foren, wesentlich derbere Handlungsanweisungen aus Seminaren und vor allem verabscheuenswürdigere Umsetzungsversuche der Interessenten.

Abgesehen von der Niederträchtigkeit ihres Strebens unterliegen Pick Up Artists auch dem Irrglauben, dass es erfolgsversprechend ist, einfach fremde oder gar wildfremde Frauen anzusprechen. Angesprochen wird man für gewöhnlich von Spendenkeilern, Touristen, Irren oder Obdachlosen, aber bitteschön nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Narren mit Beischlafinteresse, das wird nicht "funktionieren".

Um den Pick Up-Scharlatanen nicht noch mehr Verzweifelte in ihre Wichsfinger zu treiben, stelle ich hiermit meine langjährige Erfahrung in der gegengeschlechtlichen Liebe kostenlos (!) und unverbindlich (!) in Form exklusiver Aufrisstricks zur Verfügung:

Nett sein

Dieser Tipp mag etwas fad sein, aber meingottna: Nicht gschissn zu sein hat noch in keiner Lebenslage geschadet.

ORF

Interessant.

Der Taubentrick

Ich weiß gar nicht, ob es ein ausgefeilter Move eines Aufriss-Artisten war, kann diesen Icebreaker aber mit reinem Gewissen weiterempfehlen:

*Was ist eigentlich das Gegenteil der oft bemühten "offenen Straße"? NUR MAL SO ALS FRAGE!

Eine Freundin wurde einmal von einem Herrn auf offener Straße* gebeten, ob sie kurz nachsehen könnte, ob ihm ein Vogel auf den Kopf geschissen hätte. Sie suchte seinen Schopf gewissenhaft nach Exkrementen ab. Ich weiß nicht, ob die Prüfung seines Haupts in ein hemmungsloses Stelldichein überging, finde aber, dass es kaum sympathischere Methoden gibt, mit jemanden in Kontakt zu treten.

"Verzeihen Sie die Belästigung, aber ich führe eine renomierte Modelagentur und bin derzeit ausnahmsweise auf der Suche nach Frauen, die partout keinem Schönheitsideal entsprechen wollen."

Ok, vielleicht doch nicht sooo gut.

Nichts tun

Vor einigen Monden wagte ich mit dem lieben Kollegen Hurej ein Experiment: Wir fragten uns, in welches Etablissement man in Wien wohl von Einheimischen geschickt wird, wenn man als Tourist Passanten nach "some fun" fragt, den man zu haben begehrt.

Im sechsten Hieb starteten wir uns fragen - an jeder zweiten Ecke vorwiegend junge Hupfer nach empfehlenswertem Nachtleben und schlugen dann jeweils die Richtung ein, die man uns diktierte, um ein paar Straßen weiter die nächsten dahergelaufenen Wiener mit englischer Zunge zu befragen.

Wir landeten schließlich, der überwiegenden Mehrheit der Tipps folgend, im Bermudadreieck, wo wir wiederum nach Fun fragten, um in die Kaktus Bar geschickt zu werden. Wir beschlossen, uns den Ratschlägen zu beugen, bestellten einen Drink in besagtem Amüsierlokal und fanden es sehr entsetzlich.

In sicherer Beobachterposition mussten wir mitansehen, wie ein Pulk schwitzender Muskelboys in unambitionierten Outfits ein Girl-Duo umschwärmte, und zwar auf eine Weise, die mit "aufdringlich" noch vorsichtig beschrieben ist. Die zu uns dringenden Wortfetzen verrieten bald, dass es sich bei den beiden Bezirzten um Französinnen handelte, die womöglich mit derselben List wie wir in die Kaktus Bar gelangt waren.

Ein genaues Gesprächsprotokoll lässt mein Langzeitgedächtnis nicht mehr zu, ich weiß allerdings noch, dass wir aufrichtig bestürzt über die Aufdringlichkeit der beschwipsten Herren waren und das Konzept "Aufriss in Bar" ernsthaft in Frage stellten. Bald kamen wir zu dem Schluss, dass die dankbarste Taktik, die Gunst der hübschen Französinnen zu gewinnen, wohl konsequente Passivität sein musste. Selten sah man Vermutungen so zielsicher eintreffen - nachdem es wirklich jeder der Komasäufer mit plumpen Strategien bei den beiden probiert hatte, landeten sie zwei Drinks später bei uns, weil sie einfach heilfroh darüber waren, dass zumindest irgendwer in der schlimmen Bar nicht aufdringlich war. Warum Kollege Hurej und ich überhaupt so lange dort blieben, vor allem aber, warum die Französinnen nicht schon längst geflüchtet waren, kann ich mir in der Retrospektive nicht erklären, fest steht aber, dass wir heute mit den beiden Girls verheiratet wären, wenn wir bloß nicht vergessen hätten, Nummern auszutauschen. Und das nur dank Befolgung der goldenen Regel namens "Nichts tun".

mc

Ganz schlecht beim Online-Flirt: Zu dumm sein, um ein Selfie anzufertigen

Angesprochen werden

Wer sagt denn, dass immer der Herr den ersten Schritt machen muss? Hier ein paar effiziente Taktiken, um als liebeshungriges Maunsbuid von geneigten Gitschn (Mädchen, kärntn., ugs.) angesprochen zu werden:

  • Als Superman gehen: Sollte eine Passantin an Superman glauben, wendet sie sich bestimmt an den vermeintlichen Helden, wenn sie gerade ein Problem hat.
  • Taube dressieren: Die Taube muss ihre Notdurft gezielt auf einem hübschen Damenkopf verrichten, damit die Kopfträgerin hernach den nächstbesten Herren bittet, einmal kurz nachzusehen, ob ihr eine Taube auf den Kopf geschissen hätte. Hierbei handelt es sich um das gegengeschlechtliche Äquivalent zum bereits beschriebenen Taubentrick.
  • Breakdancen: Davon lassen sich viele Bürgerinnen beeindrucken und fragen rasch nach einer Visitenkarte, um den schmucken Tänzer für die nächste Gartenmatinee zu engagieren. Man sollte den Breakdance allerdings sehr gut beherrschen.
  • Der geniale Kniff mit dem Stadtplan: In die rechte Hand einen Stadtplan nehmen, sich mit der linken Hand am Kopf kratzen und ratlos dreinschauen. Für Linkshänder: In die linke Hand einen Stadtplan nehmen, sich mit der rechten Hand am Kopf kratzen und ratlos dreinschauen. Es wird sich in Windereile eine Einheimische finden, die ihre Hilfe anbietet. Dann folgenden Text aufsagen: "Ich suche den Weg zu deinem Herzen." (Zwinkern!)
  • Pick Up Artistinnen auflauern: Kennt man das Jagdgebiet einer Pick Up Artistin, muss man nur an ihr vorbeigehen. Sie fragt einen dann, wo die nächste Post ist.

Somit habe ich meine Flirt-Expertise zur Gänze geteilt. Es bleibt mir nur noch, all den Freaks da draußen vor ihren Bildschirmen ein schönes Rest-Wochenende zu wünschen!

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  • konjunktiv2 | vor 746 Tagen, 10 Stunden, 26 Minuten

    *

    Das Gegenteil von offener Straße?

    Geschlossene Anstalt!!

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