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Eva Umbauer

Popculture-Fan und FM4 Heartbeat-moderierende Musikjournalistin.

28. 5. 2013 - 17:50

Savages. "Silence Yourself"

"Silence Yourself" ist das Debutalbum der Londoner (Frauen-)Band Savages.

Savages. Wilde. In diesem Fall auch ganz schön wild Gehypte. Aber nicht hinter jedem Hype soll man gleich Schlechtes vermuten, auch wenn es sich hier "nur" um neuen Post-Punk handelt, Post-Postpunk also irgendwie, gespielt von einer Französin und drei Britinnen - davon eine mit pakistanischen Wurzeln. Da fallen mir die 1990er Jahre ein und die Voodoo Queens mit ihrer indischstämmigen Sängerin, und da fällt einem auch vielleicht die frühe PJ Harvey ein. Pop Noir nennt die französische Sängerin/Texterin der Savages ihr Plattenlabel, so wie Film Noir. Französischer Intellektualismus? Ja, schon ein wenig.

Savages waren Ende 2012 auf der BBC-Liste von Bands, die 2013 größer bekannt werden könnten.

Frauenquartett Savages - UK

guardian uk

Einflüsse: Siouxsie Sioux, Patti Smith, Wire, Band Of Susans, Sonic Youth, Joy Division, Fugazi, Elastica, Slits, Au Pairs, Raincoats etc

Jehnny Beth nennt sich die Stimme der Savages. Eigentlich heißt sie ja Camille Berthomier. In Frankreich - in der Stadt Angouleme - war die auch als Schauspielerin tätige Camille ("A Travers La Foret") Teil des Indiepop-Duos John & Jehn. Zusammen mit ihrem Partner Nicolas Conge - John - zog sie vor sechs Jahren nach London, um dort mit dem Duo ihr Glück zu versuchen. Die beiden sind nach wie vor ein Paar, auch wenn es John & Jehn zur Zeit nicht gibt. Als Johnny Hostile co-produzierte Conge das Debutalbum der Savages. Gitarristin Gemma Thompson sprach mit Jehnny Beth etwa ein Jahr lang über die Idee einer gemeinsamen Bandgründung, und von ihr kommt auch der Bandname: Savages, konkret inspiriert vom Roman "Lord Of The Flies", jenem brutalen Roman-Epos des britischen Schriftstellers William Golding aus dem Jahr 1954. Am Schlagzeug der Savages sitzt Fay Milton, die vorher Garagerock gemacht hat, und am Bass ist Ayse Hassan. Noch mag die Ästhetik der Savages ein klitzeklein wenig größer sein als ihre Musik, aber das macht eigentlich nichts. Lesen wir einfach ihr "Manifesto" am Albumcover. Warum der Longplayer "Silence Yourself" heißt, erklären die Zeilen, die Jehnny Beth auch im - eh klar - Schwarz-Weiß-Video zum Song "Shut Up" laut vorliest:

CD-Cover Savages - Silence Yourself

matador

"Silence Yourself" von den Savages ist bei Pop Noir/Matador erschienen.

"The world used to be silent, now it has too many voices, and the noise is a constant distraction. They will multiply, intensify, they will divert your attention to what´s convenient and Forget to tell you about yourself...SILENCE YOURSELF."

Was aber nicht bedeutet, dass der Longplayer der Savages nicht bis zum Anschlag aufgedreht werden soll. Bewusst gehört sollte er werden: "This Album is to be played loud in the foreground" heißt es am Albumcover.

Jehnny Beth: "The 'silence yourself' thing is very much about our times. There was a Quote from David Bowie where he said, we are killing the mystique by giving too much away. The idea of being distracted is very much part of our times."

Savages- Londoner Band, vier Frauen

nme uk

Das Stück "Marshal Dear" ist ein herrlich düsterer Torch-Song mit tollem Piano und Klarinette.

Ja, einer der Songs, "She Will", fängt tatsächlich so an, als wäre er ein Joy-Division-Song, und ja, Jehnny Beth klingt auch wirklich ein wenig wie Siouxsie von Siouxsie & The Banshees. Die große Siouxsie Sioux lebt übrigens, eh schon eine ganze Weile, nahe dem südwestfranzösischen Toulouse - zusammen mit ihrer Partnerin, nachdem ihre langjährige Ehe mit dem Banshees-Drummer Budgie zu Ende ging. Die Songs der Savages sind voller popmusikalischer Referenzpunkte. Im Schlamm wälzen, so wie einst die Slits, jene Londoner all-female-Punkband rund um Sängerin Ari Up, tun sich die Savages aber natürlich nicht, schließlich schreiben wir bereits das Jahr 2013. Letztes Jahr gab es die erste Single der Savages, "Flying To Berlin/Husbands", und erst im Jahr davor war die Bandgründung, samt einem ersten Konzert als Vorgruppe für British Sea Power. Über die Tour mit den Vaccines wollen die Savages lieber nicht reden. Was immer da war, was immer es bei den Savages an Troubles gibt - angeblich einiges - schon lange klang doom and gloom nicht mehr so verlockend.

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  • crutches | vor 1485 Tagen, 12 Stunden, 10 Minuten

    Also gegen die böhsen Ablenkungen der modernen Zeit?

    Urcool, die sind auf dem selben Meinungsstand wie mein Opa!

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    • evaumbauer | vor 1485 Tagen, 4 Stunden, 12 Minuten

      Gell

      urcool. Die und der Opa, urcool.

  • christianfuchs | vor 1485 Tagen, 21 Stunden, 51 Minuten

    mich berühren die savages ja - durchaus produktiv - auf sehr widersprüchliche weise.

    einerseits finde ich es fast ein wenig beklemmend, wie hier mit einer pingeligen perfektion ein gesamtkunstwerk errichtet wird, dass sich fast zur gänze aus retro-bausteinen zusammensetzt. da stimmt jeder akkord, jedes quietschen, jedes hemd, jede frisur, alles fotos und cover, strenge postpunkhistorie, streng neu aufbereitet, fast wie von simon reynolds als beweisführung für sein buch "retromania" erdacht.

    andererseits imponiert es mir gewaltig, dass sich endlich eine aktuelle band in interviews den ganzen quatsch mit "hat sich im proberaum ergeben" spart und mit keiner pseudo-beiläufigkeit hausieren geht. die geben zu, sich das alles minutiös am reißbrett entworfen zu haben, bevor ein ton existierte, unglaublich erfrischend.

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