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Christian Lehner Berlin

Pop, Politik und das olle Leben

24. 7. 2014 - 06:00

Selfies und Self-Timer Stories

Fast möchte man glauben, das Selfie sei eine Erfindung des digitalen Zeitalters. Nicht nur die Schau „Self-Timer Stories“ widerlegt das eindrucksvoll.

Das orchestrierte „Cheese“ im selbstgestellten Gruppenformat, mittlerweile eine millionenfach vertraute Perspektive.

Vintage Selfie, NYC 1920

Museum Of The City Of New York

Vintage Selfie, New York, 1920

Die Boardwalk-Empire-mäßigen Herren auf dem Bild sind die Fotografen Uncle Joe Byron, Pirie McDonald, Colonel Marceau, Pop Core und Ben Falk aus New York. Die Aufnahme entstand im Dezember 1920 auf dem Dach von Marceaus Studio in Manhattan. Und sie ist wahrlich nicht das erste Selfie der Fotogeschichte.

Wenn wir also wieder einmal durch die sozialen Medien flanieren und uns angesichts des Selbstdarstellungseifers unserer Friends (und unserer selbst) einmal mehr im Zeitalter des Massennarzissmus und der gesellschaftlichen Auflösung wähnen, genügt ein Blick auf das Vintage-Selfie und wir stellen beruhigt fest: Im Akt der Selbstaufnahme kulminieren die urmenschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten sich selbst nahe zu sein und sich selbst wahrnehmen zu können. Bedürfnisse, die nicht erst seit der Erfindung der Fotografie oder den Zeiten der Prohibition, des Charleston und der unfruchtigen Melonen für swingende Egos und ein flüchtiges Gemeinschaftsgefühl sorgen. Wer weiß, vielleicht findet Ihr in der Höhle ums Eck ein Neanderthaler-Selfie.

Self-Timer Stories

Die Schau Self-Timer Stories läuft noch bis 8. September im Austrian Cultural Forum in New York. Ende November ist die Ausstellung erweitert unter dem Titel "Selbstauslöser" im Museum der Moderne Salzburg zu sehen.

Laurel Nakadate: 365 Days: A Catalogue of Tears, 2011

Leselie Tonkonow

Laurel Nakadate: 365 Days: A Catalogue of Tears, 2011

In der Kunst wird das flüchtige Geräusch des Selbstauslösers zum befreienden Moment. „Self-Timer Stories“ heißt die aktuelle Schau im Austrian Cultural Forum in New York, die zwar am Selfie-Hype mitnascht, den Fokus aber bis zurück in die vordigitale Zeit richtet. Gezeigt werden Selbstportraits von insgesamt 20 österreichischen und amerikanischen KünstlerInnen mehrerer Generationen. Dabei geht es der Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein weniger um die Abbildung an sich. Die Aktion des Selbstauslösens und „das Verhältnis zum Apparatus“ stünden im Mittelpunkt der von Dorit Magreiter gestalteten Schau. „Auf diesen Knopf zu drücken erzeugt eine Spannung. Es ist ein unberechenbarer Moment, aber auch ein sehr produktiver. Die Kamera wird zu einer Art Sparringpartner“, so die Kuratorin bei der Eröffnung der Schau.

Peter Weibel: Selbstportrait als Frau, 1967

Fotosammlung des Bundes

Peter Weibel: Selbstportrait als Frau, 1967

Die Spannung des Moments, sie reißt einen Raum auf. Und in diesem Raum wird inszeniert, experimentiert oder alles dem Zufall überlassen. Peter Weibel schlüpft in einer Arbeit aus dem Jahr 1967 in die Rolle einer Frau. Auch Birgit Jürgenssen und Friedl Kubelka untersuchen über Pin-Ups und Nacktfotos tradierte Gender-Klischees. Viele Werke stammen aus der Fotosammlung des Bundes. Es sind historische, aber sehr private Zeugen des Feminismus, der Körper- und Identitätspolitik der letzten fünf Jahrzehnte.

Die Selfies der Social-Media-Sphere kommen aber auch nicht zu kurz. Die US-amerikanische Künstlerin Laurel Nakadate hat sich in ihrer Serie „365 Days: A Catalogue of Tears“ tatsächlich jeden Tag eines Jahres beim Weinen fotografiert und somit den Zwang des Selfies zum idealisierten Abbild gebrochen. Die in Wien lebende Brasilianerin Roberta Lima ist sich wiederum für ihre Prints „RNA Chips And Butterflies“ so nahe gekommen, wie es kaum ein Selbstportrait zuvor geschafft hat. Die Künstlerin hat über eine teleskopische Injektionsnadel ihr eigenes Blut fotografiert und die RNA zum Vorschein gebracht. Mehr Selfie geht eigentlich nicht mehr.

Roberta Lima vor einem ihrer Prints „RNA Chips And Butterflies“, 2008

Christian Lehner

Roberta Lima vor einem ihrer Prints „RNA Chips And Butterflies“, 2008

Die Künstlerportraits der „Self-Timer-Stories“ erzählen durchgehend mehr, als man auf den Motiven sieht. Das Selfie in Facebook und Co. erzählt hingegen oft mehr, als man sehen möchte. Fast ist man erleichtert, dass es ihn noch gibt, den Unterschied zwischen Kunst und Alltag.

Vintage Selfie, NYC 1920 II

Museum Of The City Of New York

So sehen übrigens unsere Vintage-Selfianer von der Seite aus. Man beachte die vertraute Handstellung! Allerdings ist diese "Aufnahme der Aufnahme" gestellt. Einer der Fotografen fehlt. Ihr habt es erraten, er steht hinter der zweiten Kamera.

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  • cesarromero | vor 1153 Tagen, 19 Stunden, 34 Minuten

    Wenn man Fotografie als Teil von Malerei sieht, dann hat dort das Selbstportrait ja sowieso seit Jahrhunderten einen fixen Platz.
    Danke für den Artikel!

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