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Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

12. 3. 2014 - 18:06

Folgen Sie dem Hasen!

Wahnsinn und Metaphysisches in kleine, große Popmusik gekleidet. Die Berliner Band Fenster leuchtet mit ihrem wunderbaren neuen Album den Weg. Zielort: "The Pink Caves".

Die Welt ist schlecht, wir müssen eine andere errichten, eine ganz andere. Realität - muss nicht sein, Vernunft, geht gerade mal so. Die Berliner Band Fenster hat mit ihrem zweiten – es soll hier ohne größere Ablenkung stehen: hervorragenden – Album dem Eskapismus ein paar weirde, wilde und auch liebliche Liedchen in die flüchtige Aura geschrieben. "The Pink Caves" nennt sich die wie schon auch der Vorgänger "Bones" beim Berliner Label Morr erschienene Platte - und da kann man also vielleicht schon am Titel ein bisschen sehen, dass hier nicht immer unbedingt von der Geografie dieses, uns bekannten Planeten die Rede sein wird.

Fenster sind mittlerweile ein Quartett, im Zentrum stehen nach wie vor die ursprünglich aus New York stammende JJ Weihl und der gebürtige Berliner Jonathan Jarzyna: Sie rotieren am Gesang und den Instrumenten, teilen sich das Songwriting. Unterstützung an Geräten und Geräuschen kommt vom Allrounder Rémi Letournelle und, im Studio, von Produzenten Tadklimp. Live ist seit einiger Zeit der Franzose Lucas Chantre der vierte Mann. Es ist alles ein munteres Ausprobieren, Herumreichen, Rasseln, Rascheln und Zusammenflicken.

Fenster

S. Urzendowsky J. Alsleben

Fenster

Bei Fenster steht der Albumtitel als Konzept vor der Entstehung der Musik. Im Falle von "The Pink Caves" war die Beschäftigung mit Science-Fiction-Kram ein Auslöser. Das Interesse am Okkulten und am Mystizismus. Laut Angabe der Band soll im konkreten Fall in einer TV-Dokumentation über speziell durchgeknallte US-Amerikanische Sekten, denen die Praxis der Gehirnwäsche vielleicht nicht fremd ist, von sogenannten "Pink Caves" als Art Afterlife, Jenseits oder Paradies die Rede gewesen sein. Man darf sich "The Pink Caves" von Fenster also gerne als verwunschene Fantasy-Welt vorstellen, als komischen Wüstenplaneten oder gar als gruselige Höhlenlandschaft. Es blinkt so fein. Aber ist es alles bloß eine böse Verlockung?

In musikalischer Hinsicht gibt’s hier wieder schönes Folk-Gepolter und Rumpel-Indie mit allerlei Klapper- und Klopfgeräuschen zu hören, Synthesizer, Elektronik, die lustig blubbert und faucht. Aufgenommen haben Fenster die Platte in einem kleinen Häuschen, dort vorgefundenes Spielzeug, Maschinchen, Field Recordings und Staubsauger in den Mix geschnitten. Diesmal jedoch nicht als sensationelle Signale wie noch auf "Bones", wo man noch meinen konnte, das Schlagen einer Aufzugtür, das Pfeifen des Heizkörpers oder das Vorbeirauschen der S-Bahn bestens aus der Musik herauszuhören.

Diesmal generieren diese Sounds atmosphärischen Bonus-Wert. Es scheppert und kratzt und ächzt auf "The Pink Caves" zwar nach wie vor putzig, diesmal fließt und wabert es aber auch recht geschmeidig. Die Synthesizer scheinen wichtiger. Fenster machen auf "The Pink Caves" die ganz große Zauberkiste auf. Merkwürdige Quietscher und Brummer gilt es zu erleben, kosmisches Zwitschern - man weiß gar nicht mehr ob hier singende Sägen am Werke waren oder gar ein Theremin? Perfekte Popsongs und akustische Feuerwerke. Eine Halluzination in allen Farben aus Timothy Learys Malkasten - vor allem aber wahrscheinlich in Pink.

Fenster

Fenster

"The Pink Caves" von Fenster ist bei Morr Music erschienen

Dazwischen funkeln dunkle Songs, die eventuell gerade noch als "Liebeslieder" durchgehen, karg, reduziert und unheilvoll. Lieder wie zum Beispiel das Stück "True Love", das davon handelt, dass eine Frau ihren Geliebten töten muss oder will. Und das sicherlich, um auch mal wieder ein Klischee zu bemühen, in einem Film von David Lynch gut Platz hätte. Anderswo werden in den Texten post-apokalyptische Zustände heraufbeschworen, dann wieder wird von allerlei Spiegeln und Spiegelungen gesungen und werden schwindlig machende Alice-im-Wunderland-Szenarien zum Leben erweckt: Kindlich, verspielt, verpeilt, Pilze mit seltsamer Wirkung.

Eine betörende Rauscherfahrung, die bei allem abenteuerlichen Wegtrippen nie konturlos wird. Das sind schon alles noch immer konzentrierte und echte Lieder. Man braucht sie für eine Acid-Reise mit lieben Menschen. Oder ist "The Pink Caves" schon das Dokument davon? Aus finsterem Minimalpop und versponnener, bunter Psychedelik erwachsen hier Reiche voller Zuckerkick und Ekstase. Hypnose und Halbschlaf gehen aber auch. Horrorvision, Geisterbahn, Regenbogen, Erlösung, klinisch verrückt. Wir werden niemals wieder normal werden. "Normal"?, haha.

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