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Johanna Jaufer

Revival of the fittest... aber das war noch nicht alles.

16. 4. 2015 - 19:29

Warum eben nicht ich?

Josephine Witt hat gestern eine Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank gestört. Wir haben sie gefragt, wieso.

Josephine Witt

Josephine Witt

Josephine Witt

"Schrecksekunde für Draghi", "Konfetti-Protest gegen EZB-Chef", "Draghi mit Konfetti attackiert": Auf der ganzen Welt wurde gestern die Aktion einer 21jährigen Studentin wahrgenommen: Josephine Witt ist bei einer Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank auf den Tisch von EZB-Chef Mario Draghi gestiegen und hat mit Konfetti und Flublättern geworfen. Witt ist schon lange politisch aktiv, für frühere Aktionen mit der Aktivistinnengruppe "Femen" – etwa oben ohne im Kölner Dom oder gegen Wladimir Putin – hat sie teils heftige Kritik einstecken müssen. 2013 wurde die Hamburgerin in Tunesien verhaftet und war mehrere Wochen inhaftiert. Gestern musste Witt nur ein paar Stunden auf einer Frankfurter Polizeistation verbringen. Inzwischen hatte #confettigate schon die digitale Welt erobert...

Josephine Witt, Mario Draghi

Witt

Du hast dich gestern in eine Pressekonferenz geschummelt, getarnt als Journalistin, um EZB-Direktor Mario Draghi begegnen zu können. Was geschah dann?

Ich war erst mal aufgeregt und euphorisch, es überhaupt hinein geschafft zu haben: Ich sehe nicht aus wie eine typische Journalistin, dafür bin ich zu jung, ich hatte keinen Presseausweis, hatte mich mit meinem echten Namen akkreditiert und mit meinem Personalausweis ausgewiesen... es hat alles ganz gut geklappt. Wir waren gut versorgt mit Snacks, Kaffee, Mineralwasser und schöner Lounge-Musik, und dann kamen Mario Draghi und sein Vize-Präsident. Er fing dann an zu sprechen und ich dachte mir, "ja gut, dann wartest du mit dem Protest, bis er irgendetwas interessantes über Griechenland sagt", aber dann fing er an zu reden und ich dachte mir, ich kann mir das eigentlich nicht 20 Minuten lang antun. Nach einer halben Minute bin ich mit Konfetti und Flugblättern auf ihn losgestürmt, auf seinen Tisch gesprungen und er ist ganz verschreckt auf seinem Bürostuhl nach hinten gerollt. Das war das Bild mit ihm und seinem ängstlichen Gesicht, das um die Welt ging, und darauf bin ich jetzt gerade immer noch sehr stolz.

Was man auf den Fotos und Videos, die kursieren, nicht sieht, ist die Reaktion der Menschen vor Ort, die die Pressekonferenz mit dir besucht haben.

Ich war ja erst mit dem Rücken zum Publikum, habe mich dann aber auf dem Tisch umgedreht – es war natürlich internationale Presse da, deren Fotografen sofort auf mich losgestürmt sind – aber in mittleren Bereich des Konferenzraum saßen RedakteurInnen ohne Kameras, und die waren alle komplett geschockt. Das waren entgleiste Gesichtszüge, die ich da gesehen habe. Ich hatte im Vorhinein gehört, dass diese Pressekonferenzen offensichtlich immer eine unglaublich langweilige Veranstaltung sind, und hinter seinem Rücken macht man sich auch über Mario Draghi lustig, er wird unter Presseleuten "der Frosch" genannt. Es scheint also kein besonders beliebter Termin zu sein – und dann diese Gesichtsausdrücke zu sehen, so einen Schock-Moment zu kreieren, war natürlich etwas besonderes, und von anwesenden Journalisten ist dann (auch per Twitter) an mich herangetragen worden, "endlich ist mal etwas passiert". Es war ja harmlos. Was habe ich denn gemacht: ein bisschen Konfetti geschmissen und meinen Slogan drei-, viermal aufgesagt und mich dann ohne mich großartig zu wehren von den Securities abtransportieren lassen. Ich glaube, es war für alle eine aufregende und spannende Sache, die da passiert ist und ich denke, viele von denen haben direkt ihren Zeitungen/Medien Bescheid gesagt und die Aktion hat sich deshalb so unglaublich gut transportiert. Ich bekomme gerade Anfragen aus Kolumbien, Mexiko, Australien, der Türkei, Griechenland. Es ist gigantisch, was gerade auf mich hereinprasselt.

Kurz zum Handwerklichen: Nicht zuletzt seit den Blockupy-Protesten herrschen rund um die Gebäude der EZB in Frankfurt strenge Sicherheitsvorkehrungen. War dir klar, dass du deine Flugzettel und Konfetti unbemerkt hineinbekommst?

Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hatte, bevor ich hineingegangen bin, das Gefühl, dass meine Chancen denkbar schlecht stehen und war eigentlich überzeugt, dass es nicht klappt. Man muss sich das so vorstellen: Man ist nicht in der EZB, sondern in einem kleinen Zubau, vor dem Röntgenapparate wie am Flughafen aufgebaut sind. Natürlich ist Konfetti nur Papier und jedeR JournalistIn hat Papier dabei, daher ist das nicht groß aufgefallen. Ich habe einfach meinen Ausweis und einen Ausdruck meiner Anmeldung unter meinem echten Namen vorgezeigt. Es ging reibungslos, ich war komplett überrascht, als ich die erste Kontrolle passiert hatte. Drinnen gab's eine zweite Kontrolle, wo mir ein Besucher-Ausweis mit meinem Namen und dem Medium mit dem ich vermeintlich zusammenarbeite (Vice), ausgehändigt wurde. Damit wurde man dann sehr nett mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock begleitet. Dort hat dann die Pressekonferenz stattgefunden. Ich war eine Stunde früher da, damit ich in der ersten Reihe Platz nehmen konnte und habe mich dann gelangweilt, bis Draghi endlich kam und es losging. Es war ein fantastisches Erlebnis und ich glaube, man hat mir auch ein bisschen im Gesicht angesehen, dass ich auch selbst ein bisschen überrascht war, wie einfach das war und wie viel Glück ich wahrscheinlich auch gehabt habe, dass die Sicherheitskontrolle eben nicht doppelt oder dreifach hingesehen hat, sondern davon ausgegangen ist, dass von so einem kleinen, 21jährigen Mädchen keine so große Gefahr ausgeht. Aber da haben sie sich getäuscht.

Auf deinen Flugblättern wird die EZB als "master of the universe" adressiert, da steht, "we will not accept the insane narrative that the ECB wants to impose on all people wherein even freedom of speech and dignity can be sold to the bank, in order to survive”. Was macht denn diese "verrückte Grundhaltung" der EZB aus, die du in den Raum stellst?

Man hat gemerkt und das hat sich auch immer wieder in Interviews herausgestellt, dass es eine sehr arrogante Institution ist, die niemals durch eine demokratische Wahl legitimiert wurde, aber trotzdem Gebrauch macht von PolizistInnen, die die Maßnahmen und Werte dieser Institution auf der Straße mit Wasserwerfern und Tränengas auf's Schärfste verteidigen und Menschen verletzen. Es ist niemals so gewesen, dass diese Institution demokratisch legitimiert worden wäre und sie handelt auch nicht demokratisch. Aber sie handelt politisch. Die Entscheidungen, die ein Mario Draghi trifft, beeinflussen die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa und die Lebensrealitäten von Menschen direkt – besonders in Südeuropa. Was ich am brutalsten finde, ist das Narrativ, das ein Nord- gegen ein Südeuropa ausspielt und umgekehrt. Es wird ein Bild vermittelt, als würden die GriechInnen die ganze Zeit faul am Strand liegen oder die SpanierInnen die ganze Zeit Sangria trinken und nicht arbeiten gehen und es sich auf Kosten der hart arbeitenden NordeuropäerInnen gut gehen lassen. Aber nichts davon ist wahr. Weder arbeiten die NordeuropäerInnen mehr als die SüdeuropäerInnen, noch ruht sich irgendjemand in Europa aus. Ich bin einfach sehr schockiert, dass die EZB dieses einige Europa und diesen vereinten Euro so zu spalten vermag. Überall sprießen – und das ist kein schönes Thema, das ist ernst – Bewegungen wie Pegida oder der Front National aus dem Boden. Mit welchen Ressentiments gearbeitet wird, um Gesellschaften gegeneinander auszuspielen. Dabei spielt eben die Troika, spielt die EZB eine Rolle. Dagegen ein Zeichen zu setzen, war gestern mein Ziel. Ich hoffe, dass ich wenigstens das Bild von Mario Draghi als "unantastbarer Pokerface-Bankster" zerstört habe – weil man ihn ja wirklich zum ersten Mal mit abwehrenden Händen und erschrockenem Gesichtsausdruck sieht. Diese Bilder sind, glaube ich, wichtig und machen vielleicht auch Hoffnung – ich meine, es ist schrecklich, die Arbeitslosenzahlen in Südeuropa zu sehen, und es ist auch schrecklich zu sehen, wie auch in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, während die Unternehmen die größten Gewinne einfahren und wieder auf Vor-Krisen-Niveau agieren und die Banken keine Verluste mehr gemacht haben aus der Situation.

Ein EZB-Verantwortlicher würde dem wahrscheinlich entgegnen, dass die EZB doch nur für Preisstabilität sorgt und das tut, was innerhalb ihres Mandats wichtig ist – den Euro flüssig halten.

Das stimmt ja auch faktisch gar nicht. Gerade vor sechs Wochen, auf der letzten Pressekonferenz, hat die EZB verkündet, dass sie die Frist für zurückzuzahlende Schulden jetzt für Griechenland von vier auf zwei Wochen verkürzt. Das setzt eine Nation, bei der es um jeden Tag geht, natürlich noch viel stärker unter Druck – und so ist es die ganze Zeit. Nicht umsonst fühlen sich die GriechInnen schikaniert. Ich habe kein besonderes ökonomisches oder finanzpolitisches Know-How, ich bin eine 21jährige Philosophiestudentin. Aber ich gehe davon aus, dass in der EZB sehr intelligente und kluge Köpfe arbeiten, die dieses Problem, das wir etwa in Griechenland jetzt schon sehr lange mit uns herumschleppen, eigentlich – wenn der politische Wille da wäre – besser lösen könnten.

Auf deinem Flugblatt liest man "master of the universe", nicht "mistress". Ich schätze, das ist kein Zufall – auf deinem T-Shirt ist ja auch gestanden, "End ECB dicktatorship". Wo treffen sich denn deiner Ansicht nach in dieser Krisensituation Patriarchat und wirtschaftliche Schieflage?

Naja – es sind ja nur Schlipsträger, die in der EZB arbeiten – oder zu einem großen Prozentsatz. Weltweit gibt es mehr Menschen, die John heißen und ein großes Unternehmen leiten, als Frauen, die dasselbe tun. Es herrscht eine ganz dramatische Schieflage in den Chefetagen Europas, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Es geht um die patriarchale Grundstruktur, die vorherrscht. Ich bin Feministin, und ich will gar nicht sagen, dass die Frauen das alles besser könnten, ganz und gar nicht. Aber ich denke, dass das arrogante Handeln und der Ton, der an den Tag gelegt wird, sich schon sehr stark aus dieser patriarchalen top-down-Struktur speist und sich auch widerspiegelt in der Art und Weise, wie auf Griechenland herabgesehen wird. Ich komme natürlich aus dem Femen-Kontext, aber das war jetzt keine Femen-Aktion, ich war ja nicht topless, sondern hatte mir den Slogan auf meine schwarze Bluse geklebt, und wir verlinken diese Sachen immer miteinander. Ich wollte eben nicht nur einen Protest gegen die EZB machen, sondern auch gegen die patriarchale Grundstruktur, in der Europa natürlich immer noch verwurzelt ist.

Nimmst du mit der Formulierung "I'm just a butterfly" tatsächlich Bezug auf die WiderstandskämpferInnen der résistance im zweiten Weltkrieg, deren Flugblätter und Handzettel "papillon" genannt wurden?

Ja, das war eine Idee, die einem Freund und mir spontan gekommen ist. Jeder Protest braucht irgendeinen Wort-Anker - da war eben "butterfly" unser Wort. Heute ist ja auch Internationaler Gedenktag an die Opfer der Shoah. Ich bin auch der Meinung, dass wir den Antisemitismus nicht hinter uns gelassen haben – im Gegenteil, es wird von Tag zu Tag schlimmer und wir haben noch viel aufzuarbeiten. Gleichzeitig war "butterfly-effect" auch ein Gedanke dahinter – dass es mit einem Flügelschlag losgeht, und dann spaltet sich die Bewegung immer weiter auf und ich hoffe natürlich, dass dieser Protest eine Inspiration für viele Leute in Europa gewesen ist, sodass ich nicht alleine bleiben muss.

Du hast es selbst angesprochen – diese Aktion hat nicht im Rahmen von Femen statttgefunden; du hast dich auf Twitter ja auch als "freelance activist" bezeichnet. Nach der gestrigen Aktion hast du auf Twitter angemerkt, "ich springe auf Draghis Tisch und die Leute diskutieren meine Unterhosen". Vor zwei Jahren hast du dem Spiegel in Bezug auf die Kritik von anderen FeministInnen gesagt, "wir grenzen uns nicht von anderen FeministInnen ab, wir sind alle Teil einer Bewegung" und das Problem eingestanden, dass bei Femen vor allem schlanke, junge Frauen engagiert sind oder damals waren, was aber eben nicht Absicht gewesen sei. War das ein Mitgrund, beim jetzigen Protest auf die "typische Femen-Art", also topless, nicht mehr zurückzugreifen?

Ja. Natürlich ist uns mit Femen unheimlich viel Kritik entgegengeschwappt. Im Vergleich zu jeder Femen-Aktion die ich gemacht habe, schwappt mir gerade denkbar wenig Kritik entgegen in Bezug auf das, was ich gestern gemacht habe. Nichtsdestrotrotz liegt es glaube ich nicht an irgendwelchen konkreten Kritikpunkten, die uns irgendwann einmal entgegengebracht worden sind. Natürlich, wir hatten mehr schlanke Frauen in der Bewegung – das hat sich in der letzten Zeit geändert. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, die Bewegung in Deutschland ist quasi nicht mehr relevant und das Motiv der Brüste scheint sich in irgendeiner Form abgenutzt zu haben. Für mich ist es (heute) eher ein Hindernis, mit der Organisation in Verbindung gebracht zu werden, als dass es hilft. Als ich angefangen habe – mit meinen Aktionen gegen Putin, in Tunesien oder im Kölner Dom – war es sehr hilfreich, das unter dem Namen Femen zu tun, aber das hat sich geändert und es wird dann nur mehr beleuchtet, wie sich die jeweilige Aktion im Kontext der Entwicklung von Femen einordnen lässt. Das wollte ich nicht – zumal ich mit den Leuten von Femen schon seit einem Jahr keinen Kontakt mehr habe. Da ist es nie zu einem Zwischenfall gekommen, aber man hat sich auseinandergelebt und ich wollte mich weiterentwickeln und auch mit einer positiveren Grundhaltung protestieren. Deswegen habe ich eben auch Konfetti genommen – eine schöne, bunte, dennoch bildgewaltige Requisite. Dass das so gut geklappt hat und der Hashtag #confettigate so groß geworden ist, freut mich. Dass es auch ohne "topless" geklappt hat, habe ich gestern bewiesen, und man scheint, besonders seit die Femen-Bewegung so viel Bekanntheit erlangt hat, vielleicht nicht mehr so groß darauf angewiesen zu sein.

Ebenfalls in Frankfurt und mit der Europäischen Zentralbank im Fokus haben vor ein paar Wochen die Blockupy-Proteste stattgefunden. Da haben ja sehr viele Menschen friedlich demonstriert. Es haben aber auch einige Autos gebrannt, was für viel Medienecho gesorgt hat. Was findest du, ist Gewalt prinzipiell abzulehnen – auch Sachdelikte – oder braucht es im Gegenteil in der heutigen Hochfrequenzberichterstattung krasse Bilder, die vielleicht überzogen sind in der realen Auswirkung, weil dann ein Auto kaputt ist?

Ich denke man muss Gewalt gegen Menschen und Gewalt gegen Sachen klar unterscheiden. Aber natürlich sehe ich es kritisch, wenn Barrikaden in der Innenstadt brennen. Das wäre nicht meine Art gewesen, zu handeln. Ich war selbst nicht dort, habe aber mit FreundInnen darüber gesprochen, die dort waren. Was auch anzumerken ist – ich kann das nicht persönlich bezeugen, aber was sie mir erzählt haben, war, dass die Polizei sich auch besonders viel Zeit dabei gelassen hat, diese Autos zu löschen und die Brände an den Barrikaden zu löschen, und erst wirklich eingeschritten ist, als jeder Fotograf seine Fotos geschossen hatte. Es gab sehr viele friedliche Protestierende. Ich sehe mich nicht als Teil der Blockupy-Bewegung – dazu sind mir da zu viele abgedrehte VerschwörungstheoretikerInnen dabei – stehe aber prinzipiell hinter den Protesten. Weil wir beim Thema Gewalt gegen Menschen waren – es wurde von Seiten der Polizei auch immer wieder beklagt, dass sich 94 oder 95 BeamtInnen verletzt hatten, aber kaum erwähnt, dass sich viele BeamtInnen mit ihrem Tränengas selbst verletzt haben, weil sie es gegen den Wind gesprüht haben. So etwas muss man immer mit der Erfahrung aus Beobachtung vor Ort bewerten. Ich habe auch mit FreundInnen gesprochen, die gesagt haben, "das ist ja verrückt, wie diese ganzen Hooligans da abgehen und was die für Chaos veranstalten" – ich habe dann gefragt, ob sie schon einmal auf einer Demo waren und wissen, wie es da zur Sache gehen kann – und keineR von ihnen war das. Man kann das schwer beurteilen, auch Polizeigewalt, wenn man es nicht einmal selbst erlebt hat. Wenn man nicht schon einmal eingekesselt war und auf eineN losgeknüppelt wurde. Das ist eben auch eine Realität, und auch etwas, das sehr, sehr Angst macht.

Manche, die jegliche Gewalt ablehnen, sagen dennoch, dass man fast keine Chance auf Berichterstattung hat, wenn nicht irgendwo eine Rauchsäule aufsteigt.

Ja. Aber: Gestern hatte man zum Beispiel diese Chance. Ich hatte diese Chance und ich habe sie genutzt. Ich denke auch, dass der Ball bei den jeweiligen Protestbewegungen liegt, offen und kreativ genug zu sein, um neue Dinge auszuprobieren und nicht zu Gewalt zu greifen. Vor diesem Hintergrund hatte ich eben auch mit Femen angefangen, weil das eine andere "Schublade" ist, wo man nicht einfach als "wieder so ein linker Hooligan" abgestempelt werden kann, sondern eine andere Art von Protest macht. Ich denke, so etwas muss und wird es immer mehr geben. Deshalb habe ich auch in meinem "Manifest" geschrieben, "we must act but with no violence".

Weil du ein paar mal "wir" gesagt hast – was heißt dann "freelance Aktivistin"? Heißt das, dass du in keinen Kollektiven mehr organisiert bist, für die du auch öffentlich eintreten würdest?

Nein, bin ich nicht. Ich habe natürlich bei Femen viele wunderbare Frauen kennengelernt, mit denen ich teilweise noch vernetzt bin und die auch Aktionen machen oder Bücher schreiben. Im Februar, als die Bild-Hetze gegen Griechenland zu doll wurde, haben wir vor dem Bild-Zeitungs-Gebäude, dem Alex-Springer-Haus, eine Protestaktion veranstaltet. Mit diesen Aktivistinnen stehe ich immer noch in engem Kontakt und darauf bezieht sich das "wir".

"Im Protest zu Hause"
Tausende Aktivisten wollte die griechische Regierungspartei Syriza nach Frankfurt am Main bringen"

Du hast mit deiner Aktion in Tunesien 2013 wirklich auch Repression am eigenen Körper erlebt – mit Gefängnisaufenthalt, Verfahren etc. und hast damals angemerkt, dass deine Eltern, bei denen du damals noch gewohnt hast, Verständnis hatten, damit professionell umgegangen sind. Als Frau mit mittlerweile – auch für dein Alter – viel Erfahrung im Aktivismus, kennst du ja viele andere Engagierte. Ist das, was du konkret der EZB gegenüber kritisierst, die ihr vorgeworfene Illegitimität ihrer Handlungen und (Mit)Schuld an der Verarmung großer Teile der Bevölkerung in Südeuropa – ist das auch dem Protest in Nord- und Mitteleuropa selbst ein Stück weit eingeschrieben? Protestieren muss man sich ja auch "leisten können" und nicht jedeR hat verständnisvolle Eltern oder überhaupt Eltern vor Ort. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Syriza-Vertreter, der sagte, dass viele aus Griechenland nicht nach Frankfurt mitkommen konnten, weil sie dazu keine Mittel hatten (siehe Kasten rechts). Wie gehst du mit diesem Zwiespalt um?

Ja, ja. Ich meine – ja, ich bin unglaublich privilegiert, das weiß ich. Ich bin jung, gesund, aus Europa, entspreche weitgehend dem vorherrschenden Schönheitsideal. Selbstverständlich bin ich privilegiert. Aber das möchte ich nicht gegen die Solidarität wenden, sondern im Gegenteil diese Privilegien für Solidarität und politische Aktionen einsetzen und diese Privilegien eben nicht für etwas anderes ausnützen.

Es ist ja auch "hier" für viele junge Menschen eine Herausforderung, sich für etwas zu engagieren. Die meisten arbeiten, studieren und haben wenig Zeit und Sicherheit, von der sie Gebrauch machen können.

Ja – das ist bei mir auch so. Ich studiere, arbeite in einem Café, bekomme Bafög, und lebe im Studentenheim.

Ist das etwas, worüber man auch nachdenkt im Alltag? Ist die ständige Beschäftigtheit im Alltag und wenig finanzielle Sicherheit ein Thema?

Ja. Ich denke, das spielt eine Rolle und schüchtert auch ein. Das lähmt einen auch zu einem großen Teil. Man muss irgendwann begreifen – gerade als StudentIn oder frisch ausgebildeteR ArbeitsloseR, der oder die keinen Job findet – dass man insofern nicht Verantwortung tragen muss für diese Situation, dass es nicht daran liegt, dass der Abschluss vielleicht zu schlecht war oder das Studienfach das falsche, sondern dass es daran liegt, dass es keine Arbeitsplätze gibt und das hat Gründe. Wenn man das begreifen kann, kann man sich auch dagegen wehren. Aber ob man protestiert oder nicht, ist die Entscheidung jedes und jeder Einzelnen.

Warum bist du eine von denen, die sehr klar Stellung beziehen? Das machen ja nicht viele Menschen.

Das weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Vor dieser Frage stehen auch meine Eltern. Ich weiß nicht, warum. Ich habe keine großartige persönliche politische Geschichte. Ich habe mich immer für politischen Widerstand interessiert und fand die Femen-Bewegung interessant und bin für mein Alter auch in der Welt schon relativ weit herumgekommen. Aber ich kann ehrlich gesagt nicht beantworten, warum gerade ich gestern den Protest gemacht habe. Vielleicht war's dann einfach so. Vielleicht sollte man sich statt "warum" eher die Frage stellen, "warum eben nicht ich"?

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  • softmachine | vor 885 Tagen, 3 Stunden, 18 Minuten

    wichtige aktion für die affirmation von draghis ezb. was wäre für das parkett schlimmer als lob der linken für dessen gelddruckkünste ? demonstranten in aufmerkssamkeitsökonomischen eitelkeitscontests sind noch immer die besten bärendienstleister.

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  • johnleehookerelectro | vor 886 Tagen, 7 Stunden, 21 Minuten

    sein blick is eher der eines typischen alten greises aus wirtschaft/politik die aufgrund von schwanzlosigkeit bekanntermaßen oft ins rotlichtviertel gehen und junge frauen aus ähnlicher position betrachten
    mit nem domina komplex

    aber coole aktion ansich..zeugt aufmerksamkeit

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  • tipic | vor 886 Tagen, 9 Stunden, 22 Minuten

    Naja ...

    ... schon eine recht originelle Aktion, aber in Bezug auf die Aussagen zur EZB hätte ich mir etwas mehr Substanz erwartet.
    Die EZB ist durch keine demokratische Wahl legitimiert? Soll deren Präsidenten etwa durch das Volk direkt gewählt werden? Mit Wahlkampf und so? Welcher Kandidat bietet mehr? Dann können wir ja gleich eine Volksabstimmung über die Höhe der Steuern machen ...
    Vom Draghi (übrigens ein Südeuropäer) kann man halten, was man will, aber es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass uns seine berühmte Ansage vom 26. Juli 2012 vor Schlimmerem (oder gar dem großen Kollaps) bewahrt hat.
    Und tatsächlich ist es er, der viel zu oft Fehler der Politik ausbügeln muss.

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    • lukastagwerker | vor 885 Tagen, 17 Stunden, 37 Minuten

      da gibt es schon ansätze, siehe geldreform und monetative...

    • zikmund | vor 885 Tagen, 15 Stunden, 46 Minuten

      Das würde aber bedeuten, Lukas, dass erst recht wieder Geld der direkten staatlichen Steuerung unterworfen ist. Man hat ja genau deswegen unabhängige Zentralbanken um eben genau das nicht zu riskieren, also etwa das willkürliche Anwerfen der Druckerpresse um Wahlen zu gewinnen, siehe Mugabe und Co. Klingt alles beim ersten hinhören gut, hat aber viele Haken...

  • avecplaisir | vor 886 Tagen, 19 Stunden, 19 Minuten

    was ist wichtig

    klar, natuerlich ist es wichtig sich zu engagieren. und stimmt auch einiges was im interview erwaehnt wird. allerdings ist die EZB nur der verlaengerte arm der europaeischen regierungen, wenn sie z.T. auch unabhaengig agiert. und somit die personifizierung eigentlich etwas verfehlt. dass griechenland gepruegelt wird, stimmt zwar, hat aber natuerlich auch seine guten gruende. und es geht hier eben gar nicht um den mittelstand und abwaerts in griechenland, sondern um generelle massnahmen, die in griechenland einfach nicht umgesetzt werden (oder wurden). so ist allein schon die energie-politik dieses landes verheerend, wieviel solar-anlagen/parks sieht man? kaum welche! obwohl man mit der sonnenenergie halb europa mit strom versorgen koennte, etc... es gibt auch kein herkoemmliches grundbuch wie in Oesterreich, d.h. keine wirklich erfassung wem was gehoert. aber wie will man dann etwas besteuern. dort muss die griechische regierung beginnen. und man kann nicht der ezb oder deutschland die schuld dafuer geben.

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  • evaumbauer | vor 887 Tagen, 6 Stunden, 5 Minuten

    Super

    Artikel Thanx, Johanna!

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