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Veronika Weidinger

30. 4. 2015 - 19:40

Jane's Walk

Das internationale Festival des zu Fuß Gehens bewegt sich am Wochenende auch durch Wien.

Es war 2012 in Vancouver, Andreas Lindinger ist gerade für einen einjährigen Aufenthalt in Kanada angekommen, als er von Jane's Walk Vancouver hört. Eine der Routen führt durch seine neue Nachbarschaft, das West End, wo er für ein Jahr seine Zelte aufschlagen will. "Mich hat daran sehr begeistert, dass ich von AnrainerInnen Informationen über das Viertel bekommen habe, was die Themen vor Ort waren, wie leistbares Wohnen oder die Reduktion des Autoverkehrs."

Jane's Walks, das sind "lokal organisierte, kostenlose Spaziergänge, die von Bürgerinnen und Bürgern in ihren Grätzeln durchgeführt werden, wo´s darum geht, gemeinsam einen Stadtteil zu erkunden. Das besondere daran ist, dass das keine Vorträge, wie klassische Touristenführungen sind, sondern gleichberechtige Konversationen im Gehen."Andreas Lindinger, Koordinator von Jane's Walk Vienna.

Die Idee, ein Grätzel aus erster Hand kennen zu lernen - und zwar aus Sicht der BewohnerInnen - hat Andreas beeindruckt. 2014 hat er "Jane's Walk" nach Wien importiert. Am kommenden Wochenende, vom 1. bis zum 3. Mai, findet die zweite Ausgabe von Jane's Walk Vienna statt. Andreas, der als Experte für Nachhaltigkeit arbeitet, koordiniert die Spaziergänge in seiner Freizeit, betreut die Website, Facebook und Twitter.
Name und Konzept beziehen sich dabei auf Jane Jacobs, eine der relevantesten StadtforscherInnen des 20. Jahrhunderts.

Urban Queen

"The stretch of Hudson Street where I live is each day the scene of an intricate sidewalk ballet. I make my own first entrance into it a little after eight when I put out the garbage can, surely a prosaic occupation, but I enjoy my part, my little clang, as the droves of junior high school students walk by the center of the stage dropping candy wrappers."

Cover "The Death and Life og Great American Cities"

Pelican Books

In ihrem bahnbrechenden Buch Death and Live of Great American Cities beschreibt Jane Jacobs das Treiben am Gehsteig und in der Nachbarschaft romantisch als Ballett. Als Jacobs erstes Buch 1961 erscheint, ist die in Pennsylvania Geborene Mitte Vierzig und lebt bereits seit zwei Jahrzehnten in New York City. Die Metropole fasziniert sie, als Lebensraum für sich und ihre Familie. Die lebendige und heterogene Nachbarschaft in Greenwich Village ist für sie auch darüber hinaus der Idealfall von Leben in der Stadt. Und das drohte in den 50er und 60er Jahren zerstört zu werden; in einer Zeit, als sich gerade in den USA die Stadtplanung am Autoverkehr orientert. "When you operate in an overbuilt metropolis, you have to hack your way with a meat ax" war das Credo von Robert Moses, einer der wichtigsten Planer seiner Zeit. Moses wollte mit dem "Lower Manhattan Expressway" eine Stadtautobahn durch Manhatten bauen, in der Nähe der Hudson Street durchbrechen, dort, wo Jane Jacobs lebte.

Mehr zu Jane Jacobs:

- public domain -

Zwei Perspektiven auf die Stadt. Beide hatten keinen Führerschein, wohl die einzige Gemeinsamkeit von Robert Moses und Jane Jacobs, deren Auseinandersetzung als Kampf von David gegen Goliath galt. Und es geht auch hier gut aus.

Jane Jacobs kämpft gegen eine auf den Autoverkehr ausgerichtete Stadtplanung, die keine Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen nimmt, die über die Bevölkerung im Wortsinn drüberfährt, als Autorin und als Aktivistin. Bekanntermaßen setzt sich die BürgerInneninitiative, in der sie sich engagiert hat, durch.

Ende der 60er gehen die Jacobs nach Kanada, leben in Toronto. Auch dort wird Jane Jacobs bald aktiv, ihre Erfahrung und ihr Wissen werden geschätzt, bald wird sie prominente Sprecherin gegen ein Autobahnprojekt und schreibt weitere Bücher. In den 60ern von Kritikern als "dogmatischer Amateur" und "Troublemaker" diskreditiert, publiziert Jane Jacobs bis ins hohe Alter, die Urbanistin hält Vorträge und ist international anerkannt. Die "Urban Queen", wie Fans sie schon früh genannt haben, stirbt 2006. In Erinnerung an Jane Jacobs haben die ersten Walks in den USA und Kanada stattgefunden, inzwischen sind weltweit mehr als 100 Städte dabei, jeweils am ersten Maiwochenende, rund um den Geburtstag von Jacobs am 4. Mai.

Die Tour Wien unerwartet bezieht sich auf "Dérive", ein Konzept der Situationistischen Internationale, und auf die Theorien von Guy Debord. Selbst so durch die Stadt zu driften, darauf sind Philipp und Martin über dérive.at, die Zeitschrift für Stadtplanung, und ihre Forschungsreisen International gekommen.

What We See

Die eigene Beobachtung und Erfahrung waren für Jacobs immer Ausgangspunkt ihrer Thesen und Publikationen zu Urbanität: "I think that in many cases people don´t see, what´s in front of their eyes, because they´ve been told, what they should be seeing."

Ganz neue Eindrücke in der Stadt zu gewinnen, darum geht es auch Philipp Graf und Martin Frey. Die beiden Stadtforscher aus Leidenschaft lassen sich schon seit einigen Jahren immer wieder durch die Stadt treiben. Der Würfel entscheidet, mit welcher Linie es in welche Richtung geht. Am kommenden Samstag kann man sich ihnen ab 11 Uhr beim Wiener Hauptbahnhof anschließen, wo's hingeht, wird sich also erst weisen, erklärt Martin Graf: "Man schweift durch die Stadt, man weiß noch nicht, an welchen Ort man kommt, welch Orte man sehen wird. Der Sinn dahinter ist der, dass man so unvoreingenommen wie möglich, mit sowenig Erwartungshaltungen wie möglich an einen Platz kommt und dort eimal schaut und wahrnimmt, wie dieser Platz auf einen wirkt."

Durchgang

Jane's Walk Vienna

Die anderen Walks haben ihre Routen schon abgesteckt und führen zum Beispiel zu den Grünräumen in Wien Wieden, entlang der Ringstraße oder zeigen Vienna's Worst Architecture.

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  • makronaut | vor 872 Tagen, 13 Stunden, 14 Minuten

    das schlimme ist ja, dass die ja damals schon idiotische moses'sche bevorzugung des motorisierten individualverkehrs bei einigen stadtplaner_innen immer noch fröhliche urständ feiert.

    aber ein spannender typ war das. allein schon das (beabsichtigte?) desaster der zentralen busstation von new york oder die diskussion um "moses' bridges"...

    in dem kapitel "The Uses of Sidewalks: Safety", dem das obige "ballet"-zitat entnommen ist (und in dem es eher um security als safety geht) steht auch dieser schöne satz als beschreibung eines funktionierenden zustands:
    "In settlements that are smaller and simpler than big cities, controls on acceptable public behavior, if not on crime, seem to operate with greater or lesser success through a web of reputation, gossip, approval, disapproval and sanctions, all of which are powerful if people know each other and word travels."
    das würde mensch aus stadtsoziologischer sicht heutzutage wohl nicht mehr als unproblematisch/good practice hinstellen. oder anders formuliert:
    ein jane's-walk aus dieser perspektive würde vermutlich einen gewaltigen hundstage-touch aufweisen ;-).

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