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Daniela Derntl

Diggin' Diversity

28. 1. 2015 - 18:39

Mitten im Achten

Unter einem Dach mit Deutschnationalen und Rechtsextremen.

Ich hatte einmal dieselbe Adresse wie Deutschnationale und Rechtsextreme: Fuhrmannsgasse 18 im achten Wiener Gemeindebezirk. Vollkommend unwissend, was mich in diesem Haus erwartet, hat es mich vor einigen Jahren zufällig dorthin verschlagen.

Ich war froh, eine Wohnung gefunden zu haben, denn die Wohnungssuche in Wien ist schwierig und das Budget einer Studentin begrenzt. Die Wohnung in dem ehemaligen Schulvereinshaus war toll und nicht weit vom Campus im Alten AKH und der Haupt-Uni Wien entfernt. Jackpot war es trotzdem keiner, 2003 bin ich wieder ausgezogen.

Daniela Derntl

Das Schulvereinshaus in der Fuhrmannsgasse 18/18a wurde 1914 vom Deutschen Schulverein erbaut.

Der 8. Bezirk ist ein Hotspot der Burschenschaften:

  • Wiener Akademische Burschenschaft Teutonia - Roter Hof, 1080 Wien
  • Wiener Akademische Burschenschaft Gothia - Schlösselgasse, 1080 Wien
  • Burschenschaft Silesia - Strozzigasse, 1080 Wien
  • Burschenschaft Bruna Sudetia - Strozzigasse, 1080 Wien

Das Schulvereinshaus in der Fuhrmannsgasse beheimatet deutschnationale und rechtsextreme Burschenschaften und andere braun-blaue Kaliber.

Burschen- & Mädelschaften

Folgende Burschenschaft- und Mädelschaft-Buden befinden sich im Schulvereinshaus:

  • Die Wiener akademische Burschenschaft Moldavia. Die Moldavia gehört zum Wiener Korporationsring (WKR) und wird vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) als rechtsextrem eingestuft. Laut DÖW war der Ballausschuss des WKR-Balls bis 2012 ebenfalls im Schulvereinshaus in der Fuhrmannsgasse untergebracht.
  • Der Verein Deutscher Studenten zu Wien "Philadelphia". Laut DÖW handelt es sich hier um eine deutschnationale Verbindung.
  • Die Wiener akademische Mädelschaft Freya. Die Mädelschaft ist laut DÖW ebenfalls deutschnational.
  • Die Pennale Burschenschaft Ghibellinia zu Wien ist eine schlagende Schülerverbindung. Als Vorstufe der akademischen Burschenschaften sind solche Schülerverbindungen ein Einstieg in die Szene.
  • Die katholisch-österreichische Studentenverbindung Danubia Wien. Sie gehört zum Mittelschul-Kartell-Verband (MKV) und steht nicht im Lager der Deutschnationalen. Umso mehr wundert es das DÖW, dass diese Verbindung in diesem ideologisch einschlägigen Haus beheimatet ist, wo sich doch sonst der MKV und der Kartell-Verband um eine Abgrenzung von Burschenschaften und ihrem Gedankengut bemühen.

Doch damit nicht genug der rechten Nachbarn:

Österreichischer Pennäler-Ring

In der Fuhrmannsgasse 18 befindet sich auch der Dachverband der Mittelschulverbindungen, der österreichische Pennäler-Ring.

Der aktuelle ÖPR-Vorsitzende ist der Wiener FP-Landtagsabgeordnete und Gemeinderat Udo Guggenbichler, der auch der Vorsitzende des Ballkomitees des am Freitag stattfindenden Wiener Akademikerballs ist.

Österreichische Landsmannschaft

Die Besitzerin des Hauses ist die österreichische Landsmannschaft (ÖLM).

Daniela Derntl

Hinter dem Fenster ist das Veranstaltungslokal der Österreichischen Landsmannschaft.

Das DÖW stuft die ÖLM als rechtsextrem ein: "Die Tatsache, dass wir die österreichische Landsmannschaft als rechtsextrem einstufen, ist nicht so sehr wegen ihres Engagements für das Deutschtum im Ausland und ihrer großdeutschen, pangermanistischen Ausrichtung, sondern weil es in ihren Publikationen - dem "Eckart" oder auch der "Eckart-Schrift" - immer wieder Texte gibt, die eindeutig als rechtsextrem zu bezeichnen sind. (...) Wir haben es hier mit einer sehr tendenziösen, revisionistischen Geschichtsschreibung zu tun. (...) Es gibt immer wieder geäußerte Zweifel an einzelnen Verbrechen der Nationalsozialisten und es wird immer wieder die nationalsozialistische Kriegsschuld geleugnet und relativiert."

Daniela Derntl

1984 hat die ÖLM das alte Schulvereinshaus übernommen und zahlreiche Räumlichkeiten bezogen.

Der Eckart

In der Monatszeitschrift "Der Eckart", ehemals bekannt als "Der Eckartbote", schreiben u.a. der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Walter Rosenkranz, der Wiener PEGIDA-Sprecher Georg Immanuel Nagel oder auch Felix Menzel, der die Neue Rechte Jugendschrift Blaue Narzisse herausgibt, sowie Jan Ackermeier.

derstandard.at schreibt über Ackermeier: "Er war damals (Anm.: 2010) im Büro von (Anm.: FPÖ)-Mandatar Harald Stefan, der ihn wegen Kontakte in die rechtsextreme Szene Deutschlands und Österreichs feuerte. Konkret schien der 33-jährige Ackermeier als Organisator einer Rechtsextremenwanderung am Packer Stausee auf. Veranstalterin war die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland, die auch den "Dresdner Trauermarsch", einen Treffpunkt der Neonaziszene, organisiert."

Zwei Jahre nach dem Rauswurf war Ackermeier erneut Mitarbeiter eines FPÖ-Mandatars, jetzt ist er Vorstandsmitglied der FP-Korneuburg.

Daniela Derntl

Eine Gedenktafel für die Gründer des Österreichischen Schulvereins.

Treffpunkt Kultur

Das Schulvereinshaus in der Fuhrmannsgasse dient auch als Treffpunkt Kultur. Im Februar ist der mehrmals wegen antisemitischen Äußerungen aufgefallene Walter Marinovic zu Gast, der laut Kleine Zeitung letztes Jahr von der FP Fürstenfeld offen als "Publizist, Revisionist und Autor" angepriesen wurde.

Das Schulvereinshaus ist laut DÖW eines der drei wichtigsten Zentren der Rechtsextremen in Wien, neben dem Haus der Heimat im dritten Wiener Gemeindebezirk und dem Theodor-Körner-Heim (ehem. Fritz-Stüber-Heim) im 16. Bezirk, in dem die Aktionsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP) untergebracht ist.

Nach Einschätzung des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung aus dem Jahr 2006 ist die AFP das aktivste Sammelbecken der organisierten rechtsextremen Szene in Österreich und pflegt auch Kontakte zu Neonazikreisen.

2011 war laut DÖW die AFP auch kurzfristig im Schulvereinshaus in der Fuhrmannsgasse untergebracht. Im gleichen Jahr war laut DÖW auch der südafrikanische Neonazi und Holocaust-Leugner Claus Nordbruch als Referent im Schulvereinshaus zu Gast. Nordbruch hatte Kontakte zum Thüringer Heimatschutz, der durch die Verbindung zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und die Anschläge und Morde von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bekannt wurde.

Wegen solchen Gästen kritisiert das DÖW die Österreichische Landsmannschaft, weil somit das Schulvereinshaus ein Scharnier zwischen dem legalen Deutschnationalismus und Rechtsextremismus zu dem militanten Rechtsextremismus und Neonazismus bildet.

Auch die FPÖ nutzt die Räumlichkeiten im Schulvereinshaus für Vorträge, zum Beispiel die Initiative Freiheitliche Frauen Wien. Auch der wegen Seximus-Vorwürfen und ebensolchen Matura-Fragen umstrittene Obmann des Freiheitlichen Niederösterreichischen Lehrervereins Josef Pasteiner referierte dort.

Die Identitären Wien

Auch die Identitären Wien veranstalten Vorträge in der Fuhrmannsgasse 18a.

Die Identitären

Ebenso nutzen die Identitären Wien den Veranstaltungsraum in der Fuhrmannsgasse 18a, und das war auch der Grund, warum ich wiedermal in meiner alten Bleibe vorbeigeschaut habe.

Bereits im Mai 2014 haben die Identitären dort ihre erste Pressekonferenz abgehalten. Sie behaupten zwar, mit der im Haus fest verankerten Ideologie nichts zu tun zu haben, doch statt einer klaren Abgrenzung suchen sie die räumliche Nähe.

Ihre Wurzeln im braun-blauen Sumpf leugnen die Vorsitzenden der Identitären nicht: Obmann Alexander Markovics ist laut eigenen Angaben Mitglied der Burschenschaft Olympia und Wien-Chef Martin Sellner wiederum bestätigte Vorwürfe, einst zum näheren Umfeld von Gottfried Küssel gehört zu haben: "Ich war damals in einer überschwänglichen pubertären Phase."

FM4-Kollegen waren damals vor Ort, u.a. Martin Blumenau, der in seinem Journal die Begründung der Identitären, warum sie ausgerechnet im Haus der ÖLM eine Pressekonferenz abhalten, wiedergibt: "Sie wären nur deshalb heute hier bei einer Verbindung gelandet, weil ein paar Gasthäuser/Cafes in der Gegend ihnen kurzfristig abgesagt hätten."

Kein Einzelfall

Doch diese Veranstaltung im Schulvereinshaus war kein Einzelfall.

Ende November haben sich die Identitären abermals dort getroffen und über die "Gestürmte Festung Europa" diskutiert. Ich hatte mich für den Vortrag angemeldet und auch gleich um ein Interview mit Alexander Markovics und Martin Sellner gebeten. Als ich am Abend der Veranstaltung dort auftgetaucht bin, gab es dann aber doch kein Interview.

Welche Ironie, dass mich ausgerechnet die ach so heimatverbundenen Identitären aus meiner ehemaligen Unterkunft schmeißen.

Nachdem ich nun aber schon mal da war, habe ich bei meinen ehemaligen NachbarInnen angeklingelt. Die waren dann so freundlich und haben mich reingelassen. In dem Haus wohnen um die 40 Parteien und der Großteil von ihnen hat mit ihren rechten Nachbarn nichts am Hut.

Daniela Derntl

Das Studentenlokal "Tunnel" befindet sich auch im Schulvereinshaus, liegt allerdings auf der Florianigasse. Es hat so wie viele andere Anrainer nichts mit der Ideologie der Hausbesitzer am Hut.

Bei Kaffee und Kuchen hat mir dann ein ehemaliger Nachbar erzählt, dass im Haus, vor allem im Keller, richtig viel los ist - was ihm und den anderen, gesinnungsfreien Bewohnern gar nicht gefällt: "Man kann beobachten, dass die Treffen vehement mehr werden. Es war relativ ruhig viele Jahre. Jetzt werden auch Leute aus Deutschland angekarrt, quasi um die Aktivitäten zu verstärken. Die wohnen auch teilweise im Haus. Es sind mehrere Wohnungen in Beschlag genommen worden und die dienen jetzt als Standorte."

Seit zwei Jahren feiern die Burschenschafter wöchentlich Feste und Zusammenkünfte, die sich lautstark bis in die Nacht hinein ziehen.

Regelmäßig rufen die Anrainer sowie die Bewohner der umliegenden Häuser die Polizei wegen Ruhestörung. Das Klima im Haus ist durch die verstärkten Aktivitäten verschreckt.

Es gibt auch zwei Tagesmütter im Haus, die die nächtlichen Sauforgien besonders beklagen, weil sie am nächsten Tag mit den Kindern durch die hinterlassenen Scherbenhaufen gehen müssen.

Als ich noch im Haus gewohnt habe, wurde mir erzählt, dass Jörg Haider einmal mit seiner Familie vor einer Donnerstagsdemo ins Schulvereinshaus geflohen ist. Auch Barbara Rosenkranz hat sich angeblich einmal vor einer Demonstration im Haus versteckt - die Demonstranten haben daraufhin die Fuhrmannsgasse stundenlang belagert. Aber grundsätzlich war alles vollkommen ruhig.

Jetzt belagern die feiernden Burschis das Haus, wie mir ein Nachbar erzählt: "Jetzt siehst du Bedirndelte und in Trachten bekleidete Burschen mit Krachledernen voll fett über die Straße fallen. Die Fenster der vorm Eingang parkenden Autos werden mit Leberwurst verschmiert und die Rückspiegel abgeknickt. Die Frequenz der Veranstaltungen und dieser Besäufnisse wird höher."

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  • diamondback | vor 907 Tagen, 21 Stunden, 43 Minuten

    wenn in "zur zeit" ein artikel mit dem titel "unter einem dach mit moslems und radikalen islamisten" erscheinen wuerde, dann wuerde sofort der begriff islamophobie bemueht.

    die meisten menschen suchen sich ihre weltsicht und politische ueberzeugung genausowenig aus wie andere ihre religion.

    unsere demokratie wird es aushalten, wenn sich ein paar burschenschafter lustige huete aufsetzen, mit einem saebel auf den tisch klopfen und einen ueber den durst trinken.

    wenn wir den burschis das versammlungsrecht absprechen, weil uns ihre ansichten nicht passen, dann duerfen wir uns nicht beschweren wenn eine aehnliche forderung ein versammlungsverbot fuer moslems fordert.

    eine demo vor diesem haus spielt uebrigens nur den burschis in die haende.

    ps: joerg haider war im la tavalozza und fluechte durch den hinterausgang durch den hof....also nix rechte verschwoerung...

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    • nanuk | vor 907 Tagen, 20 Stunden, 16 Minuten

      Danke für diesen Kommentar. Ich habe da wenig hinzuzufügen.

      So wenig ich persönlich mit der Gesinnung anfangen kann, so sehr schockiert es mich, wenn diejenigen, die am lautesten Meinungsfreiheit schreien und Voltaire zitieren, dieselbe pauschal der Gruppierung, die einem nicht passt, absprechen. (um Missverständnisse zu vermeiden, das war nicht auf die Autorin oder auf jemanden Speziellen abgezielt)

    • 2000lightyearsfromhome | vor 907 Tagen, 19 Stunden, 52 Minuten

      Außerhalb Österreichs werden wir schon als Negativbeispiel für Demonstrationskultur genannt.
      Konkret im BR im Hinblick auf die WKR-Demos.

    • shiloh | vor 907 Tagen, 18 Stunden, 11 Minuten

      es tut gut, inmitten all dieser von Haß und Fanatismus geprägten Postings zu diversen FM4-Stories mal einen besonnenen und reflektierten Kommentar zu lesen.

    • urck | vor 907 Tagen, 11 Stunden, 6 Minuten

      Jemand anderen der nichts verbrochen hat ausser eine andere gessinung zu haben , egal was für eine bedenkliche das ist, mit gewalt die bewegungsfreiheit einzuschränken........ und das mit dem banner "antifaschismus"..... da muss man lachen über die ironie.

  • lesucre | vor 908 Tagen, 10 Stunden, 11 Minuten

    hast Du auch mit denen mal geredet oder ist das nur ein Artikel um sich auf den "Akademiker"ball einzuschießen?
    Abgesehen davon, linke Sauforgien sind auch nicht besser.

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