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Boris Jordan

Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger.

27. 10. 2013 - 19:10

"You keep me hanging on"

Mit Lou Reed starb das Coole, das böse Schillernde des alten Pop. Plus: Das Special zum Nachhören

Tipp

Das Lou Reed Special zum Nachhören gibts am Ende dieser Geschichte.

Was soll man sagen?

Der alte Mann mit der Lederhaut ist tot. Viele ahnten es schon, weshalb nicht wenige Medien ihre mehrseitigen Nachrufe schon verdächtig kurz nach dem Bekanntwerden von Reeds Tod parat hatten.

Im Sommer hatte er sich noch einer Lebertransplantation unterzogen und seine Frau, Laurie Anderson, ließ durchblicken, dass er es wohl nicht mehr lange machen würde. Überall auf der Welt beweinen Social-Media-User seinen Tod und posten seine süßen, tonlos vorgetragenen morbiden Kommentare zum Leben, dem ganzen Leben, Tod, Sex, Schock und Schmerz, aber auch das lässige "hey babe" aus seiner einzigen totgespielten "Adult Oriented Radio" Nummer, Such a perfect day, drink Sangria in the Park, It's so cold in Alaska und I won't play football for the coach.

Was soll man sagen?

Reeds Band Velvet Underground, in den Hippie Sixties trotz aller Dringlichkeit eine Art Jahrmarktsattraktion (als die sie auch inszeniert wurde, mit Feuerspuckern und Peitschenschwinger), eine weitere spinnerte Idee des spinnerten Andy Warhol, aus der Zeit gefallen in der vielleicht wichtigsten Zeit des Pop, hat sich seitdem zur vielleicht wichtigsten Band von jedem und jeder gemausert, der/die in seinen musikalischen Ausflügen in die Urdekade des Pop nicht bei "Wear Your Love like Heaven" enden wollte.

Die Sixties hatten Reed am Ende auch recht gegeben, die fröhliche Selbstbefreiungsdekade war schnell zu Ende, eine härtere, urbane Gangart erschien, die Idylle war von Napalm verätzt, am Ende der Dekade zählten nicht mehr Blumen im Haar und freie Liebe, sondern die Weathermen statt der Merry Pranksters, Vietnam statt Haight Ashbury, Altamont statt Woodstock, Heroin statt Gras.

Rock'n'Roll

Hinweis

2010 war Lou Reed zu Gast bei der Viennale. Aus Anlass seines Todes widmet ihm das Filmfestival einen Abend mit Musik und Lesungen. Donnerstag, 31. Oktober, 2013, 20 Uhr.

An Evening to Remember: A program dedicated to Lou Reed

im Viennale Festivalzentrum, Dominikanerbastei 11, 1010 Wien

Reed, der die Batikzeit schon mit Lederjacke und Sonnenbrille, dem Lesen von moderner Lyrik und einer quälenden Langeweile über die lächelnden Hippies mit den wäßrigen Augen übertaucht hatte, machte sich daran, die Seventies im Triumvirat mit Bowie und Iggy nach seinem Belieben zu formen, zynisch und dunkel, dekadent und abseitig, aber immer mit einer guten Portion Lebenshunger und Momentverehrung, der dem Rock'n'Roll eigen sein muss. Rock'n'Roll ist bei aller inszenierten Kunsthaftigkeit, allem Tai Chi und aller Poesiehudelei das Leitmotiv in Reeds Leben geblieben.

"You can't beat two Guitars, Bass, Drums", hatte er über sein spätes Meisterwerk "New York" gesagt. Man kann sagen, dass das Nicht totkriegen der alten Dame Rock'n'Roll eines der großen künstlerischen Lebenszwecke dieses Toten gewesen ist.

Reed soll ein echter Ungustl gewesen sein. Das sagen nicht nur Journalisten (von denen wir bekanntlich alles wissen, was wir wissen), zu denen Lou Reed stets legendär unfreundlich und arrogant zu sein pflegte. Sogar mit dem nachweisbar nettesten aller Musiker, David Bowie, vermochte er 20 Jahre im Streit zu leben, mit Cale sowieso, und die CBGBs Punks beschimpfte er als "illiterat". Die anderen Velvets, Cale, Sterling, der empfindliche Warhol, vor allem Mo Tucker ("diese Jungs mögen keine Frauen") hielten seine Unleidlichkeit auch irgendwann nicht mehr aus, obwohl Mo noch bei ihm blieb, als er schon voll auf Ego Trip war, und die bröselnde Marke Velvet Undergound, in jedem Arm ein hungriges Kind, bis in die Siebziger am Tourleben hielt, mit den zwei braven Yule Brüdern und einem Mann an Reeds statt, der bezeichnenderweise Wille "Loco" Alexander hieß.

Unca Lou

Martin Blumenau über Lou Reed im daily Blumenau. Monday Edition, 28-10-13

Aber da hatte sich Lou schon die Fingernägel schwarz lackiert, in S&M Klamotten gehüllt und sich dem Heroin und der Dekadenzinszenierung hingegeben. Das "Böse", "Dunkle", "Morbide" das ihm immer zugeschrieben wird, funktionierte - ebenso wie bei der anderen "bösen" "dunklen" Figur, Iggy Pop, dem Bruder im Geiste auf der gegenüberliegenden Seite der Drogenskala, Adrenalin statt Amphetamin - am besten, wenn es über pfeifwürdigen Kinderliedmelodien vorgetragen wurde. Diese verliehen dem Œuvre des dunklen Prinzen die unkaputtbare Macht: jedes Kind kann das "tub di tub" von "Walk on the wild side" verstehen, ohne sich darum zu kümmern, dass hier Transsexuelle gefeiert wurden. Und "Perfect Day" kann auch von Susan Boyle totgeknödelt werden, ohne zu sterben. "Waves of Fear", ein echter Walzer, würde den Sängerknaben gut stehen, die Mehrsprachigen unter ihnen dürfen auch zum Text dazu weinen. So ist das unwichtigste unter Lou Reeds Werken, das unhörbare "Metal Machine Music" weniger kräftig als der zugekleisterte Kitsch von Berlin, der Black Angels Death Song weniger düster als Pale Blue Eyes.

Das wusste Reed, das wusste Cale, das weiß Bowie, das ist Pop.

Lou Reed

DPA/Matthias Balk

Reed und Cale hatten sich getroffen, als das Hit-Label "Pickwick" Records eine Band zusammenstellte um den von Reed geschriebenen Witz "The Ostrich" zum Hit zu machen. Der arrogante Europäer Cale, damals schon mit klassischem Bildungskanon, muss eine Mischung aus Amusement und Bewunderung empfunden haben, als der dünne jüdische Junge bei der Aufnahme einfach alle seine Gitarensaiten auf den selben Ton stimmte (das so genannte "Ostrich Tuning") und so in der ersten Sekunde, in der sich die späteren Velvets trafen, nebenbei eine ihrer besten Ideen gebar. Mit dem Ostrich Tuning entstand eine frühe Version von dem, was heute "drone" heißt und was die süßen Kinderliedmelodien zusammen mit den dunklen Texten zu dem machte, was heute überall als einflußreich zitiert wird.

Aber wenn Lou nicht damals schon Zeit gefunden hätte, dem Mitmusikergenie "Heroin" vorzuspielen, wäre aus der Teilnahme am "Exploding Plastic Inevitable" wohl nichts geworden. Cale erkannte die Einzigartigkeit des nervösen Jungen, der sich möglichst cool geben wollte, und so tauchten die beiden kauzige Einzelgänger in die glamuröse, ironische und kunstumwälzende Welt des Andy Warhol, dem vielleicht wichtigsten Menschen in Reeds Leben. Nichts mehr würde so wie früher sein. Alle waren Superstars und tanzten zur sägenden Bratsche, zu den Peitschen des devoten Dieners Severin und zum Nazi-Akzent der schönen Nico, die teilnahmslos inmitten des kunstvollen Lärms thronte wie eine schwebende Fee auf einem Schlachtfeld. All das war so perfekt und dialektisch, dass sich dem seither kaum wer zu entziehen vermag.

Lou Reed

EPA

Überall herrscht Trauer und eine Lähmung, wie man sie sonst vielleicht beim Ableben von Kindern oder jungen Genies empfinden würde, nicht beim Tod eines leberkranken Siebzigjährigen. Jeder Mensch, mit dem ich gesprochen habe, hatte eine Lou-Reed-Phase, und so weicht die Trauer um den Tod sofort einem hektischen Gespräch um Songzeilen, Liedanfänge, Besetzungen, Konzerte, Erinnerungen an das nächtelange Mitsingen von "Caroline Says ll", an Tanzen zu "Perfect Day" mit einer Glühbirne unter einem gelben Plastikkübel als einziger Beleuchtung, an selbstgemalte "Ride Sally Ride"-T-Shirts, an die Wucht von "Some Kinda Love" (mit Robert Quine) im Radio des mütterlichen R4 auf einer anständigen Bergstraße, an die Schönheit von "All Tomorows Parties" als Schlußsong einer solchen und und und.

Und daraus wird ein prächtiger Haufen, auf dem der brennende Leichnam des Onkels entfacht wird (wir nannten Reed immer "Onkel Lou" und Cale "Papa John"), und die Trauer weicht fast einer, wenn nicht Fröhlichkeit, so doch Euphorie über die Größe und Coolness und Weisheit, die dieser Große, coole Weise uns geschenkt hat.

Wer diese Gefühle in der Stunde seines Todes erzeugt, kann niemals sterben.

Lou Reed Special zum Nachhören

Zum Tod von Lou Reed: Ein Special in der Grauen Lagune vom 27. Oktober 2013, hier für sieben Tage zum Nachhören.

FM4 Die Graue Lagune

    FM4 Homebase zum Tod von Lou Reed

    Der große alte Mann der Sleaze-Avantgarde, der Prince of Cool, der Bandleader der vielleicht wichtigsten Band New Yorks ist tot. Anlässlich des Todes von Lou Reed widmen wir uns verschiedenen Aspekten seines Lebens. Martin Pieper gibt eine Einführung in die glitzernde Welt von Andy Warhols Factory, in die Lou Reed Mitte der sechziger Jahre eintauchen durfte, als Warhol Manager der Velvet Underground wurde und die Band Teil seines „Exploding Plastic Inevitable“ Spektakels. Robert Rotifer widmet sich der Rolle Lou Reeds als Gitarrist und Songwriter, der inmitten der explodierenden Blasenwelt der psychedelischen Ära auf Minimalismus und Lärm setzt und für eine spätere Generation stilbildenden Satz prägt, dass, wer mehr als zwei Akkorde spielt, schon „knietief im Jazz“ stecke. Christian Fuchs erklärt das Phänomen Velvet Underground und wie nun bereits vier Generationen die Platte mit der Banane als lebensveränderndes Kunstwerk wahrnehmen konnten. Und Christian Lehner berichtet direkt aus New York, dass nun nach dem Ableben seines vielleicht größten Sohnes in tiefer Trauer liegt. Dazu spielen wir die besten Songs aus vierzig Jahren Lou Reed’schem Schaffen.

    FM4 Lou Reed Special