Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Beton-Broker mit Seelenkrater"

Johanna Jaufer

Revival of the fittest... aber das war noch nicht alles.

11. 4. 2015 - 00:55

Beton-Broker mit Seelenkrater

Thomas Meyer vermittelt Immobilien und wirkt tendenziell unsympathisch. Und sein akrobatischer Feldzug durch den Upperclass-Alltag berauschend: Lilian Lokes Debüt "Gold in den Straßen".

Immobilienmakler Meyer, 31, wirkt im europäischen Finanzzentrum Frankfurt. Wie die Banker in ihren Bürotürmen wettet er hauptberuflich auf die Zukunft, wickelt mit dem kleinen Finger große Geschäfte ab. Meyer dealt mit Luxusimmobilien, Villen mit Carport, grässlichen Fliesenmalereien und unvorstellbar schweren Lustern im Ballsaal, der sich "Salon" nennt.

Überblond, überhungert

"Heute früh wachte er auf, in Panik, eine Stunde quälte er sich durch die neblige Luft, begleitet vom Knirschen des Waldwegs unter den Schuhen."

Wie Autorin Lilian Loke durch Meyers Alltag lotst, das ist kein Spaziergang. Weil Loke die Leserschaft so rapide herumzerrt, ergreift Meyers Gier von einem Besitz: Man muss das lesen. Schließlich ist Meyer ja auch konsequent auf der Jagd nach dem nächsten großen Coup, der Anerkennung der reichen Freunde seiner Freundin, der angemessenen Mimik in den wichtigen Sekunden vor einer Kaufentscheidung. Bei Benefizveranstaltungen bezirzt er reiche ImmobilienbesitzerInnen ("überblond, überhungert"), die einen geerbten Klotz am Bein mutmaßlich loswerden möchten.

Ausschnitt des Buchcovers zu "Gold in den Straßen"

HOffmann und Campe

Tafelparkett, Stuck

Es geht also prinzipiell hektisch zu, vielleicht nicht äußerlich, aber auf jeden Fall im Kopf des Thomas Meyer, der jeden Schritt möglichst strategisch durchdacht setzen möchte. "Ziel: Eroberung Wiesbadens, keine Gefangenen!" Meyers Kalkulationen hören nicht auf beim angestrebten Grundstückspreis und der zu erwartenden Maklerprovision. Noch beim biedersten Vorspeisenbuffet plagt er sich mit der Vermessung der unmittelbaren Zukunft: „zwei Löffel Soufflé, zwei Schluck Dessertwein“. Brink, eine Art Klischee-Best-Ager, sucht eine Villa. Meyer bietet ein grandioses Monument inclusive unwahrscheinlich geschmacksverirrtem Interieur feil und setzt den Preis so hoch an, dass es Brink gerade weh genug tut, um sich angemessen überwinden zu dürfen. "Komm alter Mann du wolltest es doch mal krachen lassen, Generation Gold, Herrgott wer will schon vernünftig ins Grab?" Meyer "erwidert Brinks kräftigen Händedruck, genießt den fein brennenden Schmerz".

Lilian Loke

Sebastian Arlt

Autorin Lilian Loke. "Gold in den Straßen" ist ihr Debüt.

Alles wird einsortiert und abgemessen – bis auf das eigene Befinden. Diesem Meyer geht es nicht superfantastisch. Selbst aus einfachen Verhältnissen, sind Lob und Anerkennung die einzige Währung, mit der er dem inneren Schweinehund ein wenig Achtung abringen kann. Als sein Vater stirbt, hofft Mega-Makler Meyer nach Erbschaft einer ehemaligen Schuhmacherei Aussicht auf den Deal seines Lebens. Könnte schiefgehen. Könnte ihn aber auch sehr reich machen. Der Ausgang ist ungewiss, nur die Zielrichtung eindeutig: Alles auf eine Karte.

Infos

  • "Gold in den Straßen" von Lilian Loke ist bei Hoffman und Campe erschienen. Hier geht es zu weiteren Buchempfehlungen auf fm4.ORF.at.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.