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Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

6. 12. 2013 - 00:21

Viva, viva my president!

Von The Special AKA bis 46664 - Ein Rückblick auf Nelson Mandela als Pop-Phänomen.

Die Geschichte von Nelson Mandela und der globalen Popkultur beginnt im Jahr 1984 mit einem nahöstlich angehauchten Bläsersatz, gefolgt von einem südafrikanischen Beat.

Ich sage bewusst „globale Popkultur und Nelson Mandela“, nicht Pop und Apartheid, da müssten wir viel weiter zurückgreifen. Konkret denke ich dabei natürlich an die Figur des Jerry Dammers, Hauptsongschreiber und Anführer der Ska-Revival-Pioniere The Specials, zu jener Zeit genauer The Special AKA genannt, weil Sänger Terry Hall zuvor die Band verlassen hatte.

Dammers hatte 1983 ein Anti-Apartheid-Konzert besucht und davon enthusiasmiert jenen plakativen Song geschrieben, der dank Elvis Costellos demonstrativ gut gelaunter Produktion und der fordernden Stimme des neu rekrutierten (und gleich darauf wieder vergraulten) Sängers Stan Campbell zu einem der wirksamsten Protestvehikel der Popgeschichte überhaupt geriet.

Stan Campbell

Robert Rotifer

Stan Campbell im "Nelson Mandela"-Video. Bezeichnenderweise nie in einem gemeinsamen Shot mit der Band zu sehen!

21 years in captivity
Shoes too small to fit his feet
His body abused but his mind is still free
Are you so blind that you cannot see? I said…
Free Nelson Mandela, I'm begging you
Free Nelson Mandela

Als ich diese Zeilen als 14- oder 15-jähriger zum ersten Mal hörte, war das meine erste Begegnung mit dem Namen Mandelas. Und ich war ganz sicher nicht der unpolitischste Mensch in meinem Alter. Es war die Zeit der großen Boykott-Bewegung gegen das Apartheid-Regime in Südafrika. Welche Orangen oder Bananen man kaufte, wurde zum großen Politikum. Aber wie jeder Aktivismus, der sich über einen Konsumboykott äußert, hatte auch dieser aus der jugendlichen Perspektive des Taschengeldempfängers betrachtet einen eher abstrakten Anstrich.

„Nelson Mandela“ von The Special AKA dagegen machte das Anti-Apartheid-Thema nachfühl- und (wichtig) tanzbar. Die erste Zeile nahm einen sofort mit: 21 Jahre in zu kleinen Schuhen gehen zu müssen, das war so ziemlich das unwichtigste Detail, das es über Nelson Mandelas Haft in Robben Island zu wissen gab, aber man spürte es förmlich in den eigenen Zehen. Dass Stan Campbell selbst ein Schwarzer war, verlieh der Botschaft der Specials, die trotz ihres Hautfarbengemisches in Dammers und Hall immer weiße Wortführer zu haben schienen, noch zusätzliche Integrität. Nelson Mandelas Porträt auf dem Plattencover wiederum verströmte Energie und Freiheitsromantik. Und im Gegensatz zu Ché Guevara war das eine Figur aus unserer Gegenwart, verbunden mit einem unerreichten, rechtschaffenen Ziel, dem Ende des rassistischen Systems.

Plattencover Nelson Mandela, The Special AKA

Chrysalis

1984 war natürlich auch das Jahr von Band Aid, gefolgt von Live Aid im Sommer darauf, einer zurecht viel kritisierten Veranstaltung, die jedenfalls unbestreitbar die politisch motivierte Benefizveranstaltung als globales Fernsehformat einführte.

Und es konnte nicht lange dauern, ehe das Pop-Business auch die Sache der Anti-Apartheid-Bewegung an ihr nicht ganz uneigennütziges Herz drückte und ihre Gefühle in einen sentimentalen Telethon fasste.

Mit Jerry Dammers' Einverständnis hielt der Produzent und Veranstalter Tony Hollingsworth am 11. Juni 1988 ein gigantisches 70. Geburtstagsständchen für den immer noch vom Apartheid-Regime inhaftierten Nelson Mandela im Wembley Stadium ab - ein wahres Lehrbeispiel, sowohl für das ungeheure politische Potenzial als auch für die hässlichen Hintergrundgeschichten, die auf maximale Publikumsresonanz ausgelegte Ereignisse dieser Art mit sich bringen.

Zweifellos trug die Übertragung des „Nelson Mandela 70th Birthday Tribute“ in 67 Länder zur Beschleunigung der Freilassung Mandelas bei, schon allein weil die übertragenden Sender - darunter auch das amerikanische Fox-Netzwerk - ihn in ihren Nachrichtensendungen fortan kaum mehr als „Terroristenführer“ bezeichnen konnten.

Als schon alles geplant war, versuchten noch 24 konservative Unterhausabgeordnete, auf parlamentarischem Weg die BBC von der Ausstrahlung einer "terroristenfreundlichen Veranstaltung" abzuhalten, aber die sonst in solchen Dingen leicht verschreckte öffentlich-rechtliche Corporation blieb auf Kurs. "Mandela Day" war nicht mehr aufzuhalten.

In seiner Paranoia vor möglichen Ausschaltimpulsen stellte Hollingsworth allerdings ein Programm mit in diesem Kontext peinlichem Übergewicht an weißen MOR-Stars zusammen: Leute wie Dire Straits, Sting, Peter Gabriel, Whitney Houston, Wet Wet Wet, die Eurythmics, den noch vor seiner „Freedom!“-Emanzipationsphase stehenden George Michael und die Simple Minds, allesamt Typen, die sich vielleicht nominell auf den Höhepunkten ihrer kommerziellen Karriere, aber ganz sicher (mit Ausnahme Houstons) weit jenseits des Zenits ihrer popkulturellen Relevanz befanden.

Was afrikanische Namen anging, durften Größen wie Salif Keita oder Youssou N'Dour jeweils nur einen Song, ja selbst die große Anti-Apartheid-Aktivistin Miriam Makeba nur ein Lied allein, sowie eines gemeinsam mit ihrem Ex-Ehemann Hugh Masekela vorbringen.

Dabei hatte Masekela, der selbst 1985 von Nelson Mandela persönlich aus dem Gefängnis Geburtstagsgrüße zugeschickt bekommen hatte, in Form von „Bring Him Back Home (Nelson Mandela)“ einen Song geschrieben, dessen Bläser-Riff wie eine Antwort auf jenes von The Special AKA klang.

Single-Cover Bring Him Back Home

WEA

Bring back Nelson Mandela
Bring him back home to Soweto
I want to see him walking down the streets of South Africa
Tomorrow

Auch dieser Song war in Wembley nicht zu hören. Zu politisch.
Es kam zu allerhand Dramen im Vorfeld wie etwa einem Redeverbot für Jesse Jackson (zu radikal) oder einem Singverbot für Harry Belafonte (angeblich nicht prominent genug), verschlimmert noch durch das Debakel eines fehlgeschlagenen Überraschungsauftritts von Stevie Wonder (der die Festplatte mit den Playbacks für sein Synclavier vergessen hatte, aus dem Stadion lief und nur mit Mühe für einen Song zurückgeholt werden konnte).

Ein wesentlich schwerwiegenderer Makel war wohl die Zensur durch das Fox-Netzwerk, das seine Übertragung in die USA von konkreten Referenzen auf Mandela säuberte und der Veranstaltung in allen Moderationen und Promo-Trailern den unverfänglich unkonkreten Namen „Freedomfest“ verlieh.

Trotz alledem etablierte das Konzert Mandela in der globalen öffentlichen Wahrnehmung als Symbolfigur gegen den Rassismus.

Im April 1990, zwei Monate nachdem Mandela endlich seine Freiheit errungen hatte, fand zur Feier noch ein Konzert in Wembley statt (unter anderem mit Neneh Cherry, Neil Young, Lou Reed, den Neville Brothers und Aswad).

Bezeichnenderweise zögerte Mandela damals, nach London zu kommen, hatte Premierministerin Margaret Thatcher doch beharrlich die Wirtschaftssanktionen gegen Südafrika abgelehnt. Er kam schließlich doch und schüttelte ihr sogar die Hand. Obwohl er der Ältere der beiden war, sah das aus wie die Begegnung einer kommenden Ära mit einer, die gerade verging. Im November desselben Jahres war Thatchers Laufbahn dann auch schon Geschichte.

Mehr als ein Jahrzehnt später machte Nelson Mandela das Medienformat Benefizkonzert schließlich zu seinem eigenen Instrument, indem er die (nach seiner Häftlingsnummer auf Robben Island benannte) Charity-Plattform 46664 für Aufklärung über HIV/Aids gründete (in kontroversem Widerspruch zur damaligen Verleugnungspolitik der ANC-Regierung).

Unter dem Banner von 46664 sollten so unterschiedliche Leute wie Beyoncé, Robert Plant, Yusuf Islam (Cat Stevens) oder der unvermeidliche Bono singen, nicht zuletzt auch der überlebende Rest von Queen (die bekanntlich zu Apartheid-Zeiten im weißen südafrikanischen Touristenparadies Sun City gespielt hatten). Die Rekrutierung von Mainstream-KünstlerInnen für den ersten "Mandela Day" war äußerst zäh verlaufen. Jetzt dagegen sagte niemand mehr nein zu Mandela.

Das Problem an großen symbolischen Gesten ist freilich, dass sie sich irgendwann abnützen. Spätestens beim 46664-Event im Hyde Park zu Mandelas 90. Geburtstag, beendet von einer aufgeblähten, wacklig dahin genudelten Version desselben alten Specials-Songs mit denselben alten und ein paar neuen Stars, allen voran am Hauptmikro Amy Winehouse, die Jerry Dammers Zeilen bis weit über die Grenzen jeder Verständlichkeit dehnte - nur für den Fall, dass irgendwer daran zweifelte, dass sie selbst und nicht der Song im Mittelpunkt stand. Am Ende mischte sie sogar noch die Worte "Free Blakey, my fella" unter die "Free Nelson Mandela"-Chöre (ihr damaliger Ehemann saß gerade wieder wegen irgendeiner Pub-Schlägerei oder sonstwas im Gefängnis).

Popstars, selbst die frühverstorbenen, sind eben nicht immer die verlässlichsten Botschafter ideeller Anliegen.

Und das war dann wohl auch der letzte Moment der Symbiose von Nelson Mandela und Popkultur. Ab jetzt geht das Verhältnis nur mehr in eine Richtung (während diese Zeilen geschrieben werden, gehen garantiert schon ein paar Gedenksongs online).

Übrigens gab es umgekehrt auch einen Popstar, der von Nelson Mandela am Sterbebett besucht wurde, und zwar Brenda Fassie, die "Madonna of the Townships", die ihm 1989 den Song "Black President" (erschienen 1990) widmete und 15 Jahre später nach einem kokain-induzierten Herzinfarkt im Koma lag.

Plattencover Brenda Fassie: Black President

public domain

So viel ich weiß, wurde Brenda Fassie zu keinem der internationalen Tributes eingeladen.

"I will die for my president", hatte sie makabrerweise gesungen, "I will sing for my president, I will stand and say, Viva, viva, viva my president!"

Mandela war zu diesem Zeitpunkt noch eingesperrt gewesen, Fassies Text war also bei weitem nicht so banal, wie er sich heute liest. Mittlerweile ist von vielen Hoffnungen aus dieser Zeit und der Zeit seiner tatsächlichen Präsidentschaft nur mehr ein Echo geblieben.

Ich für meinen Teil lege jetzt wieder die Special AKA-Maxi auf und warte auf die Stelle, wo alles andere aussetzt bis auf eine einsame, mächtige Bassdrum, die, von Echo beflügelt, die Bodenbretter zum Schwingen bringt.

Und dann springe ich dazu durchs Zimmer like it's 1984.

Begging you, begging you, begging you. You've got to free him, yeah.

PS: Ja, die Spice Girls traf er auch einmal.
PPS: Was wurde aus Stan Campbell?
Ich habe neulich diesen eher erschütternden Blog-Eintrag über ihn gefunden. Ob das alles stimmt, kann ich freilich nicht sagen.