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Musik, Film, Heiteres

Rainer Sigl

Spiel, Kultur, Pop im Assoziationsblaster.

24. 4. 2015 - 15:47

Amaze 2015: Poeten, Hippies, Gamedesigner

Zum vierten Mal versammelt die Amaze Berlin Indie-Games-Größen und Freunde zum intensiven Gedankenaustausch.

"Gamedesigner sind die Poeten des 21. Jahrhunderts." Mit diesem programmatischen Satz brachte Thorsten Wiedemann, Organisator und Erfinder der Amaze Berlin die Philosophie des viertägigen "International Independent Videogames Festivals" auf den Punkt.

Zum vierten Mal folgte eine internationale Crowd dem Ruf nach Berlin, und diesmal scheint mit der Verlegung von Exhbition, Talk- und Party-Location auf das Gelände von Urban Spree und Neue Heimat am Ufer der Spree in Friedrichshain die perfekte Mischung gefunden: So lebendig, subversiv und auch etwas räudig wie die Umgebung ist auch das Festival geblieben, das diesmal noch mehr Publikum anzog als je zuvor. Etwa tausend Spielefreunde versammelten sich schon zur Eröffnung am Mittwoch.

Auf der zeitgleich stattfindenden International Games Week Berlin geht es ums Games-Business, doch die Amaze lässt - trotz aller kommerziellen Erfolge der Indie-Games in den letzten Jahren - die Kommerzialisierung links liegen, zumindest meistens. Stattdessen im Fokus: Spiele als Mittel des persönlichen Ausdrucks, als Kunst, als soziales Experiment oder auch als Therapie. Dieser Ansatz zeigt sich nicht nur in der Ausstellung, in der Dutzende Spiele vom Publikum ausprobiert werden können, sondern auch in den Nominierten für die Awards: Aus 28 Ländern wurden 20 Spiele in den Bewerb aufgenommen, von bekannten Indie-Größen wie "Kentucky Route Zero" bis hin zu obskuren Experimenten.

Spielemachen als Katharsis

Neben der Austellung und dem heuer wieder erweiterten abendlichen Partyprogramm ist die Konferenz, auf der Gamedesigner und Künstler von ihren Zugängen zum Medium berichten, das Herzstück der Veranstaltung. Nina Freemans eröffnender Vortrag widmete sich einem Thema, das vor Kurzem auch bei FM4 Extraleben im Zentrum stand: Spielen als Ausdruck persönlicher Erfahrung und als Weg, sich mitzuteilen. Die "autobiographical vignette games" der Amerikanerin wie "How do you do it" oder "Freshman Year" beschäftigen sich mit alltäglichen Themen, die sonst im Computerspiel wenig Platz haben: Intime Erfahrungen rund um Liebe und Sex. Aber auch Ängste und Paranoia im Spielemachen zu verarbeiten, ist eine kathartische Erfahrung, sowohl für die Macher, als auch für Spielerinnen und Spieler.

Eine Frau malt eine digitale Vulva im Spiel "Cunt Touch This" an.

Robert Glashüttner, Radio FM4

Eines von 20 nominierten Projekten beim Amaze Award 2015: "Cunt Touch This" von Team Cunt aus Dänemark.

Für den Briten Christos Reid ist Spielemachen sogar mehr als "nur" das. Für ihn war Gamedesign ein Weg, mit seiner klinisch diagnostizierten obsessiven Zwangsstörung umzugehen. "Als interaktives Medium können Spiele Erfahrungen vermitteln. Sie ermöglichen es anderen Menschen, sich in deine Lage zu versetzen. Bei OCD (Obsessive Compulsion Disorder) geht es um Routine, immer wieder dasselbe machen zu müssen - ein bisschen wie in Spielen", so Reid in seinem emotionalen Vortrag über seine Inspiration. "Diese Spiele zu machen, verändert Leben - meines, aber auch das von Spielern, die sich darin wiedererkennen und sich so trauen, über ihre eigenen Erfahrungen zu reden."

Porno- und Typografen

Weitere ausgewählte Highlights des ersten Tages: Die Britin Holly Gramazio zeigte mit "Pornography for Beginners" die Absurdität der heuer im Vereinigten Königreich eingeführten Pornografiegesetze auf: als minimalistisches Puzzlespiel mit Genitalien in 5x5 Pixeln Größe. Die Französin Tatiana Vilela demonstrierte die Ähnlichkeit von Spielen im öffentlichen Raum und Performancekunst. Und der Kanadier Devine Lu Linvega schloss den Bogen zwischen Mystik, Kunst und Computerspielen.

Jake Elliott von Cardboard Computer (US), einer der Entwickler des großartigen Adventures und Gesamtkunstwerks "Kentucky Route Zero" wiederum lenkte den Blick auf kleinste Details: Zu sehen, wie viel Überlegung, Sorgfalt und, ja, Liebe in die Auswahl und Implementierung von Typografie in die Textdarstellung des surrealen Abenteuers fließen, öffnet tatsächlich die Augen für die Qualität auch kleiner Indie-Produktionen.

Die abendliche Premiere der aktuellen Dokumentation "GameLoading: Rise of the Indies", die einen Blick auf die Indie-Szene wirft, beschließt den ersten Tag der vierten Amaze in Berlin. Viel zu sehen, zu hören und zu bewundern: Die Amaze bleibt der Höhepunkt der europäischen Indie-Gameskultur.

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