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Paul Pant

Politik und Wirtschaft

30. 4. 2014 - 13:02

Anleitung zur Ausbeutung

Heil dir 1. Mai, die Prekariarier grüßen dich! Das goldene Zeitalter der WanderarbeitInnen ist endlich zurück in Europa! Der Ausbeuter 2.0 Guide zeigt, wie man sich auf die Seite der kapitalistischen AusbeuterInnen schlägt.

Vorsicht Zynismus! Der folgende Text kann satirische Elemente enthalten und die soziale Nachtruhe gefährden. Wer die Anleitung Punkt für Punkt verfolgt, darf stolz das Internet-Gütesiegel erster Klasse "Arbeitermörder new economy" tragen.

Eine Heerschar irrt umher in Europa – die Heerschar der Prekariarier. Gut ausgebildet, bewaffnet mit Apfel-Notebook und Smartphone sitzen sie in Hinterhöfen auf zerschlissenen Sofas und träumen von dem einen Projekt – ihrem Projekt. ArchitektInnen, FilmemacherInnen, SozialwissenschafterInnen, LandschaftsplanerInnen, reife Früchte, vollgesogen mit universitärem Wissen und unzähligen Praktika. Sie warten darauf, gepflückt zu werden. Ihr Dasein verbringen sie in Gemeinschaftsbüros, wo sie sich Platz zum Arbeiten anmieten, halbtags, ganztags, stundenweise. Fette Legehennen, die gilt es zu rupfen! Deswegen: Scheiß auf die Moral und die Work-Life-Balance: Wir machen ein Start up.

Mit 25 den ersten Porsche, mit 30 die erste Million. Alles nicht mehr so einfach, denkst du? Blödsinn! Du liest die falschen Ratgeber. Hier ein Schnellkurs, wie man sich auf die Seite der geheimen Verführer schlägt. Und mit legalen Strategien sein "Team" ordentlich ausquetscht und gleichzeitig noch ultra fresh'n'fancy bleibt. It's all about motivation.

Humankapital gibt es nämlich genug, Arbeit ebenfalls, nur von den Firmen und Konzernen wollen nur wenige richtig zahlen. Also warum nicht gerade derjenige sein, der abcasht? Social-Media-Agentur, Planungsbüro oder Marketing-Firma, vollkommen egal. Wichtig ist nur, dass du am Buzzer sitzt und drückst, wenn das Geld winkt.

Flipchart

CC-BY-SA-2.0 - Quinn Dombrowski - flickr.com/quinnanya

Punkt eins: die Basis

Freunde dich mit dem Gedanken an: Manipulation ist nur zu deinem Besten. Das Wort Manipulation sollte man für sich selbst einfach nicht mehr negativ besetzten. Gehen wir von der Sichtweise aus, dass alle Menschen den ganzen Tag lang manipulieren, wenn sie eine Handlung setzen, die eine Absicht und Konsequenzen hat. Also eh immer. Damit wirkt das plötzlich gar nicht mehr so negativ – tolle Sache. Nun geht es darum, die künftigen MitarbeiterInnen dahingehend zu motivieren, dass sie für möglichst wenig Geld, im Rahmen der Gesetze möglichst viel arbeiten und darüber hinaus eine so hohe Loyalität zu der Firma entwickeln, dass sie auch noch ihr Privatleben dafür opfern. Dafür braucht es die richtige Strategie!

BFA bzw. Best Friends for Arbeit

Die oberste Leitlinie für ein erfolgreiches Start Up ist das ur-menschlichste Erfolgsmodell: die Familie. We are all a big familiy. Wir arbeiten zusammen, feiern zusammen, wir sind die besten Freunde. Denn mit den besten Freunden verbringt man – meistens – gerne die Zeit, die nach der Arbeit noch übrig bleibt. Und weil man ja dann schon beim Arbeiten ist, kann man die Freizeit mit den Freunden auch gleich sinnvoll nutzen. Der positive Nebeneffekt nach längerer Sozialisation durch den Arbeitgeber ist, dass der eigentliche Freundeskreis sukzessive gegen "Arbeits-Freunde" ausgetauscht wird. Sind nur noch diese übrig: Jackpot, jetzt kann nur noch das Burn-Out den 16-Stunden-Arbeitstag ausbremsen.

Gleicher unter Gleichen

Da du das "Familienoberhaupt" unter all den neuen besten FreundInnen bist, gibt es einen kleinen Haken. Die Arbeit, die du von deinen MitarbeiterInnen verlangst musst du auch selber machen – zumindest muss das die Wahrnehmung der nicht ganz so gleichen Untergebenen sein. So funktioniert das nun Mal. Das goldene Trostpflaster allerdings: Du staubst die Kohle ab. Wie du trotz der flachen Hierarchie deine Interessen durchsetzt und zeigst wer der Chef ist, lernst du bei all den ganzen, tollen Coaching-Strategien. z.B. das GROW-Modell. Das steht für Goal - Reality – Options – Will. Der große Haken dabei: die erfolgreichen Coaching-Wastln setzen beim Motivieren immer auf den eigenen Willen. Den wollen wir aber möglichst ausschalten und nur den Anschein davon überlassen. Deswegen brauchen wir ein besseres Modell.

Startup-Büro

CC-BY-2.0 - Heisenberg Media - flickr.com/heisenbergmedia

Das GLOW Modell

Deine MitarbeiterInnen, Freunde, Untergebenen, Geldesel sollen glühen. GLOW steht für Goal – Laager – Organic binder – Withdrawal. Also: Ziele – Wagenburg – Organisches Bindemittel – Kündigung. Das sind vier Strategien, um der große Hecht im Karpfenteich zu werden. Für den richtigen Umgang mit all diesen Dingen ist es von Vorteil, ein bisschen was von Kommunikationsmechanismen und Rollenverhalten zu verstehen. Einschlägige Literatur bekommt man beim NLP-Basic-Trainer seines Vertrauens.

1. Goal – oder das Karottenprinzip

Hier gibt es zwei Dimensionen. Zum ersten die Antwort auf die Frage, wie man die Mehrarbeit, schlechte Bezahlung und gegebenenfalls schlechte Behandlung und Druck (dazu gleich mehr unter Punkt zwei) gegenüber seinen MitarbeiterInnen legitimiert. Da man ein Start-Up ist, kann man diese Dinge elegant mit der Versprechung vom baldigen Durchbruch und dem Erfolg der Unternehmung vom Tisch wischen. Alle MitarbeiterInnen müssen quasi in der Anfangszeit so richtig reinhackeln, sonst wird das nix. Am besten man verlässt die Startphase nie, da man dadurch hervorragend Gehaltsdruck und unbezahlte Mehrarbeit erklären kann – im Idealfall sogar kostenlose Praktika. So kann man auch aus nicht so bahnbrechenden Erfindungen wie dem Rad oder der Glühbirne wunderbar viel Profit schlagen.

Die zweite Dimension betrifft die Arbeitsaufteilung. Ein/e MitarbeiterIn muss immer zu viel Arbeit haben. Das erreicht man mit möglichst vielen Aufträgen, die man als Einzelner nicht bewältigen kann. Es darf also niemals zu wenig Arbeit oder ruhigere Phasen und Leerläufe geben. Das kann man natürlich nicht verhindern, deswegen bei Zeiten Arbeitsaufgaben überlegen (z.B.: Reporting, Marktanalysen, usw.). Die beste Balance findest man, indem man anfänglich für einen Job drei Personen einstellt, sich ansieht wie viel Arbeit anfällt und sukzessive Posten einspart, bis ein/e MitarbeiterIn die gestellten Aufgaben in acht Stunden nicht mehr bewältigen kann. Dann ist man am richtigen Weg.

Denn: überlastete Menschen suchen in der Regel den Fehler bei sich selber, wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie "nicht effizient" arbeiten. Dann versuchen sie im besten Fall noch härter zu arbeiten. Wenn allerdings Unmut über diese Arbeitsbelastung geäußert wird, muss die "Leistung" oder "Arbeitsweise" in Frage gestellt werden. Das heißt: Die Schuld beim/bei der MitarbeiterIn suchen und auch so im Team kommunizieren. Öffentliche Kritik und an den Pranger stellen wenn jemand scheitert, sind ein probates Mittel. Natürlich respektvoll und immer mit dem freundlichen Hinweis, das im Rahmen einer gesunden Feedback-Kultur zu machen, damit alle etwas davon haben. Schließlich ist es doch unerlässlich, sich täglich weiterzuentwickeln.

(Profi-Tipp: Lege dir einen Kritik-Terminkalender zu. Trag dir hierfür jeden zweiten Tag eine/n andere/n MitarbeiterIn in deinen Kalender ein. An diesen Tagen kritisierst du ihn/sie dann öffentlich. Niemand soll sich in Sicherheit wiegen.)

2. Laager – oder das Wagenburgprinzip

Wir gegen die anderen ist der Kitt, der den rauhen Umgangston und Druck in der Start-Up-Familie entschuldigt. Man bewegt sich auf neuem Geschäfts-Terrain, sozusagen als Siedler und entdeckt die neue feindliche Umgebung gemeinsam. Man ist also aufeinander angewiesen und sitzt zusammen in der Wagenburg. Man leistet Pionierarbeit und schafft einen nachhaltigen "Business Impact", indem man die Welt verändert und verbessert. Dafür braucht man immer eine große Erzählung, die bei jedem/jeder MitarbeiterIn anders aussehen kann. Das Beste ist, wenn sie glauben, man rettet die Welt – das Asset kann man sogar als Social-Media-Agentur verklickern. Man muss es nur ständig machen.

Meeting

CC-BY-2.0 - Heisenberg Media - flickr.com/heisenbergmedia

3. Organic Binder – Das Organisches Bindemittel

Damit die Arbeits-Familie zusammenwächst, veranstaltet man laufend Teamevents. Nach der Arbeit, Freitagsabends, am Wochenende, wann immer es geht. Die Teilnahme sollte natürlich verpflichtend sein. Schon bei der Einstellung von neuen MitarbeiterInnen streich das als positive Eigenschaft deiner Unternehmung heraus. Mach dabei allen klar, dass man eine Familie sei und dass großer Wert auf gemeinsame Aktivitäten gelegt werde. Wenn jemand schwänzt, zeige, dass das nicht gewünscht und anders ausgemacht ist.

(Profi-Tipp: Explizite, persönliche Einladungen vor allen KollegInnen wirken Wunder).

Außerdem kann man mit Skill Days mit externen Trainern das Team noch mehr zusammenschweißen. Sparen bei Klausuren ist der falsche Weg, bei den MitarbeiterInnen ist ohnehin mehr zu holen.
Auch die Mittagspause kann für die Arbeit optimal genutzt werden. Bestehe auf ein gemeinsames Mittagsessen, das kann man nämlich gleich auch als Meeting nutzen, um neue Aufgaben zu vergeben.

(Profi-Tipp: engagiere Stundenweise einen vegetarischen Koch, der in der Gemeinschaftsküche kocht, dann fällt es noch schwerer, Nein zu sagen. Warum vegetarisch: Menschen, die in der Mittagspause Fleisch essen sind nach der Nahrungsaufnahme weniger leistungsfähig als Menschen, die sich vegetarisch ernähren. Man kann also auch beim Treibstoff noch etwas aus dem Motor rauskitzeln. Außerdem macht man etwas voll Nices für die Life-Balance)

4. Withdrawal - Weg mit dem Ballast

Who cares? Leben im Prekariat

Special am Mittwoch, 30. April in FM4 Connected (15-19 Uhr) und auf fm4.ORF.at

Auch bei der besten Start-Up-Coolness ist irgendwann der Lack ab. Das wird dann auch dem/der motiviertesten MitarbeiterIn irgendwann zu dumm und sie wollen Veränderungen sehen. Wenn sie diese auch einfordern, ist der beste Weg, sich schnell von ihm/ihr zu trennen. Es gibt genug andere junge, hochmotivierte und billige MitarbeiterInnen. Außerdem bringen sie immer frischen Wind und neue Ideen in ein Start-up-Unternehmen. Eine Trennung kann also eine Win-Win-Situation für dich sein.

Benefits

Zum Schluss noch was zur Social Responsibility: Die hast du ja auch und dir ist das wichtig: Ermögliche deinen MitarbeiterInnen Fortbildungskurse die schweineviel Geld kosten. Sauviel, unanständig viel Kohle. Irgendein befreundeter Coach, bei dem du dann was gut hast, sollte die leiten. Die Ausbildungen gibt es natürlich nicht gratis, sondern unter der Bedingung, dass man anschließend zwei Jahre lang nicht kündigen darf. Macht das jemand, muss er zurückzahlen. Damit hältst du die Fluktuation niedriger und im Kündigungsfall gibt es noch ein Zuckerl oben drauf.

Zu guter Letzt: das Arbeitsrecht kann man nicht komplett ausschalten. Deswegen lautet das Zauberwort All-in-Verträge oder freie MitarbeiterInnen. Mehr dazu weiß dein/e SteuerberaterIn.

Und noch ein Satz auf dem Weg zu deiner ersten Million: Wenn du das alles befolgst oder dich in dieser Anleitung als ArbeitgeberIn wiederfindest, nimm dir vielleicht am 1. Mai kurz Zeit und denk noch einmal alles durch. Vielleicht hättest du doch lieber echte FreundInnen. Freundschaft!

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