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Musik, Film, Heiteres

Conny Lee

Prokrastinative Hinterstübchen des Alltags

20. 1. 2014 - 14:56

Wer schön sein will muss leiden

"Schönheit", das neue Comic von Kerascoet und Hubert, erzählt ein Märchen von Sein und Schein.

Cover, Schönheit

Reprodukt

"Schönheit" von Kerascoet & Hubert ist erschienen bei Reprodukt, in einer Übersetzung aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock

Das hässliche Entlein, Die Schöne und das Biest, Schneewittchen: berühmte Beispiele aus der Märchenwelt, die sich mit den Themen Schönheit, Eitelkeit und Oberflächlichkeit befassen. Ebenso das Comic "Schönheit" von Kerascoet und Hubert, das auch sonst so voller Gewalt und menschlicher Abgründe ist, wie man es von alten Grimm-Märchen gewohnt ist: Mord, Sex, Vergewaltigung, Inzest - all das ist zu finden in der Geschichte um ein Mädchen, das schön sein wollte.

Ein Wunsch

Das Mädchen Morue arbeitet als Magd und tut tagein, tagaus nichts anderes als Fische zu entschuppen. Daher haftet ihr der Fischgeruch an, ganz gleich wie viel sie sich auch wäscht (und obendrein heißt Morue auf deutsch "Kabeljau"). Doch das ist nicht ihre schlimmste Sorge. Sie wird von allen für ihr Aussehen verspottet, für ihre abstehenden Ohren und ihr fliehendes Kinn. Auch sie selbst findet sich recht hässlich. Eines Tages erlöst Morue jedoch durch Zufall eine Fee namens Mab von einem Fluch und hat daraufhin einen Wunsch frei. Schön möchte sie endlich sein.

Comic

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- Man kann zwar nicht ändern, was du bist, aber doch, wie man dich sieht.
- Aber werde ich schön sein?
- Du willst Schönheit, du sollst sie bekommen, in aller Augen wirst du die Schönheit selbst in Frauengestalt sein. Dank dieses Zaubers überstrahlst du noch die allerschönste Sterbliche, die je geboren wird.

So schön ist Morues Erscheinungsbild fortan, dass die Männer aus ihrem Dorf regelrecht über sie herfallen, sie in einen Schuppen sperren und darüber streiten, wer sich als erstes über sie hermachen darf. Und die Frauen, gekränkt, weil ihre Männer kein Interesse mehr an ihnen haben, beschließen, Morues Gesicht mit glühenden Kohlen zu entstellen. Morue kann entkommen und wird von einem edlen Ritter gerettet. Sie flieht mit ihm auf sein Schloss und könnte von nun an ein zufriedenes Leben führen.

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Mab, die Fee, stachelt sie allerdings an, sich damit nicht zufrieden zu geben. Mit ihrer Schönheit könne Morue, die fortan nur mehr "Schönheit" genannt wird, sogar den König haben, wenn sie wollte. Recht bald erinnern wir uns daran, dass es im Märchen ja nicht nur die gute Sorte von Feen gibt, sondern eben auch die bösen. Und zu genau dieser Sorte gehört Mab. Und der Zauber, mit dem sie Morue zur Schönheit machte, stellt sich im Laufe der Geschichte als Fluch heraus.

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Morue bzw. Schönheit trifft tatsächlich auf den König, der, nachdem er sie erblickt hat, Frau und Kind verlässt, um Schönheit zur Königin zu machen. Von da an folgt ein Unglück dem nächsten: das Land versinkt in Krieg und Armut, weil der König sich nur noch darum kümmert, Schönheit glücklich zu machen. Nahezu alle Menschen in Schönheits Nähe müssen im Laufe der Geschichte ihr Leben lassen. Sie selbst wird wiederholte Male gefangen genommen, verkauft, verraten und eingekerkert.

Eine Stärke der Geschichte ist dabei, dass die Protagonistin weder die gute Heldin noch eine verdammenswerte Antiheldin darstellt. Sie vollzieht, überaus menschlich, im Laufe der Geschichte viele Wandlungen, verhält sich manchmal egoistisch und eitel, dann wieder ist sie die verletzliche Außenseiterin, die nur glücklich werden möchte. Immer wieder schlagen Kerascoet und Hubert in ihrer Erzählung Haken, mit denen man nicht gerechnet hat, und überraschen uns mit einer neuen Wendung.

Die Unverblümtheit von Sex und Gewalt steht dabei in Kontrast zu den bunten Bildern, die auf den ersten Eindruck unschuldig und naiv wirken. Wir sind von klassischen Märchen gewohnt, dass ältere, kannibalische Damen in Öfen verbrannt werden oder Jäger als Auftragskiller gezwungen werden, hübschen Stieftöchtern das Herz herauszuschneiden. Kerascoet und Hubert aber treffen uns auf andere Art, wenn sie Bilder von Krieg und Vergewaltigung zeichnen.

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"Schönheit" ist an vielen Stellen ernst und an ebenso vielen überaus humorvoll. Es ist ein komplexes Märchen, mit vielen Plottwists und Nebenhandlungen, doch dabei immer stimmig. Am Ende steht keinerlei Moralkeule à la "wer schön sein will muss leiden" oder "pass ja auf, was du dir wünschst". Vielmehr wird der Begriff "Schönheit" von mehreren Seiten beleuchtet - ebenso viele Erkenntnisse kann man aus dieser Geschichte mitnehmen.

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  • gerlinde666 | vor 1190 Tagen, 3 Stunden, 10 Minuten

    "ältere, kannibalische Damen" ... ahahaha!

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